Wirtschaft

Space Mining: Die EU will seltene Mineralien vom Mond holen

Die EU denkt laut über Space Mining nach: Um ihre Rohstoffversorgung langfristig zu sichern, will Brüssel strategisch wichtige Mineralien auf dem Mond fördern. Der Impuls stammt aus einem aktuellen Bericht der EU-Kommission angesichts wachsender Abhängigkeit von Drittstaaten.
22.09.2025 07:23
Lesezeit: 5 min

Space Mining als strategische Antwort auf Europas Rohstoffversorgung

Die geopolitische Lage hat die Europäische Union (EU) dazu veranlasst, eine alte Idee wieder aus der Schublade zu holen: den Abbau von Rohstoffen auf dem Mond. Früher war dies ein wissenschaftlich motiviertes Vorhaben. Heute verfolgt man das Ziel, dort strategisch wichtige Mineralien zu fördern, die für saubere Energie unverzichtbar sind. Eine entsprechende Initiative ist im am Dienstag veröffentlichten Strategiepapier der Europäischen Kommission (EK) zur strategischen Vorausschau enthalten. In diesem Bericht werden die wichtigsten Bedrohungen für Sicherheit und Wohlstand der EU benannt, wie das Portal „Politico“ berichtet.

„Die Weltordnung wurde in außergewöhnlichem Maß erschüttert“, heißt es im sechsten jährlichen Bericht der EK. Es wird betont, dass sich die EU nicht mehr auf Länder außerhalb der Union verlassen könne. Es gebe keine Garantie mehr, dass diese Staaten zuverlässig jene Rohstoffe liefern, die für grüne Energie und emissionsarme Technologien notwendig sind. Zu diesen Materialien gehören Lithium, Kupfer, Nickel und Seltene Erden. Diese Metalle werden in Europa kaum abgebaut, gleichzeitig steigt ihre Nachfrage durch den Green Deal, der unter anderem eine Ausweitung der Elektromobilität und erneuerbarer Energien vorsieht, in den kommenden Jahrzehnten rasant an. In den USA suchen Unternehmen bereits am Meeresgrund nach solchen Ressourcen.

Die EK warnt davor, dass es dabei zu gezielten Manipulationen kommen könnte. Rohstoffreiche Staaten könnten, ähnlich wie die OPEC den Ölmarkt, die Bedingungen diktieren. Das hätte steigende Preise, eingeschränkten Zugang zu essenziellen Materialien und eine ernsthafte Bedrohung für die strategische Autonomie der EU zur Folge. Daher wird im Bericht angedeutet, dass die Lösung im Weltraum liegen könnte. Durch die Entwicklung fortschrittlicher Bergbautechnologien, einschließlich der Förderung von Ressourcen auf dem Mond. Der Begriff Space Mining rückt damit als Zukunftstechnologie zur Sicherung der Rohstoffversorgung Europas in den Fokus.

Das sagt die kosmische Nachfrage

Solche „kosmischen Ideen“ werden durch die enorme Nachfrage nach Metallen befeuert. In einer 2018 von der Luxemburger Weltraumagentur vorgestellten Studie „Opportunities for Space Resources Utilization“ wurde geschätzt, dass sogenannte Weltraumressourcen zwischen 2018 und 2045 einen Wert von bis zu 170 Milliarden Euro erreichen könnten. So prognostiziert das australische Bergbauunternehmen BHP, dass die Welt bis 2035 jährlich durchschnittlich eine Million Tonnen zusätzliches Kupfer benötigen wird. Das ist ein doppelt so hohes jährliches Wachstum wie in den vergangenen 15 Jahren. Bis 2050 wird die Kupfernachfrage laut Reuters um 70 Prozent auf etwa 50 Millionen Tonnen pro Jahr steigen, verglichen mit dem heutigen Stand von rund 30 Millionen Tonnen. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt, dass bis 2035 ein Kupfermangel von 30 Prozent drohen könnte, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden.

„In den nächsten 25 Jahren werden wir mehr Kupfer verbrauchen als die Menschheit in ihrer gesamten Geschichte zuvor“, sagte Kunal Sinha, Leiter der Recyclingabteilung des Schweizer Rohstoffkonzerns Glencore, dem Wall Street Journal. „Das ist das Ausmaß dieser Herausforderung.“ Eine ähnliche Situation besteht bei anderen Metallen, die in Batterien für Elektrofahrzeuge verwendet werden. Laut einer Analyse des Gemeinsamen Forschungszentrums der EK wird der weltweite Bedarf an Batteriematerialien wie Lithium, Graphit und Nickel bis 2040 um das 14- bis 20-Fache im Vergleich zu 2020 steigen. Bis 2040 könnte die EU laut Schätzungen bis zu 51 Prozent des benötigten Kobalts und 42 Prozent des Nickels recyceln. Auch Kupfer kann wiederverwertet werden. Lithium hingegen wird in der EU derzeit gar nicht abgebaut. Dessen Recycling ist technologisch deutlich komplexer und weniger entwickelt als bei anderen Metallen.

