Panorama

Streit um neue Praxisgebühr: Ärzte, Gewerkschaften und Politik in Alarmbereitschaft

Die Forderung nach einer neuen Praxisgebühr entfacht heftige Debatten zwischen Arbeitgebern, Ärzten, Gewerkschaften und Politik. Während Befürworter Einsparungen sehen, warnen Kritiker vor sozialen Härten und Gesundheitsrisiken. Kann eine Gebühr für Arztbesuche wirklich das Finanzproblem der Krankenkassen lösen?
21.08.2025 11:13
Aktualisiert: 21.08.2025 11:13
Lesezeit: 3 min

Arbeitgeber fordern neue Praxisgebühr

Angesichts steigender Zusatzbeiträge bei den Krankenkassen hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) eine neue Praxisgebühr vorgeschlagen. Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter erklärte im "Berlin Playbook"-Podcast von Politico: "Wir Arbeitgeber wollen, dass die Krankenversicherungsbeiträge endlich stabil werden." Eine sogenannte Kontaktgebühr solle Patienten davon abhalten, unnötig häufig Arztpraxen aufzusuchen. Ziel sei es, "Ärzte-Hopping" zu begrenzen.

Während die alte Praxisgebühr von 2004 bis 2012 lediglich beim ersten Arztbesuch im Quartal zehn Euro vorsah, würde die neue Gebühr bei jedem Besuch fällig. "Mir geht es nicht primär um die Einnahmen, sondern darum, Ärzte-Hopping zu begrenzen", betonte Kampeter. Tatsächlich suchen Deutsche im Schnitt 9,8 Mal pro Jahr einen Arzt auf, in Dänemark sind es nur 6,8 Termine.

Scharfe Kritik der Hausärzte an einer Praxisgebühr

Der Hausärzteverband reagierte mit deutlicher Ablehnung. Vorsitzende Nicola Buhlinger-Göpfarth bezeichnete den Vorschlag als "nicht nur unsozial, sondern auch komplett undurchdacht". Eine allgemeine Gebühr für Arztbesuche würde nicht nur Bagatellfälle, sondern auch zwingend notwendige Behandlungen betreffen.

"Chroniker wie beispielsweise Dialysepatientinnen und -patienten müssten die Gebühr dann Dutzende Male im Jahr bezahlen", so Buhlinger-Göpfarth. "Das würde insbesondere sozial Schwache finanziell komplett überfordern." Zudem könne die neue Praxisgebühr gefährliche Folgen haben: Erkrankungen würden zu spät erkannt, Vorsorgeuntersuchungen fielen aus – mit hohen Folgekosten für das Gesundheitssystem.

Die Hausärzte räumen zwar ein, dass nicht alle Arzt-Patienten-Kontakte nötig seien. Doch statt einer pauschalen Gebühr für Arztbesuche fordern sie ein Primärarztsystem, in dem der Hausarzt die erste Anlaufstelle ist und bei Bedarf weitere Fachärzte hinzuzieht.

Erinnerung an die Praxisgebühr von 2004 bis 2012

Zwischen 2004 und 2012 mussten gesetzlich Versicherte zehn Euro pro Quartal beim ersten Arztbesuch zahlen. Damals erhoffte sich die Politik, Patienten von überflüssigen Konsultationen abzuhalten. Doch Stiftungsvorstand Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz spricht von einer "alten Leier".

Die frühere Praxisgebühr habe "keine Steuerwirkung" gehabt, sagte Brysch im ZDF. Stattdessen hätten Patienten Arztbesuche hinausgezögert, was zu verschleppten Erkrankungen führte. Auch der Verwaltungsaufwand für Praxen sei enorm gewesen. Ähnlich äußerte sich Sylvia Bühler vom Verdi-Bundesvorstand: "Sie würden die soziale Schieflage in der medizinischen Versorgung weiter verschärfen." Stattdessen brauche es Konzepte für die Versorgung in ländlichen Regionen und eine Stärkung des Primärarztsystems.

Kritik an Praxisgebühr für Arztbesuche aus der Politik und von Sozialverbänden

Nicht nur Ärzte und Gewerkschaften kritisieren die geplante Gebühr für Arztbesuche. Auch aus der Politik kommt Widerstand. Der CSU-Fraktionschef im bayerischen Landtag, Klaus Holetschek, erklärte dem "Münchner Merkur": "Eine Kontaktgebühr bei Arztbesuchen wäre völlig der falsche Weg." Wer erreichen wolle, dass Patienten zuerst den Hausarzt aufsuchen, müsse Anreize schaffen – nicht Strafzahlungen. Unterstützung für den Vorschlag kommt hingegen aus Teilen der CDU. Generalsekretär Carsten Linnemann betonte, man müsse Reformen im Bereich der Sozialversicherungen prüfen, um die Lohnnebenkosten zu senken. Eigenverantwortung müsse gestärkt werden, so Linnemann, auch mit Blick auf Regelungen wie die telefonische Krankschreibung.

