Politik

Männersache Politik? Weniger Frauen im Bundestag statt mehr - woran liegt das?

Mehr Männer, weniger Vielfalt? Im neuen Bundestag finden sich weniger Frauen als zuvor. Fachleute sagen: Nicht nur für die Themensetzung könnte das zu einem Problem werden.
16.03.2025 16:02
Lesezeit: 3 min
Männersache Politik? Weniger Frauen im Bundestag statt mehr - woran liegt das?
Sie war Jahre lang unsere Frauenquote: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt in der Plenarsitzung im Deutschen Bundestag. Die Hauptthemen der 212. Sitzung der 19. Legislaturperiode sind der EU-Haushalt, das Arbeitsprogramm der EU-Kommission, die Frauenquote für Unternehmensvorstände. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Im Schnitt 47 Jahre alt, männlich, weiß: Das ist der durchschnittliche Abgeordnete im neu gewählten Bundestag. Und Frauen? Die machen zwar etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus, sind aber im Parlament mit einem Anteil von 32,4 Prozent deutlich unterrepräsentiert. Im Vergleich zur vorherigen Legislaturperiode ist der Frauenanteil gesunken: Bisher konnten rund 35 Prozent Frauen auf den Rängen des Plenarsaals mitbestimmen.

Der Wert im neuen Bundestag ist laut Sheyda Weinrich von der Bundesstiftung Gleichstellung wieder besonders gering. 1998 habe es erstmals einen Frauenanteil von über 30 Prozent gegeben. 2013 sei mit 37 Prozent die bisherige Höchstmarke erreicht worden - seitdem falle der Wert wieder ab. Damals regierte unter dem Vorsitz von Ex-Kanzlerin Angela Merkel eine große Koalition aus Union und SPD.

Zu wenige Frauen bei AfD und Union

Der gesunkene Anteil hängt Weinrich zufolge vor allem mit dem Erstarken von AfD und Union zusammen. "Insbesondere bei den Direktmandaten sind bei den erstarkten Fraktionen zu wenige Frauen dabei", erläutert Weinrich im Gespräch. Bei der AfD sind zwölf Prozent der Parlamentarier weiblich. In der Union sind 23 Prozent der Abgeordneten Frauen.

Ein strukturelles Problem bei Parteien sieht auch die Juristin Silke Ruth Laskowski, Expertin für Parität und Antidiskriminierungsrecht an der Universität Kassel. "Sie bevorzugen bei den Kandidaturen Männer und bremsen Frauen aus und das verstößt gegen deren Recht auf Chancengleichheit in den Kandidaturen", sagt Laskowski.

Mit 61 Prozent können die Grünen den höchsten Anteil an weiblichen Abgeordneten für sich verbuchen, knapp dahinter folgt die Linke mit rund 56 Prozent. Bei der SPD fällt das Geschlechterverhältnis mit 42 zu 58 Prozent leicht zugunsten der Männer aus.

Expertin: Würden bestimmte Debatten ohne Frauen nicht führen

Doch bleiben mit weniger Frauen im Parlament auch Gleichstellungsfragen auf der Strecke? Durch diesen Umstand dominiere im Bundestag ein "männlicher Blick", sagt Laskowski. "Das heißt, Themen von Frauen und Perspektiven, die für deren Lebensrealität wichtig sind, verschwinden oder werden heruntergespielt."

Durchbrüche bei Frauenrechten und Gleichstellungsanliegen seien in der Vergangenheit oft nur durchgebracht worden, "weil sich die wenigen Frauen im Bundestag überhaupt zusammengeschlossen und Themen vorangebracht haben2, sagt Weinrich. Nicht alle weiblichen Abgeordneten setzten sich zwangsläufig für gleichstellungsorientierte Politik ein, aber mit mehr Frauen in Parlamenten werde es wahrscheinlicher. "Je mehr Frauen in den Bundestag kamen, desto mehr wurden auch Themen, die Frauen betreffen, dort zur Sprache gebracht", bestätigt auch Laskowski.

Zeit für Parität?

Aus der vergleichsweise gut mit Frauen besetzten Fraktion der Grünen blickt Co-Vorsitzende Britta Haßelmann mit Sorge auf den geringen Frauenanteil. "Frauen werden keine Nebenrolle einnehmen und sich damit auch nicht abfinden", sagte sie bereits wenige Tage nach der Bundestagswahl.

Für Katja Mast, Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD, ist der gesunkene Anteil eine "erschreckende Entwicklung, die den gleichstellungspolitischen Rückschritt durch konservative und rechte Parteien sehr deutlich zeigt". Es sei Zeit für ein Paritätsgesetz, das bisher "immer wieder an CDU und CSU, FDP und AfD" gescheitert sei, mahnt Mast.