Wie „Politico“ berichtet, erschweren die geringe Fläche der EU, die hohe Bevölkerungsdichte, strenge Umweltauflagen und eine aktive Zivilgesellschaft die Erschließung neuer Bergbauprojekte, selbst dort, wo Vorkommen existieren. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in EU-Nachbarstaaten. So stieß etwa der Versuch des Bergbauunternehmens Rio Tinto, in Serbien eine Lithium-Mine zu eröffnen, auf starken lokalen Widerstand. Zudem hinkt die EU beim Aufbau von Lieferketten und Recyclingkapazitäten für kritische Rohstoffe hinterher. China dominiert diesen Bereich bereits deutlich: Laut einer Studie des Jacques-Delors-Zentrums verarbeitet das Land etwa 40 Prozent des weltweiten Kupfers, 60 Prozent des Lithiums, 70 Prozent des Kobalts und nahezu 100 Prozent des Graphits. Die EU importiert fast alles davon aus China, mit entsprechenden Risiken durch Lieferausfälle und Preisschocks. Auch Deutschland ist davon stark betroffen. Die Abhängigkeit von diesen Importen stellt eine zentrale Schwachstelle der Industrie und der Energiewende dar. Daher richtet sich der Blick auf neue, noch nicht zwischen Staaten aufgeteilte Territorien.

Die Grundidee

Die Idee, auf dem Mond Bergbau zu betreiben, ist nicht neu. 2019 hatte die Europäische Weltraumorganisation (ESA) angekündigt, bis 2025 Wasser und Sauerstoff auf dem Mond fördern zu wollen. Damals hatte die ESA einen Einjahresvertrag mit dem europäischen Luft- und Raumfahrtunternehmen ArianeGroup unterzeichnet, um die Gewinnung von Regolith (auch bekannt als Mondboden oder Mondstaub) zu untersuchen, wie CNN berichtete. Laut ArianeGroup lassen sich aus Regolith Wasser und Sauerstoff gewinnen, was künftige bemannte Missionen auf dem Mond erleichtern könnte. Das Unternehmen erklärte auch, dass diese Forschung langfristig die Herstellung von Raketentreibstoff auf dem Mond ermöglichen könnte, um Expeditionen weiter ins All zu ermöglichen. „Die Nutzung von Weltraumressourcen könnte der Schlüssel zu einem nachhaltigen Mondforschungsprogramm sein“, sagte David Parker, ESA-Direktor für bemannte und robotische Raumfahrt.

Zwar wurden verschiedene wissenschaftliche Ergebnisse erzielt, doch ist der Abbau von Ressourcen auf dem Mond bislang noch nicht realisiert. Für die Idee der extraterrestrischen Rohstoffförderung interessieren sich viele staatliche Raumfahrtagenturen, darunter auch NASA und Japans JAXA. Auch China verfolgt entsprechende Pläne. Die USA rechnen laut Reuters damit, innerhalb des nächsten Jahrzehnts mit ersten Mond-Bergbauversuchen zu beginnen. Luxemburg hat sich bereits als europäisches Zentrum für Weltraumbergbau positioniert, mit dem Ziel, Rohstoffe vom Mond und von Asteroiden mithilfe von Robotern zu fördern. Diese Himmelskörper sind oft reich an wertvollen Metallen wie Seltene Erden, Aluminium, Titan und Mangan sowie Edelmetallen wie Gold und Platin. Bislang ist diese Vision jedoch noch nicht Wirklichkeit geworden.

Unsere Technologie als Stolperstein

Die Wirtschaftszeitung „Verslo Žinios“ berichtete, dass der Mond derzeit zum Zentrum verschiedener Initiativen geworden ist, die versuchen, globale Einflusszonen neu zu definieren. Die USA, China und Russland wetteifern darum, wer als Erster einen Atomreaktor auf dem Erdtrabanten errichtet. Experten stehen der Idee eines Reaktors auf dem Mond durchaus aufgeschlossen gegenüber. Die Technologie sei vorhanden, es müssten lediglich Fragen des Transports, der Sicherheit und des Rechts geklärt werden. Der Abbau von Rohstoffen auf dem Mond erscheint hingegen kurzfristig wenig realistisch. Zunächst bleiben zentrale rechtliche und sogar ethische Fragen offen: Etwa welche Schäden ein solcher Abbau für den Mond und seine wissenschaftliche Erforschung bedeuten könnte. Auch der Gedanke, dass einzelne Staaten sich Ressourcen aneignen, die bisher als gemeinsames Gut der Menschheit galten, stößt auf Skepsis.

Ein weiteres Problem ist technischer Natur. Für Bergbau im industriellen Maßstab im Weltraum gibt es bisher keine funktionierenden Lösungen. Es stellt sich die Frage, wie Metalle gefördert, zurück zur Erde transportiert und wirtschaftlich genutzt werden könnten. Die nötige Ausrüstung müsste vollständig autonom funktionieren, da menschliche Präsenz unter den dortigen Bedingungen kaum möglich ist. Die Technologien müssten mit Mikrogravitation, extremen Temperaturschwankungen, starker Strahlung und dem feinen Regolith zurechtkommen, der eine Gefahr für Geräte darstellt. Da der Mond keine Atmosphäre und nur geringe Gravitation aufweist, sind herkömmliche Abbaumethoden von der Erde dort nicht anwendbar. Es müsste eine völlig neue Abbaulogik entwickelt werden. NASA-Experten betonen, dass Space Mining nicht nur die Rohstoffgewinnung selbst erfordert, sondern auch die Schaffung einer vollständigen Infrastruktur vor Ort. Darunter fällt die Nutzung von Solarenergie, den Einsatz robotischer Geräte sowie die Aufbereitung der Rohstoffe im All selbst.

„Bergbausysteme müssen mit Energieerzeugung, -speicherung und Produktionskomplexen integriert werden, die unter extremen Weltraumbedingungen funktionieren“, heißt es in einem NASA-Bericht über die Perspektiven des Weltraumbergbaus. Dafür braucht es jedoch noch viel Zeit und erhebliche finanzielle Mittel.

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