Besonders scharf äußerte sich der Sozialverband SoVD. Vorsitzende Michaela Engelmeier nannte den Vorstoß "unsolidarisch". Die neue Praxisgebühr würde "besonders chronisch kranke Menschen überdurchschnittlich belasten". Viele Menschen mit geringem Einkommen würden aus Angst vor Kosten notwendige Arztbesuche vermeiden. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) lehnte die Gebühr entschieden ab. Vorstandsmitglied Anja Piel sprach von einer "populistischen Schnapsidee fürs Sommerloch". "Wer Geld hat, den juckt die Gebühr nicht, wer keines hat, der geht im schlimmsten Fall krank nicht zum Arzt." Die Erfahrungen mit der alten Praxisgebühr seien eindeutig, so Piel: "Sie hat in der Vergangenheit schon nichts gebracht außer Mehrarbeit in den Praxen." Stattdessen brauche es eine solidarische Bürgerversicherung, in die alle einzahlen.

Krankenkassen haben Finanzdruck: Neue Praxisgebühr als Lösung?

Ein Argument der Befürworter ist der massive Finanzdruck auf die gesetzlichen Krankenkassen. Laut Bundesrechnungshof übersteigen die Ausgaben dauerhaft die Einnahmen. Nach einem Rekordwachstum im vergangenen Jahr wird erwartet, dass die Kassen weiterhin mit Milliarden-Defiziten kämpfen. Dies könnte den Zusatzbeitragssatz um 0,3 Punkte pro Jahr erhöhen.

Dennoch überwiegt aktuell die Skepsis gegenüber einer neuen Praxisgebühr. Kritiker verweisen darauf, dass die alte Regelung keine Einsparungen brachte, aber soziale Härten verursachte. Stattdessen fordern viele eine bessere Patientensteuerung über den Hausarzt und stärkere staatliche Zuschüsse für die gesetzliche Krankenversicherung.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Datenschutz in Casino-Apps und was deutsche Nutzer wirklich erwarten

Spieler schreiben an ihr Online-Casino und verlangen Auskunft darüber, welche Daten über sie gespeichert wurden. Das Casino antwortet...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Rentenreform auch für Beamtenpensionen? Was auf Beamte zukommen könnte
27.05.2026

Brisante Renten-Vorschläge häufen sich. Sollen auch Beamte belastet werden, wenn in Zukunft alle etwas beitragen müssen? Sollen sie...

DWN
Finanzen
Finanzen Aixtron-Aktie: Halbleiterwerte stark - Bofa mit hohem Ziel für Aixtron
27.05.2026

Der Halbleiterboom setzt sich auch in Europa fort: Micron, Infineon und SK Hynix, sind die am aktivsten gehandelten Werte. Auch die Papiere...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Friedensdeal oder Wahlkampfmanöver. Warum die Straße von Hormus zur Gefahr für Trump wird
27.05.2026

Die Straße von Hormus wird zum neuralgischen Punkt der Weltwirtschaft. Trump verspricht eine Lösung, Iran hält zentrale Karten in der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Atemwegserkrankungen: E-Krankschreibung nicht Hauptgrund für hohe Fehlzeiten
27.05.2026

Das DIW sieht die Rekordzahl krankheitsbedingter Fehlzeiten vor allem durch Atemwegserkrankungen und verändertes Verhalten nach der...

DWN
Panorama
Panorama 100 Euro für nichts? Post warnt vor Nachsende-"Preisfallen"
27.05.2026

Wer umzieht und seine Post nachsenden lässt, kann schnell viel zu viel zahlen. Verbraucherschützer und Deutsche Post warnen vor...

DWN
Politik
Politik Großbritanniens EU-Rückkehr: Realistische Option oder politischer Wunschtraum?
27.05.2026

Erst galt der Brexit als endgültig, nun spricht ein Labour-Schwergewicht offen von Großbritanniens EU-Rückkehr. Hinter der neuen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China fesselt Deutschlands Industrie immer stärker
26.05.2026

Deutschland wollte sich von China unabhängiger machen – doch bei Akkus, Solarpanels und Antibiotika steigt die Abhängigkeit sogar...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölreserven unter Druck: Wie lange reichen die globalen Vorräte noch?
26.05.2026

Die Märkte bleiben ruhig, obwohl ein erheblicher Teil der globalen Ölproduktion ausfällt. Der Grund sind die Ölreserven, doch dieser...