Wirtschaft

Gaspreise am Tiefpunkt – Investoren kehren Europa den Rücken

Trotz sinkender Speicherfüllstände stürzt der Gas-Preis in Europa ab – und Investoren ziehen sich zurück. Russlands Einfluss schwindet, doch das birgt neue Risiken.
28.08.2025 06:08
Lesezeit: 2 min

Trotz deutlich niedrigerer Speicherfüllstände als im Vorjahr gibt es auf dem europäischen Gasmarkt keinerlei Anzeichen für Nervosität. Der Gas-Preis liegt am Boden, der Einfluss russischer Lieferungen auf die Preisbildung ist praktisch verschwunden. Institutionelle Finanzinvestoren senken ihre Positionen auf steigende Preise drastisch.

Aktuell sind die europäischen Gasspeicher zu etwas mehr als 75 Prozent gefüllt. Dies entspricht einem Volumen von rund 865 Terawattstunden – deutlich weniger als im Vorjahr, als der Füllstand zu diesem Zeitpunkt nahe 90 Prozent lag. Auch in Lettland zeigt sich dieser Trend: Der Speicher Inčukalns ist nur zu 51,85 Prozent gefüllt – ein Niveau, das eher an den Krisensommer 2022 erinnert.

Trotzdem gibt es keine Hinweise auf eine drohende Knappheit. Die Terminkontrakte auf der TTF-Plattform notierten zuletzt bei 31,03 Euro/MWh – dem tiefsten Stand seit Juli. Zwar erholte sich der Preis leicht auf rund 33 Euro/MWh, bleibt damit aber deutlich unter dem Vorjahresniveau und bewegt sich auf dem Level von 2023. Auch die Winterkontrakte liegen kaum höher – ein Hinweis auf anhaltenden Preisdruck.

Liberalisierung der Füllvorgaben verschärft den Trend

Die EU hat ihre Speicherziele für diesen Winter gelockert. Statt 90 Prozent bis zum 1. November gelten nun flexiblere Quoten – bei schwierigen Marktbedingungen sind Abweichungen bis zu 15 Prozent erlaubt. Dies verschafft Einkäufern mehr Spielraum – und dämpft saisonale Preisspitzen.

Hinzu kommt: Die geopolitische Dimension ist verblasst. Weder diplomatische Initiativen noch Verschärfungen im Ukraine-Konflikt beeinflussen den Gasmarkt derzeit. Selbst Gespräche über mögliche Lockerungen von US-Sanktionen gegen russisches Flüssiggas aus der Arktis erzeugen kaum noch Bewegung.

„Russisches Gas hat in Europa an Bedeutung verloren“, sagt Andreas Schroeder vom Analysehaus ICIS. Prognosen gehen davon aus, dass russisches Pipeline-Gas und LNG bis Ende 2027 vollständig aus dem EU-Markt verschwinden.

Deutschland setzt auf Flexibilität, aber Risiken bleiben

Auch für Deutschland hat diese Entwicklung Folgen. Die Entkopplung vom russischen Gas, der Ausbau von LNG-Terminals und die Absenkung der Speicherziele erhöhen kurzfristig die Versorgungssicherheit – drücken aber auch auf die Investitionsbereitschaft im Gassektor. Die niedrigen Gas-Preise machen viele Importverträge unattraktiv und gefährden langfristige Infrastrukturprojekte, etwa in Wilhelmshaven oder Stade.

Zudem warnen Analysten, dass bei einem unerwartet kalten Winter oder Lieferstörungen schnell neue Engpässe drohen könnten – da trotz niedriger Preise viele Speicher nur teilweise befüllt sind.

Globale Nachfrage sinkt – China bremst LNG-Importe

Neben Europa schwächelt auch die Nachfrage in China. Der weltgrößte LNG-Importeur reduzierte seine Einfuhren in den ersten sieben Monaten um 19 Prozent. Allein im Juli betrug der Rückgang 6,7 Prozent – verursacht durch eine sinkende Industrieproduktion und verstärkte Umlenkung von Lieferungen an profitablere Märkte.