Die frauenpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Silvia Breher, hätte sich in ihrer Fraktion einen höheren Frauenanteil gewünscht. Der geringe Anteil liege "vor allem daran, dass ein Großteil unserer Sitze sich aus gewonnenen Direktmandaten erschließt", erklärt Breher auf Anfrage. Das neue Wahlrecht habe dafür gesorgt, "dass sechs Frauen aus der Union nicht in den Deutschen Bundestag einziehen, obwohl sie ihren Wahlkreis direkt gewonnen haben". Die Union müsse Rahmenbedingungen schaffen, "dass Frauen in unserer Partei die gleichen Chancen haben wie Männer".

Aus Sicht der AfD-Politikerin Beatrix von Storch hängt der geringe Frauenanteil in den eigenen Reihen mit dem Umgang mit der Partei zusammen. Werde die Partei «wie jede andere» behandelt, "werden sich auch mehr Frauen in der AfD engagieren und in Ämter und Mandate gewählt werden", sagt von Storch auf Anfrage mit. Auch unabhängig von Geschlecht oder anderen Eigenschaften würden die Abgeordneten "das ganze Volk" repräsentieren. Eine aus ihrer Sicht verfassungswidrige Frauenquote lehnt sie ab.

Expertin: Parität ist keine "Mammutaufgabe"

Hinter dem geringen Frauenanteil versteckt sich aus Sicht der Expertinnen auch ein Demokratieproblem: Frauen kämen vor allem nicht in politische Ämter, "weil es strukturelle Barrieren gibt und es keine gleichen Zugangschancen gibt", kritisiert Weinrich. Sie würden seltener in wichtigen Wahlkreisen aufgestellt, Politik werde ihnen oft nicht zugetraut. "Letztendlich ist das eine Demokratiefrage, wenn es uns nicht gelingt, allen Frauen wie Männern den gleichen Zugang zu politischen Ämtern zu ermöglichen."

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Die XRP-Preise stiegen, und XRP-Inhaber verdienten über 10.000 US-Dollar pro Tag durch FORT Miner Hashrate-Verträge.

Mit der jüngsten Erholung der XRP-Preise hat sich die Risikobereitschaft am Markt entsprechend verbessert. Kapital fließt wieder in...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Trumps Ölpolitik: Widerstand in der US-Ölindustrie wächst
15.01.2026

Die US-Regierung treibt einen energiepolitischen Kurs voran, der in der heimischen Ölindustrie auf wachsenden Widerstand stößt. Doch...

DWN
Technologie
Technologie Reparaturpflicht für Smartphones und Waschmaschinen: Verbraucher profitieren
15.01.2026

Ab diesem Sommer gilt ein Recht auf Reparatur für Smartphones, Waschmaschinen und andere Geräte. Hersteller müssen Reparaturen während...

DWN
Finanzen
Finanzen Ray Dalio warnt: 38 Billionen US-Dollar Schulden und "wirtschaftlicher Herzinfarkt" der USA
15.01.2026

38 Billionen US-Dollar Staatsschulden belasten die USA wie ein Damoklesschwert. Ray Dalio, Gründer des Hedgefonds Bridgewater, warnt vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kupferpreis-Rekordhoch: US-Importe und Zollpolitik treiben Preise für Industriemetalle
15.01.2026

Die globalen Rohstoffmärkte geraten zunehmend unter den Einfluss geopolitischer Entscheidungen und strategischer Lagerpolitik. Der...

DWN
Immobilien
Immobilien Studie: In Deutschland fehlen 1,4 Millionen Wohnungen
15.01.2026

Die Wohnungssuche hat sich in vielen Regionen zum Albtraum entwickelt, Besserung ist nicht in Sicht. Nach einer Studie des Pestel-Instituts...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Geschäftsbericht: Weshalb Glaubwürdigkeit über den Geschäftserfolg entscheidet
15.01.2026

Geschäftsberichte gelten oft als lästige Pflicht. Doch hinter Tabellen und Kennzahlen entscheidet sich, ob Unternehmen glaubwürdig...

DWN
Technologie
Technologie Schranken für anzügliche KI-Bilder bei Musk-Chatbot Grok
15.01.2026

Elon Musks Chatbot Grok sorgte für internationale Empörung, weil Nutzer Frauen und Minderjährige in durchsichtigen Bikinis darstellen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Zyklus im Blick: Warum Experten keinen Börsencrash erwarten
15.01.2026

Die KI-Euphorie treibt die Bewertungen an den globalen Aktienmärkten und weckt Erinnerungen an frühere Technologiezyklen. Doch tragen...