Politik

Trumps Handelskrieg zwingt EU und China zu einer Annäherung – doch der Preis ist hoch

Der eskalierende Handelskonflikt zwischen den USA und China zwingt die EU zu einem Strategiewechsel. Doch der geopolitische Preis ist hoch – und selbstgewählt.
26.04.2025 08:57
Lesezeit: 2 min
Trumps Handelskrieg zwingt EU und China zu einer Annäherung – doch der Preis ist hoch
Trumps Zollpolitik drängt Europa zu China – eine neue strategische Allianz formt sich unter wirtschaftlichem Druck. (Foto:dpa) Foto: Kay Nietfeld

Was noch vor einem Jahr undenkbar schien, wird nun Realität: Die Europäische Union und China nehmen ihre Beziehungen wieder auf – unter dem Druck aus Washington. Der eskalierende Zollkonflikt zwischen den USA und China verändert das geopolitische Kräfteverhältnis – und Europa gerät zwischen die Fronten.

Ein neuer EU-China-Gipfel ist für Juli angesetzt. Es ist das erste Treffen auf höchster Ebene seit über einem Jahr. Ein diplomatisches Tauwetter, das allerdings nicht aus Überzeugung, sondern aus ökonomischem Zwang erfolgt.

Denn der Handelskrieg, den Donald Trump mit neuer Wucht gegen Peking führt, öffnet ein Ventil – und dieses führt direkt in den europäischen Markt.

Von der Risikominimierung zur Schadensbegrenzung

Noch vor kurzem sprach EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von „De-Risking“ – also einer bewussten strategischen Distanzierung von China. Heute jedoch scheint von dieser Haltung wenig übrig: Die Gespräche mit Peking nehmen wieder Fahrt auf, und Brüssel scheint mehr an Schadensbegrenzung als an strategischer Unabhängigkeit interessiert.

Analysten sprechen bereits von einem Paradigmenwechsel. Alexander Davey vom China-fokussierten Berliner MERICS-Institut erklärt:

„Von der Leyens China-Strategie war der transatlantischen Partnerschaft verpflichtet. Doch die USA sind keine verlässlichen Partner mehr – spätestens seit Trump mit 145-Prozent-Zöllen auf chinesische Waren droht.“

Die EU steht damit vor einem Dilemma: Sie kann den Konflikt nicht beeinflussen, aber sie wird zum Hauptbetroffenen.

Die Folgen der Eskalation: Billigflut in der EU

Washingtons Zollschranken machen den amerikanischen Markt für chinesische Exporteure unattraktiv – oder gar unzugänglich. Doch die Produktion läuft weiter, und die Waren brauchen ein Ziel.

Die EU wird zur logischen Ausweichadresse. Bereits heute liegt das Handelsdefizit der EU gegenüber China bei über 300 Milliarden Euro jährlich. Kommt es zu einem weiteren Zufluss subventionierter Waren – von E-Autos über Solarpanels bis hin zu Stahl –, droht eine massive Marktverzerrung in der Union.

Ein gefährliches Szenario, das nicht nur die europäische Industrie unter Druck setzt, sondern auch politische Spannungen innerhalb der EU verschärft.

Zölle gegen Cognac, Drohungen gegen Schweinefleisch – China kennt die Schwächen der EU

Der letzte Streitpunkt – die Zölle auf chinesische E-Autos – hatte im Sommer 2024 beinahe zu einem Handelskrieg geführt. Peking reagierte gezielt mit Strafzöllen auf Cognac und drohte mit Sanktionen gegen europäische Agrarprodukte wie Schweinefleisch und Milchpulver.

China weiß genau, wo es die EU verwunden kann. Die Antwort der EU: neue Schutzinstrumente wie Mindestpreise für Importe – statt pauschaler Zölle. Eine politische Kapitulation? Vielleicht. Eine wirtschaftliche Notwendigkeit? Möglicherweise.

Bruchstellen innerhalb der EU: Kein gemeinsamer Kurs

Die EU-Staaten sind sich über ihren Kurs gegenüber China zutiefst uneinig.

  • Italien zog sich kürzlich aus der Belt-and-Road-Initiative zurück – doch der Kurs bleibt wankelmütig.
  • Deutschland, Polen und Tschechien sind auf den Handel mit China angewiesen.
  • Ungarn und die Slowakei pflegen enge Beziehungen zu Peking.
  • Währenddessen fordern Länder wie Schweden und die Niederlande eine härtere Gangart.

