Wirtschaft

Krieg ohne Inflation: Wie Israel das ökonomische Tabu bricht

Israel führt Krieg, pumpt Milliarden in Rüstung und treibt die Geldmenge nach oben – doch die Inflation bleibt aus. Ist alles, was wir über Geldpolitik wissen, falsch?
18.06.2025 17:48
Lesezeit: 2 min

Israel zeigt: Krieg muss keine Inflation auslösen

Innerhalb von zwei Jahren hat Israel seine Militärausgaben massiv erhöht, das Haushaltsdefizit deutlich ausgeweitet und die Geldmenge stark erhöht. Doch die Inflation bleibt stabil. Daraus ergibt sich eine Lehre für alle, die sich weltweit vor kriegsbedingter Inflation fürchten, so die Wirtschaftspublikation Puls Biznesu.

Viele Experten befürchten nicht zu Unrecht, dass steigende Militärausgaben zu dauerhaft erhöhter Inflation führen. So warnte etwa EZB-Präsidentin Christine Lagarde kürzlich: „Höhere Verteidigungsausgaben in Sektoren mit begrenzten Produktionskapazitäten könnten inflationsfördernd wirken.“ Doch dieser Zusammenhang ist theoretisch nicht zwingend gegeben. Daher an dieser Stelle ein interessantes Fallbeispiel: das heutige Israel.

Israel ist in den Jahren 2023–2024 ein mustergültiges Beispiel für einen kriegsbedingten Nachfrageschock. Die Regierung erhöhte ihre Militärausgaben von 4,5 auf fast 9 Prozent des BIP. Ursprünglich war für dieses Jahr eine Reduktion vorgesehen – angesichts des neuen Krieges mit dem Iran ist davon jedoch kaum auszugehen. Das Haushaltsdefizit stieg von nahezu null auf über 8 Prozent des BIP. Gleichzeitig beschleunigte sich das Wachstum der Geldmenge von 1,5 % Mitte 2023 auf 12 % im Herbst 2024. Auch der massive Einzug von Arbeitskräften zum Militär reduzierte das Arbeitskräfteangebot deutlich.

Diese Kombination erinnert an den pandemischen Schock: Die Wirtschaft rutscht in die Rezession, während der Staat zusätzliche Kaufkraft einspeist. Das Ausmaß war etwa halb so groß wie während der Corona-Zeit – aber dennoch erheblich.

Und die Inflation?

Sie blieb im gesamten Kriegszeitraum bemerkenswert stabil. Mitte 2023 lag die Teuerung bei 3,3 %, Ende 2024 bei 3,2 % – aktuell bei 3,1 %. Und das, obwohl die Notenbank selbst ein „Nachfrageüberhang“ (excess demand) im Markt feststellte.

Der Fall ist nicht nur geopolitisch interessant, sondern erlaubt auch Einsichten über die Inflationsursachen in einer Volkswirtschaft mit massivem Defizit. Er bietet Anknüpfungspunkte für Länder mit ähnlichem Profil – etwa hohe Verteidigungsausgaben, Haushaltsdefizit und Fachkräftemangel. Es geht dabei nicht um einen Vergleich Israels mit anderen Staaten im Ganzen, sondern nur um makroökonomische Parallelen.

Der israelische Fall zeigt: Von den drei klassischen Inflationsfaktoren – Nachfrageschocks, Angebotsschocks und Inflationserwartungen – könnte Letzterer entscheidend sein. Obwohl sowohl Nachfrage als auch Produktionskapazitäten gestört waren, blieb die Inflation stabil. Der Grund: starkes Vertrauen in die Währung. Dieses Vertrauen wiederum basiert auf der Entschlossenheit von Regierung und Zentralbank, Preis- und Schuldenstabilität zu garantieren.

Die Regierung kommunizierte während des gesamten Kriegs klar, dass das Defizit nur temporär sei – und kündigte Sparmaßnahmen an: Steuererhöhungen, Ausgabenkürzungen, Haushaltsdisziplin. Nach Einschätzung der Zentralbank stärkte dies das Vertrauen der Investoren und senkte die Risikoprämien. Die Bank selbst betonte ihre Bereitschaft, Preisstabilität und Währungsstärke zu wahren. Der Schekel ist heute stärker als noch vor ein oder zwei Jahren.

Nicht zu vergessen:

Israel profitierte in den Jahren 2024–2025 auch von einem globalen Rückgang bei Energie- und Rohstoffpreisen – ein günstiger externer Faktor, der den Gesamteindruck beeinflusst.

Doch die zentrale Lehre bleibt: Die Bedeutung von Glaubwürdigkeit – sowohl der Notenbank als auch der Fiskalpolitik – lässt sich kaum überschätzen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik EU-USA-Abkommen: Brüssel bekommt nicht, was es wollte, aber was es braucht
24.05.2026

Bernd Lange, Chef des Ausschusses für den Außenhandel des Europäischen Parlaments, glaubt, dass die EU ein Sicherheitsnetz gegen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Neuer EQT-Vorsitzender Salata: „Mit Geld kommt Verantwortung“
24.05.2026

Der chilenische Milliardär Jean Eric Salata hat nun den Vorsitz bei der schwedischen Private-Equity-Gesellschaft EQT übernommen....

DWN
Politik
Politik Russischer Topökonom: „Putin wird bald begreifen, dass die Zeit nicht auf seiner Seite ist“
24.05.2026

Sergej Guriev, russischer Ökonom im Exil, gilt als einer der weltweit führenden Experten für Russlands Wirtschaft. Im Interview schätzt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Offshore-Windkraft vor Comeback: Energieriesen setzen wieder auf Europa
23.05.2026

Die Offshore-Windkraft hat schwere Jahre hinter sich. Jetzt wittern Energieriesen in Europa wieder Chancen, doch aus Optimismus wird nur...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft 39 Billionen Dollar Schulden: Amerikas größter Gläubiger heißt Amerika
23.05.2026

Die USA häufen alle drei Monate eine Billion US-Dollar Schulden an und zahlen inzwischen mehr als eine Billion Dollar Zinsen pro Jahr. Wer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mythos Fachkräftemangel beendet: Deutschlands Arbeitsmarkt bricht langfristig ein
23.05.2026

Schwache Frühjahrsbelebung, keine Trendumkehr: Der deutsche Arbeitsmarkt kippt langfristig in eine neue Massenarbeitslosigkeit. Warum es...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Fußball-WM 2026: Sporthändler hoffen auf Umsatzboom durch Trikotverkäufe – ist das realistisch?
23.05.2026

Fußball-WM als Umsatzmotor? Die Sporthändler setzen auf Fans, die nicht nur zum Public Viewing, sondern auch in die Geschäfte kommen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Netzplan im Projektmanagement: Wie Unternehmen ihre Projekte planbar machen
23.05.2026

Der Netzplan macht im Projektmanagement sichtbar, was Bauchgefühl übersieht. Warum die Netzplantechnik 2026 wieder Konjunktur hat – und...