Technologie

Im Moment gewinnen wir gegen die künstliche Intelligenz – noch

Im Wettrennen zwischen Mensch und Maschine scheint die Entscheidung längst gefallen: Algorithmen rechnen schneller, analysieren effizienter, lernen kontinuierlich und ruhen nie. Doch ein genauer Blick auf die Realität der Finanzmärkte zeigt ein überraschendes Bild – in der Praxis gewinnen derzeit noch die Menschen.
30.04.2025 14:19
Aktualisiert: 30.04.2025 14:19
Lesezeit: 2 min

Maschinen können viel – aber nicht alles

Stellen wir uns ein einfaches Experiment vor: Zwei Hedgefonds, identisch kapitalisiert. Der eine wird von erfahrenen Analysten, der andere ausschließlich von Algorithmen geführt. Wer schlägt sich besser? Die Antwort ist nicht nur eine Frage der Technik – sondern auch der Zeit.

Die Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz haben in den vergangenen Jahren die Grenze des technisch Machbaren kontinuierlich verschoben. In der Medizin stellen Algorithmen bereits in vielen Bereichen präzisere Diagnosen als Ärzte. In der Sprachtechnologie übersetzen KI-Modelle flüssiger, schneller und günstiger als ein ganzes Team professioneller Übersetzer. Und an der Börse? Auch hier kommen Algorithmen längst in großem Stil zum Einsatz – von der automatisierten Handelsentscheidung bis hin zur fundamentalen Aktienanalyse.

Doch: Wer zu Beginn des Jahres 2019 in aktiv verwaltete Fonds – also in Fonds, die von Menschen geführt werden – investierte, schnitt besser ab als diejenigen, die auf KI-gestützte, rein algorithmische Systeme setzten. Der menschliche Faktor machte sich bezahlt – mit einer deutlich höheren Rendite.

Das klingt nach einem Rückschlag für die Technologiegläubigen. Doch der Teufel steckt im Detail.

Der Zeitfaktor: Eine Frage der Perspektive

Denn wer sich die Performance seit 2010 ansieht, erkennt das Gegenteil: Auf lange Sicht gewinnen die Maschinen. Der Vorsprung der KI-Fonds war über fast ein Jahrzehnt stabil – erst ab 2019 änderte sich das Bild. Ein statistisches Ausreißersignal? Vielleicht. Oder steckt mehr dahinter?

Die wissenschaftliche Literatur bietet interessante Einblicke. Eine vielzitierte Studie von Miguel und Chen mit dem bezeichnenden Titel „Do machines beat humans?“ zeigt, dass menschliche Fondsmanager im Vergleich zu Algorithmen über eine höhere Persistenz bei Überrenditen verfügen – also ihre Gewinne verlässlicher wiederholen können. Maschinen neigen hingegen dazu, schneller und abrupter zu scheitern.

Noch spannender wird es, wenn Mensch und Maschine zusammenarbeiten. In der Untersuchung „From Human vs. Machine to Human + Machine“ wurden Prognosen menschlicher Analysten mit denen eines Deep-Learning-Modells verglichen – sowie eine Kombination beider Methoden getestet. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Hybrid-Ansatz war mit Abstand am erfolgreichsten. Die Risiken wurden um bis zu 90 Prozent reduziert. Die Schwächen beider Seiten wurden gegenseitig ausgeglichen – mit enormem Mehrwert für Investoren.

Die entscheidende Erkenntnis: Der Mensch bleibt vorerst unersetzlich

So zeigt sich: Der Kampf „Mensch gegen Maschine“ ist eine Fehleinschätzung. Die wahre Kraft liegt in der Zusammenarbeit. Während KI-Modelle Geschwindigkeit, Rechenleistung und Mustererkennung mitbringen, liefern Menschen Intuition, Kontextverständnis, Kreativität – und eine unverzichtbare Fehlerkultur. Noch sind es die Menschen, die den Rahmen definieren, in dem Algorithmen operieren. Und: Noch sind es Menschen, die beurteilen können, wann ein Modell versagt.

Zugegeben: Niemand weiß, wie lange das noch so bleibt. In zwei oder drei Jahrzehnten könnte sich die Rollenverteilung grundlegend verändert haben. Doch derzeit – und das ist keine triviale Erkenntnis – sind es die Menschen, die an den Finanzmärkten wieder die Nase vorn haben. Nicht trotz, sondern auch wegen der Technologie.

Die eigentliche Herausforderung ist daher nicht die Frage, ob Maschinen uns ersetzen, sondern wie wir sie integrieren. Wer heute klug handelt, setzt auf menschliche Erfahrung, verstärkt durch algorithmische Präzision – nicht umgekehrt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Rechnungen digitalisieren: Wie Unternehmen Liquidität und Cashflow smarter steuern

Umsatz bedeutet noch keine gesicherte Liquidität. Zwischen der erbrachten Leistung und dem tatsächlichen Eingang des Geldes können...

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Panorama
Panorama DWN-Podcast Folge 35: Die Woche im Rückblick – KW 30
24.07.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Politik
Politik Rohstoffsicherheit oder EU-Dirigismus? Europas Nullsummenspiel gegen China
24.07.2026

Europa will seine Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen verringern. Der Critical Raw Materials Act soll Lieferketten breiter...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Vorwand Zwangsarbeit: Trump verhängt neue Zölle gegen 60 Handelspartner
24.07.2026

Der US-Präsident weicht nicht zurück: Pünktlich zum Auslaufen der gesetzlichen Frist für seine bisherigen weltweiten Sonderzölle...

DWN
Politik
Politik Regierungsumbau nach Rücktrittsdebakel: Wie Merz sein Kabinett neu ordnet
24.07.2026

Es war absehbar, dass Friedrich Merz den Posten an der Spitze des Kanzleramts neu besetzen muss. Der Bundeskanzler und CDU-Chef beschränkt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW-Aktie unter Druck: Gewinn bricht um ein Drittel ein und Umsatzprognose sinkt
24.07.2026

Anhaltend schwache Verkaufszahlen, insbesondere auf dem wichtigen chinesischen Markt, machen dem Volkswagen-Konzern schwer zu schaffen: Im...

DWN
Politik
Politik G20-Ausladung durch Trump: Außenminister Wadephul kritisiert US-Ausschluss Südafrikas
24.07.2026

US-Präsident Donald Trump lädt Südafrika vom kommenden G20-Gipfel in Florida aus – und erntet dafür scharfe Kritik aus Berlin....

DWN
Politik
Politik Bundesverwaltungsgericht entscheidet: Händler müssen für das Recycling von Plastik-Tragetaschen zahlen
24.07.2026

Ob robust oder mehrmals nutzbar: Die stabilen Kunststofftaschen aus dem Supermarkt gelten rechtlich als Verpackung. Das hat das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Solarenergie: Chinas Dominanz bedroht die grüne Revolution
24.07.2026

Solarenergie wächst inzwischen schneller als der weltweite Strombedarf und verdrängt erstmals fossile Kraftwerke. Doch ausgerechnet der...