Politik

Benzinpreise in Russland steigen auf Rekordniveau: Ukrainische Drohnenangriffe verschärfen die Krise

Russland steckt mitten in der schwersten Benzinkrise seit Jahren: Raffinerien brennen, Tankstellen rationieren, und die Benzinpreise in Russland steigen dramatisch. Drohnenangriffe, Sanktionen und strukturelle Schwächen belasten die Versorgung.
29.08.2025 08:50
Aktualisiert: 29.08.2025 08:50
Lesezeit: 4 min
Benzinpreise in Russland steigen auf Rekordniveau: Ukrainische Drohnenangriffe verschärfen die Krise
Ein Mann tankt sein Auto an einer Tankstelle in Moskau: Die Benzinpreise in Russland liegen auf Rekordniveau (Foto: dpa).

Benzinpreise in Russland steigen: Massive Angriffe auf Raffinerien

Ein gewaltiger Feuerball nahe des Dorfes Boschatkowo im Gebiet Rjasan ist viele Kilometer weit zu sehen. Ein verheerender ukrainischer Drohnenangriff rund 200 Kilometer südöstlich von Moskau hat die dort verlaufende Benzinpipeline Richtung Hauptstadt getroffen und schwer beschädigt. Solche Attacken sind längst kein Einzelfall mehr – innerhalb weniger Wochen traf die Ukraine wichtige Energieanlagen in Wolgograd, Rjasan, Rostow, Samara, Saratow und Krasnodar. Das Institute for the Study of War (ISW) schätzt, dass inzwischen 17 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten lahmgelegt sind, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete.

Die Folgen sind gravierend: Tankstellen müssen Treibstoff rationieren, vielerorts kommt es zu langen Schlangen. Die Benzinpreise in Russland erreichen Rekordhöhen. Um die Versorgung der Armee, der Landwirtschaft und der Energiewirtschaft zu sichern, verhängte die Regierung in Moskau ein Exportverbot für Benzin und Diesel. Allein die Raffinerie in Rjasan, mit einer Kapazität von 13,1 Millionen Tonnen Treibstoff jährlich, stand bislang für etwa fünf Prozent der russischen Produktion. Ihr Ausfall verschärft die Versorgungskrise erheblich.

Benzinkrise in den Regionen

Besonders hart trifft die Benzinkrise ländliche und entlegene Regionen. Auf den Kurilen verkündete der örtliche Verwaltungschef, dass der Verkauf von Benzin mit 92 Oktan vorübergehend eingestellt werde – schlicht, weil kein Nachschub vorhanden sei. Auch im fernöstlichen Chabarowsk, in Irkutsk oder auf der von Russland annektierten Krim standen Autofahrer tagelang vor leeren Zapfsäulen. In manchen Städten, etwa Krasnokamensk im Transbaikalien, war überhaupt kein 95-Oktan-Benzin mehr erhältlich.

Handgeschriebene Zettel an Tankstellen mit der Aufschrift "Außer Betrieb" oder "Fragen Sie erst gar nicht. Es gibt einfach kein Benzin" erinnern viele an sowjetische Zeiten. Besonders problematisch ist die Lage, weil die Nachfrage im Sommer traditionell hoch ist. Ferienreisende sind vermehrt mit dem Auto unterwegs, zudem benötigen Landwirte während der Ernte große Mengen Treibstoff. Zugleich reduzieren Wartungsarbeiten in den Raffinerien das Angebot.

Preisschock an den Märkten

An der Börse in Sankt Petersburg erreichte der Preis für 95er-Benzin zuletzt 82.030 Rubel (rund 1.020 US-Dollar) pro Tonne – ein Plus von 51 Prozent seit Jahresbeginn. Am Mittwoch stieg der Kurs sogar auf 82.300 Rubel, 55 Prozent mehr als noch im Januar. Zwar stützt der Staat die Ölkonzerne und versucht, Preissprünge im Einzelhandel zu bremsen. Dennoch sind die Benzinpreise in Russland laut Statistikbehörde Rosstat seit Jahresbeginn um mehr als zehn Prozent gestiegen. In Regionen ohne Versorgung verlangten Händler zeitweise über 200 Rubel pro Liter – rund 2,14 Euro und damit ein Vielfaches des Durchschnittspreises von 64,22 Rubel (0,69 Euro).

