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Deep-Tech: Das neue geopolitische Machtrennen

Ob Quantencomputer, Halbleiter oder synthetische Biologie: Im globalen Wettlauf um technologische Souveränität entscheidet sich Europas Zukunft in den Forschungslaboren. Deep-Tech ist dabei nicht nur ein Innovationsmotor – sondern ein geopolitisches Machtinstrument. Wer zu spät investiert, verliert strategische Kontrolle.
20.08.2025 11:03
Lesezeit: 3 min
Deep-Tech: Das neue geopolitische Machtrennen
Kritisch: Nur eine einzige Technologie wie z.B. Halbleiter kann darüber bestimmen, welche Länder strategische Relevanz haben und welche nicht. (Foto: dpa) Foto: Robert Michael

Geopolitik in der Ära des Deep-Tech

Wir sind es gewohnt, den Einfluss von Staaten anhand finanzieller Stärke, Rohstoffvorkommen oder politischer Führungsrollen zu bewerten. Doch heute zeigt sich, dass das Epizentrum geopolitischer Macht ganz woanders liegt – in Forschungslaboren und Entwicklungszentren. Dort entstehen Deep-Tech-Innovationen, die künftig nicht nur wirtschaftliche, sondern auch strategische Vorteile sichern. Europa baut seine Position in diesem Bereich derzeit aus, doch die entscheidenden Weichen werden heute gestellt.

Was Deep-Tech wirklich bedeutet

Deep-Tech umfasst fortschrittliche wissenschaftliche und technologische Lösungen – von Quantencomputing, Halbleitern und Biotechnologie bis hin zu Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. In diesen Bereichen beruhen Innovationen auf jahrelanger Forschung, enormen Investitionen und einzigartigem Know-how. Solche Ideen entstehen häufig an Universitäten und durchlaufen einen langen Weg bis zur Marktreife. Die Entwicklungszyklen von Technologien oder Produkten dauern dabei oft fünf bis zehn Jahre.

Solche Geschäftsmodelle benötigen nicht nur spezialisiertes Wissen, sondern auch hohe Anfangsinvestitionen. Das Risiko ist beträchtlich – insbesondere dann, wenn es noch keine etablierten Märkte gibt, die Nutzer ihr Verhalten ändern müssen oder wenn Lösungen in konservativen, stark regulierten Bereichen eingeführt werden. Gelingt jedoch der Durchbruch, eröffnen sich gewaltige Wettbewerbsvorteile und stabile Positionen in großen, bislang unerschlossenen oder neu entstehenden Märkten.

Globale Investitionsdynamik und Europas Aufholjagd

Laut Daten von Dealroom.co beliefen sich die weltweiten Deep-Tech-Investitionen in den USA, Europa und China im vergangenen Jahr gemeinsam auf über 103 Milliarden US-Dollar. Die USA führen mit großem Abstand (73,8 Milliarden US-Dollar), während Europa mit 15 Milliarden US-Dollar noch deutlich zurückliegt. Dennoch ist der Trend ermutigend: Seit 2019 wuchs Europas Deep-Tech-Sektor doppelt so schnell wie der gesamte Technologiesektor. In den vergangenen Jahren hat Europa bei den Investitionen fast zu China aufgeschlossen. Das zeigt: Europa erkennt die strategische Relevanz dieser Technologien und investiert zunehmend gezielt in zukunftskritische Bereiche. Die größten europäischen Deep-Tech-Ökosysteme haben sich im Vereinigten Königreich, in Frankreich und Deutschland gebildet – hier fließt fast ein Drittel aller Risikokapitalinvestitionen in diesen Bereich.

Interessanterweise beteiligen sich aber vor allem die baltischen Staaten aktiv. Der „Baltic Deep Tech 2024“-Bericht zeigt, dass sich das Start-up-Ökosystem der Region in diesem Bereich in einem Jahr mehr als verdreifacht hat – ein Wachstum, das jenes im Vereinigten Königreich, der EU und ganz Mittel- und Osteuropa übertrifft. Litauen beispielsweise verfügt über eine solide wissenschaftliche Basis. Langjährige Forschungstraditionen und nationale Spezialisierung – in Biowissenschaften, Informationstechnologie und fortgeschrittener Fertigung – entsprechen globalen Deep-Tech-Trends. Unter den zwölf im Baltic DeepTech-Report analysierten litauischen Unternehmen stiegen die Umsätze zwischen 2022 und 2024 um 20 Prozent – von 57 auf 68 Millionen Euro. Bemerkenswerter noch: Das Eigenkapital dieser Firmen wuchs um das 1,5-Fache, das Anlagevermögen sogar um das 4,5-Fache.

Diese Zahlen deuten auf eine Stärkung der Forschungsbasis und Vorbereitung auf eine technologische Skalierung hin – entweder durch Übergang zur industriellen Produktion oder durch Markteintritt. Besonders vielversprechend ist, dass immer mehr Unternehmen mit internationalen Lösungen sichtbar werden – darunter „Atrandi Biosciences“, Biomatter, „Litilit“, „Astrolight“ und „Brolis Semiconductors“. Sie sind in Feldern wie Lasertechnologie, Biotechnologie und Halbleiterentwicklung tätig – alles Schlüsselbereiche, die nicht nur für den wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch für die nationale Sicherheit und strategische Industrie unverzichtbar sind.

Deep-Tech als geopolitisches Machtinstrument

Die geopolitische Realität des 21. Jahrhunderts zeigt: Fortschrittliche Technologien sind längst keine rein wirtschaftliche Angelegenheit mehr. In Bereichen wie Quantencomputing, synthetischer Biologie, Fusionsenergie, neuen Materialien oder Künstlicher Intelligenz entstehen nicht nur Produkte – sondern künftige Machtzentren. Das Paradebeispiel ist die niederländische ASML, Hersteller der weltweit fortschrittlichsten Lithografieanlagen – und damit ein zentraler Akteur in der globalen Halbleiterkette. 2024 investierte ASML selbst 110 Millionen Euro in den Fonds „DeepTechXL“, der europäische Start-ups fördert. ASML ist heute nicht nur Technologieführer, sondern geopolitisches Instrument – denn der Zugang zu deren Maschinen entscheidet darüber, welche Staaten modernste Mikrochips produzieren können.

Dieses Beispiel zeigt: Eine einzige Technologie kann darüber bestimmen, welche Länder strategischen Einfluss behalten – oder verlieren. Und obwohl Europa über vielversprechende Deep-Tech-Ansätze verfügt, liegt ein kritisches Problem in der Finanzierung der Spätphase. Zu viele Investitionen stammen aus Drittstaaten – und mit ihnen wandert auch geopolitischer Einfluss ab. Wenn Europa diese Entwicklung stoppen will, muss es technologisch, finanziell und strategisch selbstbewusster handeln. Denn was heute in europäischen Laboren entsteht, entscheidet morgen über ökonomische Stärke, sicherheitspolitische Resilienz und globale Handlungsfähigkeit.

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