Ein einheitlicher Kurs ist nicht in Sicht – und genau das nutzt China konsequent aus.

Der Sicherheitsfaktor: Sanktionen und Raketen im Schatten des Handels

Komplizierend kommt hinzu, dass der Ukraine-Krieg eine neue Dimension eröffnet:

Selenskyj hat kürzlich Sanktionen gegen China verhängt, nachdem Hinweise auf chinesische Waffenlieferungen an Russland aufgetaucht waren – darunter mutmaßlich auch Iskander-Raketen, die bei Angriffen auf Charkiw eingesetzt wurden.

„Das ist kein Handelsstreit mehr“, sagt Ex-Handelskommissarin Cecilia Malmström. „Zölle kann man verhandeln. Raketenlieferungen nicht.“

Irland, Intel – und das geopolitische Schlupfloch

Doch selbst in der Grauzone zwischen Wirtschaft und Sicherheit entstehen neue Allianzen:

Irlands Intel-Fabrik in Leixlip könnte zum geopolitischen Joker werden – so argumentieren Analysten.

„Made in USA“ – produziert in der EU – könnte chinesischen Unternehmen ermöglichen, amerikanische Zölle zu umgehen. Ein Fall, der bezeichnend dafür ist, wie eng verflochten und wie leicht manipulierbar das globalisierte System geblieben ist.

Fazit: Europa als Spielball – oder als Gegengewicht?

Der Handelskrieg zwischen den USA und China eskaliert – und die EU steht dazwischen. Nicht als souveräner Akteur, sondern als ökonomischer Puffer und politischer Spielball. Die Frage ist nicht, ob sich die EU wieder auf China zubewegt – das passiert längst. Die Frage ist, zu welchem Preis. Wenn Brüssel keinen klaren, geeinten Kurs findet, wird Europa nicht Gestalter, sondern Getriebener der neuen Weltordnung sein.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Brady TwinLead: Wenn das Etikett plötzlich mitdenkt

Ein Etikett bleibt am Produkt, doch die Informationen dahinter können sich verändern. Mit TwinLead verbindet Brady physische...

DWN
Politik
Politik Stoppen, abschwächen, zerschlagen: NATO-Oberbefehlshaber erläutert Reaktion auf einen Angriff
14.10.2026

General Alexus Grynkewich, Oberster Alliierter Befehlshaber der NATO in Europa, hat beim Warsaw Security Forum die „Theorie des Sieges“...

DWN
Finanzen
Finanzen Roboter-Aktien: Investoren sehen Chancen im globalen Robotik-Wettlauf
14.10.2026

Physische KI gilt für viele Techinvestoren als das nächste große Thema an den Aktienmärkten. Mehrere Roboter-Aktien könnten davon...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sie sollen Palantir beim französischen Geheimdienst ersetzen, jetzt nehmen sie Dänemark ins Visier
14.10.2026

Mehrere europäische Staaten hinterfragen ihre Abhängigkeit von amerikanischer Sicherheitssoftware. Davon will das französische...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt wegen schwacher Chip-Aktien nach
13.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die Wall Street heute bewegt haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland erzielt mit Europas Energiekäufen Einnahmen von rund 322 Milliarden Euro
13.10.2026

Europa will seine Energieabhängigkeit von Russland beenden. Doch trotz Sanktionen fließt weiterhin eine große Menge Kapital nach Moskau....

DWN
Finanzen
Finanzen Rente 2026: Fast 2.000 Euro? Für die meisten ein Traum – 5 Zahlen zeigen die Realität
13.10.2026

Die Politik verweist auf ein stabiles Rentenniveau und knapp 2.000 Euro Standardrente. Doch amtliche Zahlen zeigen: Das ist ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland baut neue Bahnstrecke von Hamburg nach Hannover – aber erst 2050
13.10.2026

Überlastete Strecke: Zwischen Hamburg und Hannover fahren täglich rund 200 Güterzüge, dazu ICE- und Regionalzüge. Staus und...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Hat Trump den größten Fehler der USA begangen?
13.10.2026

Donald Trump wollte Iran in die Knie zwingen. Stattdessen gerät die amerikanische Supermacht selbst unter Druck. Der Krieg verschlingt...