Damit ist klar: Das Exportverbot konnte den Markt nicht beruhigen. Analyst Sergej Kaufman von der Brokerfirma Finam erklärte, die Inlandsnachfrage werde auch mit diesem Schritt nicht vollständig gedeckt. Zudem fehlen Lagerreserven – eine Folge hoher Leitzinsen, die das Vorhalten großer Bestände für Händler unattraktiv machen.

Strukturelle Schwächen im Russland-Benzin-Markt

Die aktuelle Benzinkrise in Russland legt tieferliegende strukturelle Probleme offen. Das Produktionsvolumen liegt nur knapp über der Binnennachfrage. Diesel wird seit Sowjetzeiten im Überschuss hergestellt, Benzin dagegen nicht. Hinzu kommen Transportprobleme: Eisenbahnlinien sind durch die Umstellung der Exporte nach Asien überlastet, während im Süden ukrainische Angriffe wichtige Strecken blockieren. Damit spitzt sich die Lage im Russland-Benzin-Markt weiter zu.

Viele moderne Raffinerien arbeiteten bislang mit westlicher Technik von Shell oder anderen Konzernen. Mit den Sanktionen seit 2022 fehlt Russland jedoch der Zugang zu Ersatzteilen, Software und Katalysatoren. Zwar gibt es chinesische Produkte, diese sind aber weniger effizient. Ganze Prozesslinien müssen umgebaut werden, was Reparaturen verzögert und die Versorgung zusätzlich belastet.

Neue Eskalationsstufe: Die Flamingo-Rakete

Eine besondere Gefahr für die russische Energieinfrastruktur ist die neue ukrainische Marschflugkörperwaffe Flamingo. Mit einer Reichweite von 3.000 Kilometern und einem Sprengkopf von 1.150 Kilogramm kann sie Raffinerien, Häfen und Pipelines tief im Landesinneren treffen. Experten wie Fabian Hoffmann von der Universität Oslo halten die Flamingo für einen möglichen Wendepunkt: Mit 3.000 bis 5.000 dieser Raketen könne die Ukraine innerhalb von zwei Tagen ein Viertel der russischen Wirtschaftsleistung zerstören.

Schon jetzt haben Drohnen- und Raketenangriffe Schäden in Milliardenhöhe verursacht. Nach Angaben der ukrainischen Armee belaufen sich die Verluste Russlands allein in diesem Jahr auf 74 Milliarden US-Dollar. Fast 40 Prozent der Schläge trafen Ziele mehr als 500 Kilometer im Landesinneren – ein deutliches Zeichen für die Verwundbarkeit des russischen Energiesystems.

Benzinkrise in Russland und internationale Dimensionen

Auch international hat die Benzinkrise in Russland Folgen. Die von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle gegen Indien erschweren russische Rohölexporte zusätzlich. Neu-Delhi drosselt seine Importe, da die Zölle inzwischen 50 Prozent betragen. Damit scheitert Moskaus Versuch, sinkende Einnahmen durch eine Ausweitung der Rohölausfuhren zu kompensieren. Schon im ersten Halbjahr 2024 sanken die russischen Exporterlöse um 20,3 Milliarden Dollar auf 110,1 Milliarden Dollar. Trotzdem fließen weiterhin enorme Einnahmen aus Öl- und Gasexporten. Seit Beginn der Invasion im Februar 2022 verdiente Russland bis Mai 2025 über 883 Milliarden Euro. Mehr als 228 Milliarden Euro davon stammen aus Ländern, die Sanktionen verhängten – allein 209 Milliarden aus der EU.

Ob die Benzinkrise in Russland im Herbst nachlässt, hängt nicht nur von saisonaler Nachfrage ab. Entscheidend ist, ob beschädigte Raffinerien wieder in Betrieb gehen – und ob die Ukraine ihre Angriffe fortsetzt. Experten wie Boris Aronstein rechnen damit, dass Reparaturen bis zu acht Monate dauern können. Damit könnte die Krise sogar bis in den Winter hinein anhalten. Die Benzinpreise in Russland sind längst zu einem Symbol für die Verletzlichkeit der Kriegswirtschaft geworden. Je länger die Angriffe anhalten und je stärker moderne Waffen wie die Flamingo-Rakete zum Einsatz kommen, desto größer wird die Gefahr, dass Moskaus Energieimperium ins Wanken gerät.

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