Finanzen

BMW-Aktie im Härtetest: Kann die „Neue Klasse“ China stoppen?

Die Versuche traditionsreicher Automobilhersteller, mit den schnell agierenden Konkurrenten aus China mitzuhalten, scheiterten bisher an einer hohen technologischen Hürde. Dies will der deutsche Autobauer BMW nun ändern: Nach vier Jahren Entwicklungsarbeit stellte das Unternehmen die „Neue Klasse“ vor.
22.09.2025 11:56
Lesezeit: 3 min

BMW wechselt den Gang: „Superhirn“ für die „Neue Klasse“

Marken, die seit Jahrzehnten auf dem Markt sind, freuten sich bislang darüber, dass ihre Fahrzeuge Sprachbefehle verstehen. Doch China, dessen Autoindustrie aus einer langen Tradition des Kopierens hervorgegangen ist, hat in wenigen Jahren die Unternehmen überholt, von denen sie einst lernte. In der größten Volkswirtschaft Asiens wurden Autos zu Geräten, bei denen die meisten Funktionen und Eigenschaften nicht von Mechanik und Ingenieurkunst, sondern von Software gesteuert werden.

Softwarebasiertes Management ist inzwischen das Ziel der meisten globalen Hersteller. Solche Autos ähneln eher Computern auf Rädern, da in ihnen alles (von den Fahreigenschaften bis hin zum Infotainmentsystem) durch ein zentrales „Gehirn“ und dessen Betriebssystem gesteuert wird. Diese Fahrzeuge ermöglichen es Herstellern, bestimmte Funktionen für Nutzer zu sperren oder gegen monatliche Gebühren freizuschalten, beispielsweise zusätzliche Motorleistung. Dass solche Möglichkeiten zu neuen Einnahmequellen werden, gilt als sicher.

Bislang war nur Tesla in der westlichen Welt in der Lage, etwas Vergleichbares anzubieten. Andere Versuche, wie Toyotas „Arene“-System, konnten nicht überzeugen. Selbst deren Entwickler räumten ein, dass es voller Fehler sei und eher einem Werkzeugkasten als einer echten Software-Plattform gleiche. Umso gespannter wurde der neue Ansatz von BMW aufgenommen.

Milliardeninvestition in die „Neue Klasse“

Die „Neue Klasse“, eine Plattform für alle zukünftigen BMW-Modelle, wurde kurz vor der Automobilmesse „IAA Mobility“ vorgestellt. Demonstriert wurde sie am neuen Elektro-SUV iX3 – dem ersten von 40 neuen und überarbeiteten Modellen, die in den kommenden Jahren auf dieser Plattform basieren sollen. „Mit der ‘Neuen Klasse’ machen wir große Schritte in allen wichtigen Technologiebereichen. Der iX3 wird unser Branchenmaßstab sein“, versprach Vorstandschef Oliver Zipse im Sommer den Investoren.

Seit 2021 arbeitet BMW an diesem Projekt und hat dafür mehr als 10 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Die Investition gilt als strategischer Wendepunkt. Analyst Stephen Reitman von Bernstein erklärte gegenüber der Financial Times, die Plattform habe das Potenzial, BMW einen gewaltigen Sprung nach vorn zu ermöglichen: „BMW hat alles auf den Erfolg der ‘Neuen Klasse’ gesetzt.“ Die neue Architektur soll eine zwanzigmal höhere Rechenleistung bieten als heutige Fahrzeuge und die Komplexität der Bordelektronik verringern. Reichweiten von bis zu 800 Kilometern sowie Schnellladungen für 350 Kilometer in nur zehn Minuten werden möglich. Grundlage sind vier zentrale „Superhirne“, die sämtliche Funktionen (vom Fahrverhalten über autonomes Fahren bis hin zu Infotainment) koordinieren.

Der kommende iX3, der 2025 in den Handel kommt, wird die Zukunft greifbar machen: mit Panoramic iDrive über die gesamte Fahrzeugfront, einem zentral ausgerichteten Display sowie einem 3D-Head-Up-Display. Gleichzeitig behält BMW physische Tasten für wichtige Grundfunktionen wie Blinker oder Scheibenwischer bei.

Zwischen Elektromobilität und Verbrennern

Obwohl die „Neue Klasse“ mit dem Elektro-SUV iX3 präsentiert wurde, ist sie auch für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren vorgesehen. BMW verfolgt diese Doppelstrategie bereits seit Jahren: Alle Elektro-Modelle sind optisch und technisch eng mit den Benzin- und Hybridversionen verwandt. Dieses Konzept hat sich ausgezahlt: In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres machten Elektroautos 18 Prozent der Verkäufe aus – deutlich mehr als bei Mercedes (11 Prozent) oder Volkswagen (8 Prozent).

Dennoch bleibt unklar, ob BMW mit der „Neuen Klasse“ die chinesische Konkurrenz einholen kann. Chinesische Hersteller produzieren günstiger und drängen mit Macht auf den europäischen Markt. Auf der IAA Mobility stieg die Zahl der chinesischen Aussteller um 40 Prozent. Viele warben mit dem Slogan „In Europa gefertigt, für Europa bestimmt“.

Chinas Hersteller brauchen Absatz in Europa, da ihre Produktionskapazität mit 50 Millionen Fahrzeugen jährlich weit über der heimischen Nachfrage von 28 Millionen liegt. Da US-Zölle chinesische Hersteller weitgehend vom amerikanischen Markt ausgeschlossen haben, wird Europa zum zentralen Schlachtfeld. Daten von JATO Dynamics zeigen, dass chinesische Marken in Europa stark wachsen. Ihr Marktanteil hat sich in diesem Jahr fast verdoppelt. McKinsey erwartet, dass sie in einem Jahrzehnt ähnliche Marktanteile erreichen könnten wie Japan (14 Prozent) und Südkorea (9 Prozent).

Entscheidet die „Neue Klasse“ über die Zukunft der BMW-Aktie?

Die „Neue Klasse“ ist mehr als ein technisches Projekt. Sie ist ein Wettlauf um die Zukunft der Automobilindustrie. Für die BMW-Aktie könnte der Erfolg oder Misserfolg dieser Plattform den entscheidenden Unterschied machen. BMW hat Milliarden gesetzt, um die Transformation zu meistern. Ob dieser Einsatz reicht, wird sich daran zeigen, ob es gelingt, die Dominanz chinesischer Hersteller in Europa zu brechen.

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