Auch in Europa hält der Nachfragerückgang an. Zwischen 2017 und 2022 wurde der Verbrauch um 15,6 Prozent pro Jahr reduziert, so das IEEFA. Ember-Daten zufolge sank der Gasverbrauch von 2021 bis 2023 um 19 Prozent. Trotz eines kälteren Winters 2024 blieb der Verbrauch stabil – die Industrie erholte sich nur schwach. Bis 2030 könnte die Nachfrage um weitere 7 Prozent fallen, da erneuerbare Energien bis dahin zwei Drittel des Strombedarfs decken könnten.

Spekulative Kapitalströme brechen ein

Auch auf Investorenseite ist das Vertrauen in steigende Preise verschwunden. Die Zahl spekulativer Long-Positionen auf steigende Gaspreise sank laut ICE in den letzten fünf Wochen um mehr als 50 Prozent – der stärkste Rückgang seit Februar. Zuletzt war ein derartiger Trend im Sommer 2023 zu beobachten, als ebenfalls über mehrere Wochen Kapital aus dem Markt abgezogen wurde.

Dieser Strategiewechsel deutet auf eine tiefgreifende Stimmungslage unter institutionellen Investoren hin: Der europäische Gasmarkt wird nicht mehr als risikoanfällig, sondern als überversorgt eingestuft – und der Gas-Preis dürfte mittelfristig auf niedrigem Niveau verharren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie KI und digitale Steuerberatung: Der Gamechanger für den deutschen Mittelstand

Die Digitalisierung verändert die deutsche Wirtschaft in rasantem Tempo. Während große Unternehmen bereits seit Jahren auf...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hat Deutschland die Lösung für Europas Stromnetz-Krise gefunden?
03.06.2026

Deutschland erlebt einen Solarboom auf Dächern, Balkonen und Parkplätzen. Während Dänemark unter einem überlasteten Stromnetz leidet,...

DWN
Politik
Politik Großbritanniens EU-Rückkehr: Realistische Option oder politischer Wunschtraum?
03.06.2026

Erst galt der Brexit als endgültig, nun spricht ein Labour-Schwergewicht offen von Großbritanniens EU-Rückkehr. Hinter der neuen...

DWN
Politik
Politik Investitionen in die Energiewende: EU-Kommission will mehr Schulden erlauben
03.06.2026

Die EU-Kommission schlägt vor, dass Mitgliedsstaaten für den Wandel zu sauberer Energie mehr Schulden machen dürfen, ohne Strafverfahren...

DWN
Finanzen
Finanzen Steigende Arbeitslosigkeit: Bundesagentur für Arbeit steuert auf Milliardendefizit zu
03.06.2026

Die schwierige wirtschaftliche Lage und der schwache Arbeitsmarkt in Deutschland haben erhebliche Auswirkungen auf den Haushalt der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölpreis: China bremst, doch die nächste Preiswelle rollt an
03.06.2026

Chinas Ölimporte sind eingebrochen, doch Entwarnung am Ölmarkt wäre riskant. Die Straße von Hormus bleibt blockiert, Washington...

DWN
Politik
Politik Vor Wirtschaftsforum: Selenskyj lobt Drohnenangriff auf Sankt Petersburg
03.06.2026

Russische Behörden haben ukrainische Angriffe gemeldet: Ukrainische Drohnen trafen auch Energie- und Militäranlagen in St. Petersburg....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft US-Zölle: USA planen neue Zölle – Zwangsarbeit als Begründung
03.06.2026

Die umstrittene Zollpolitik der Trump-Regierung beschäftigt derzeit die Gerichte. Jetzt wird ein neues Argument für neue, zusätzliche...

DWN
Politik
Politik Weltbekannter Professor sieht gefährliche Veränderung bei Trump
03.06.2026

Francis Fukuyama sieht Trump politisch geschwächt, aber gerade deshalb gefährlich. Für Dänemark und Grönland könnte die nächste...