Wirtschaft

Keine Erholung in Sicht: Rutscht die deutsche Wirtschaft wieder ab?

Die deutsche Wirtschaft könnte auch 2025 zum dritten Mal in Folge schrumpfen. Der Handelskonflikt hat die Lage drastisch verschärft. Steht die längste Rezession in der Geschichte der Bundesrepublik bevor?
03.05.2025 05:51
Lesezeit: 3 min

Wie steht es um die deutsche Konjunktur?

Die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Umschwung ist vorerst geplatzt: Zwar verzeichnete die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal nach zwei Rezessionsjahren ein geringes Wachstum. Doch die Perspektiven für den Exportstandort Deutschland im Jahr 2025 sind trüb – vor allem durch die Zollstrategie von US-Präsident Donald Trump.

Mehr Industrieproduktion, bessere Zahlen im Baugewerbe, steigende Umsätze im Einzelhandel: In den ersten Monaten des Jahres gab es positive Signale. Nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes legten private Konsumausgaben und Investitionen gegenüber dem Vorquartal zu. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs um 0,2 Prozent. Im letzten Quartal 2024 war es preisbereinigt noch um 0,2 Prozent gesunken. Doch dieser Lichtblick dürfte nur von kurzer Dauer sein: Der Zollstreit verändert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die kommenden Monate deutlich.

"Die wirtschaftliche Lage in Deutschland dürfte angespannt bleiben, insbesondere wegen der handelspolitischen Entwicklungen und den damit verbundenen Unwägbarkeiten", sagt Geraldine Dany-Knedlik, Konjunkturchefin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland nun wenigstens einen Teil seiner hausgemachten Probleme löst und etwa seinen Investitionsstau bei Infrastruktur und Digitalisierung stärker angeht als bislang."

Wie sieht die Prognose aus?

Die größte Volkswirtschaft Europas steht möglicherweise vor dem dritten Jahr ohne Wachstum – ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. In den letzten Wochen wurden zahlreiche Prognosen nach unten korrigiert:

Die Bundesregierung rechnet aktuell mit einer Stagnation des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Januar hatte sie noch ein Wachstum von 0,3 Prozent erwartet.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht für Deutschland in diesem Jahr kein Wachstum. Wegen Trumps Zollpolitik befürchtet er weltweit eine Abschwächung.

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel meinte, im besten Fall gebe es 2025 Stillstand. Er könne aber "nicht ausschließen, dass wir möglicherweise auch ein leichtes negatives Vorzeichen bekommen, also eine leichte Rezession".

Welche Faktoren belasten am meisten?

Durch Trumps kompromisslose "America First"-Strategie sind internationale Märkte und Partnerstaaten in Aufruhr. Vor allem das umfangreiche Zollpaket stellt eine Belastung historischen Ausmaßes dar. Zusätzliche Unsicherheit bringt der unklare Kurs: Einzelne Zölle wurden bereits temporär ausgesetzt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach von "außergewöhnlich hoher Unsicherheit".

Vincenzo Vedda, Global Chief Investment Officer bei der Deutsche-Bank-Tochter DWS, erklärte: "Mit einem turbulenten Antritt Donald Trumps zweiter Amtszeit hatten wir gerechnet. Dass die Abschottung der USA so kompromisslos verfolgt werden würde, hatten wir jedoch nicht erwartet." Unabhängig vom weiteren Verlauf sei "bereits genug Vertrauen zerstört, um Verbraucher, Anleger und Unternehmen vorsichtiger werden zu lassen".

Kommt die Inflation zurück? Welche Maßnahmen die neue Regierung plant

Union und SPD haben ein umfassendes Programm vorgelegt, um die Wirtschaft zu beleben: Unternehmen sollen von verbesserten Abschreibungsregelungen profitieren. Zudem sollen Energiekosten und Steuern für Firmen sinken, das Arbeitsrecht flexibilisiert und Bürokratie abgebaut werden. Der Ausbau der erneuerbaren Energien soll kosteneffizienter werden.

Im April sank die Inflationsrate in Deutschland zum zweiten Mal nacheinander – von 2,2 Prozent im März auf jetzt 2,1 Prozent. Die weitere Entwicklung bleibt mit Blick auf den Zollkonflikt allerdings unsicher. Insbesondere Industriegüter könnten teurer werden. Ökonomen befürchten zudem, dass geplante hohe Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur die Teuerung wieder antreiben könnten. Im Jahresdurchschnitt 2022 lag die Inflationsrate bei 6,9 Prozent, 2023 bei 5,9 Prozent, 2024 fiel sie auf 2,2 Prozent. Die Preise steigen also nicht mehr so stark, doch Konsumenten spüren das hohe Niveau weiterhin. Besonders Lebensmittel verteuern sich überdurchschnittlich, während Energie günstiger wurde.

Da auch in der Eurozone die Inflation zurückgeht, hat die Europäische Zentralbank den Einlagenzins bereits siebenmal seit Juni gesenkt – aktuell auf 2,25 Prozent. Eine weitere Zinssenkung im Sommer ist möglich, was für Sparer niedrigere Renditen bedeuten könnte.

Wie hart treffen Trumps Zölle Deutschland?

Als stark exportorientierte Volkswirtschaft trifft Deutschlands Trumps Zolloffensive besonders hart: Die USA sind Deutschlands wichtigster Handelspartner – noch vor China und den Niederlanden – und größter Abnehmer deutscher Waren. 2024 wurden laut Statistischem Bundesamt Waren im Wert von rund 253 Milliarden Euro zwischen beiden Ländern gehandelt. Deutsche Firmen exportierten Güter im Wert von gut 161 Milliarden Euro in die USA – über zehn Prozent aller Ausfuhren. So wichtig wie 2024 waren die USA für deutsche Exporteure in den letzten zwei Jahrzehnten nicht.

Wichtige Industriezweige wie die Auto- und Maschinenbauindustrie schwächeln, doch andere Sektoren profitieren: Banken und Versicherungen freuen sich über hohe Zinsen, was Firmen wie Allianz, Munich Re und Commerzbank Rekordergebnisse beschert. Die Pharmabranche ist ebenfalls stark und zieht Milliardeninvestitionen aus dem Ausland an. Der Softwarekonzern SAP konnte seinen Gewinn deutlich steigern. Doch die IT-Branche ist volkswirtschaftlich weniger bedeutsam. Ähnlich der Tourismus: 2024 war ein Rekordjahr – denn am Urlaub sparen die Deutschen selten, auch in der Krise.

Gibt es Hoffnung auf Erholung?

Sollte der Zollkonflikt mit den USA beigelegt werden, könnten sich die Aussichten für die deutsche Wirtschaft deutlich verbessern. Die EU hat bereits geplante Gegenzölle ausgesetzt – in der Hoffnung auf Verhandlungen. Trump stellte Autoherstellern sogar mögliche Zollausnahmen in Aussicht.

Auch das Milliardenpaket der Bundesregierung für Verteidigung und Infrastruktur könnte der Konjunktur Auftrieb geben – wenn auch nicht kurzfristig. "Von den finanzpolitischen Weichenstellungen der künftigen Bundesregierung werden positive Impulse ausgehen, die allerdings erst in den kommenden Jahren spürbar zum Wachstum beitragen werden", so die scheidende Bundesregierung. Für 2026 rechnet sie mit 1,0 Prozent Wirtschaftswachstum.

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