Wirtschaft

ESG-Wende: Banken öffnen sich für Rüstungsfinanzierung

Lange galten Rüstungsfirmen als tabu für ESG-Investoren – jetzt vollzieht die deutsche Finanzwelt offenbar eine Kehrtwende. Sicherheit wird plötzlich zum moralischen Imperativ, Banken öffnen ihre Kassen für Waffenprojekte. Was steckt hinter diesem Kurswechsel?
17.06.2025 13:42
Lesezeit: 2 min
ESG-Wende: Banken öffnen sich für Rüstungsfinanzierung
Rüstungsprojekte gelten nun scheinbar als gesellschaftlich verantwortungsvoll. (Foto: dpa/KEYSTONE | Peter Klaunzer) Foto: Peter Klaunzer

Finanzwende mit politischer Sprengkraft

„Auch in Deutschland war die Finanzierung von Rüstungsprojekten lange Zeit ein Tabu“, erklärt Andreas von Büren, Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), im Gespräch mit der slowenischen Publikation Finance.si. Die Finanzbranche orientierte sich strikt an ESG-Kriterien, die die Verteidigungsindustrie auf eine Stufe mit Tabak-, Atom- oder Fossilkonzernen stellten. Doch nun bröckeln die alten Dogmen.

Vor wenigen Tagen fand eine zentrale Konferenz mit Bankvertretern und Private-Equity-Fonds statt. Ergebnis: „Große Bankhäuser sind neuerdings bereit, Verteidigungsprojekte zu finanzieren“, sagt von Büren. Der Grund für den plötzlichen Sinneswandel sei offensichtlich: „Sicherheit ist die Voraussetzung, damit gesellschaftliche Verantwortung überhaupt möglich ist.“

Branchenöffnung für Zulieferer: Slowenien im Fokus

Die Neuausrichtung der deutschen Verteidigungspolitik hat Folgen für internationale Kooperationen. Von Büren reiste kürzlich erneut nach Slowenien – auf Einladung der Deutsch-Slowenischen Industrie- und Handelskammer (AHK Slowenien). Bereits vor 18 Monaten war er dort, um sich mit Vertretern des slowenischen Verteidigungsindustrienetzwerks GOIS auszutauschen. Der BDSV selbst vertritt rund 380 Unternehmen, darunter Schwergewichte wie Rheinmetall, Hensoldt, KNDS, Airbus, Diehl und alle großen Werften.

AHK-Präsidentin Dagmar von Bohnstein sieht in der Öffnung zum Süden eine Chance: „In Deutschland wächst das Sicherheitsbudget, aber es fehlen qualifizierte Zulieferer. Wir prüfen, welche innovativen Unternehmen aus Slowenien für eine Zusammenarbeit geeignet sind.“ Beim jüngsten Treffen in Ljubljana wurden deshalb gezielt ausgewählte Unternehmen aus der Automobilbranche eingeladen.

Vom Auto zur Waffe: kein leichter Umstieg

Doch der Weg vom Autozulieferer zum Rüstungspartner ist steinig. „Es klingt einfach, ist es aber nicht“, warnt von Büren. Die Verteidigungsbranche sei durch kleine Serien, hohe Anforderungen an Sicherheit und spezielle militärische Standards geprägt. „Der Sprung aus der Auto- in die Rüstungsindustrie gelingt nicht über Nacht.“ Dennoch sieht von Büren Potenzial: Die Autoindustrie sei äußerst heterogen – Elektronik, Metallverarbeitung, Forschung –, das biete viele Anknüpfungspunkte. Der Schlüssel sei Spezialisierung.

Nächste Station: Konferenz und Rüstungsmesse

Das erste Treffen in Slowenien war nur der Auftakt. Im November folgt eine weitere Konferenz in Ljubljana mit breiterem Teilnehmerkreis. Außerdem plant die AHK für Februar 2026 eine Delegationsreise zur Sicherheitsmesse Enforce Tac in Nürnberg. „Dort können wir aus erster Hand sehen, was deutsche Unternehmen tatsächlich brauchen“, so von Bohnstein.

Wer profitiert vom Boom der Sicherheitsindustrie?

„Am Ende profitieren die Bürger – durch mehr Sicherheit“, meint von Büren. Für von Bohnstein geht es aber auch um wirtschaftliche Stärke: „Gewinner sind zudem innovative und anpassungsfähige Unternehmen. Nicht einzelne Akteure, sondern projektbezogene Kooperationen zwischen Politik und Wirtschaft entscheiden über den Erfolg.“ Die ESG-Wende der Banken könnte damit erst der Anfang eines sicherheitspolitischen Paradigmenwechsels sein.

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