Wirtschaft

Milliarden in Luft? Ex-Zentralbankchef warnt vor Kollaps durch KI-Blase

Die Investitionen in Künstliche Intelligenz explodieren, doch der ehemalige Zentralbankchef Patrick Honohan warnt vor einer gefährlichen KI-Blase. Während Tech-Giganten wie Microsoft, Google und Amazon hunderte Milliarden in Rechenzentren stecken, könnte sich hinter dem Hype eine fatale Leere verbergen. Droht der Weltwirtschaft ein Crash, der auch Deutschland ins Mark trifft?
24.09.2025 07:00
Lesezeit: 3 min
Milliarden in Luft? Ex-Zentralbankchef warnt vor Kollaps durch KI-Blase
Patrick Honohan, ehemaliger Gouverneur der Zentralbank von Irland, warnt vor einer potenziellen KI-Blase. (Foto: dpa) Foto: Enda Doran

Warnung vor einer aufgeheizten KI-Blase

Die KI-Blase gehört inzwischen zu den größten Bedrohungen für das globale Finanzsystem, so die deutliche Warnung von Patrick Honohan. Der ehemalige Gouverneur der irischen Zentralbank, der die Behörde von 2009 bis 2015 leitete, sagte: „Offensichtlich schafft die KI-Blase … sehr, sehr hohe Bewertungen an den Aktienmärkten. Und man kann sagen: ‚Nun gut, Aktien können steigen und fallen.‘ Aber sie haben Einfluss auf das, was passiert. Auf das, was mit diesen Bewertungen gekauft wird. Und auf die Kapitalbeschaffung.“ Das berichtet das irische Wirtschaftsportal Business Post.

In einem Gastvortrag in Edinburgh erklärte Honohan: „Nehmen wir an, es stellt sich heraus, dass in ChatGPT und all den anderen KI-Programmen letztlich nur ein kleiner Mann hinter dem Vorhang wie im Zauberer von Oz steckt. Dass da eigentlich nichts Substanzielles ist. Das wird nicht über Nacht offensichtlich werden, sondern könnte sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Und dann sagt man: ‚Eigentlich ist diese KI gar nicht so gut, wie wir dachten.‘“

Bezogen auf die Theorie, dass Künstliche Intelligenz menschliche Intelligenz übertreffen wird, warnte Honohan, es bestehe ein Risiko, wenn Investoren zu der Einschätzung gelangten, dass Allgemeine Künstliche Intelligenz (AGI) nicht in fünf oder zehn Jahren erreichbar sei, sondern erst in 50 oder 100 Jahren. „Wir könnten uns Szenarien vorstellen, in denen das zu einem erheblichen Einbruch führt.“

Milliardeninvestitionen in Rechenzentren und Start-ups

Honohans Bemerkungen kommen zu einem Zeitpunkt, da große Tech-Konzerne (darunter Meta, Google, Microsoft und Amazon) hunderte Milliarden Dollar in den Ausbau von KI-Infrastrukturen investieren. Laut Analysten von Morgan Stanley werden die weltweiten Ausgaben für Rechenzentren zwischen heute und 2029 fast 3 Billionen US-Dollar erreichen – das entspricht etwa 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union.

Davon sollen nur 1,4 Billionen US-Dollar aus den Investitionen der großen Tech-Konzerne stammen, was bedeutet, dass weitere 1,5 Billionen US-Dollar von Investoren und Entwicklern aufgebracht werden müssen. Auch in Start-ups, die ausschließlich auf Künstliche Intelligenz setzen, fließen enorme Summen: 2024 sammelten Unternehmen dieser Kategorie 110 Milliarden US-Dollar ein, nach 68 US-Milliarden Dollar im Jahr zuvor.

Einige Experten (darunter der Gründer von DeepMind, das mittlerweile zu Google gehört) warnen, dass der massive Kapitalzufluss in junge KI-Unternehmen zu einer Krypto-ähnlichen Hype-Blase und zu „Abzocke“ führe. Bret Taylor, Vorsitzender von OpenAI, erklärte vergangene Woche: „Ich denke, wir befinden uns ebenfalls in einer Blase, und viele Menschen werden sehr viel Geld verlieren“ – eine direkte Warnung vor den Folgen des aktuellen KI-Rausches. Zugleich fügte Taylor hinzu, dass KI „die Wirtschaft transformieren“ und künftig „enorme wirtschaftliche Werte schaffen“ werde.

OpenAI unterzeichnete letzte Woche einen Vertrag mit Oracle über den Kauf von Rechenleistung im Wert von 300 Milliarden Dollar über rund fünf Jahre, wie das Wall Street Journal berichtete. Dieser Vertrag gehört zu den größten Cloud-Deals aller Zeiten und zeigt, dass die Investitionen in KI-Rechenzentren trotz wachsender Sorgen über eine mögliche Blase weiterhin neue Rekorde erreichen.

Globale Warnsignale nehmen zu

Auch Jerome Powell, Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve, warnte in der vergangenen Woche vor den exzessiven Ausgaben im Bereich Künstliche Intelligenz. Nach der jüngsten Sitzung der Fed sagte Powell vor Journalisten, die USA erlebten „ungewöhnlich große wirtschaftliche Aktivitäten durch den KI-Ausbau“ – eine seltene Anerkennung, dass dieser Boom möglicherweise überdimensioniert sei.

Für Deutschland ist die Debatte um die KI-Blase von zentraler Bedeutung. Der DAX ist stark von Technologie- und Softwarewerten abhängig, und Unternehmen wie SAP, Siemens oder Infineon investieren selbst massiv in KI. Sollte sich die Blase ähnlich wie die Dotcom-Krise entwickeln, könnte dies nicht nur die Bewertung deutscher Aktien belasten, sondern auch die Finanzstabilität des gesamten europäischen Marktes gefährden. Zudem steht Deutschland unter politischem Druck, bei der KI-Entwicklung aufzuholen – was die Gefahr erhöht, dass Kapital in Projekte ohne nachhaltige Grundlage fließt.

Die Warnungen von Honohan und Powell machen deutlich: Die KI-Blase birgt erhebliche Risiken für die Weltwirtschaft. Milliarden fließen in Projekte, deren realer Wert sich erst in Jahren zeigen wird. Sollte sich herausstellen, dass die Erwartungen an Künstliche Intelligenz überzogen waren, droht eine massive Korrektur mit Folgen für Aktienmärkte, Investoren und die Stabilität ganzer Volkswirtschaften.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Inflation im Euroraum zieht wieder an: Wird die EZB die Zinsen erhöhen?
16.08.2026

Die Inflation hat sich im Euroraum überraschend zurückgemeldet – angetrieben von teurer Energie und geopolitischen Spannungen. Damit...

DWN
Politik
Politik Rentensplitting statt Witwenrente: Steht die Hinterbliebenenrente vor dem Aus?
16.08.2026

Im Rahmen der Rentenreform steht plötzlich auch die Witwenrente zur Diskussion. Ein Rentenexperte argumentiert, "Frauen könnten sich...

DWN
Politik
Politik Toxische Weltpolitik: Wenn gefährliche Staatschefs die Kontrolle verlieren
16.08.2026

Sie dulden keinen Widerspruch, verlangen Loyalität und halten sich selbst für unfehlbar. Gelangen toxische Führungspersönlichkeiten an...

DWN
Politik
Politik Medienrat für öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Geschäftsführerin steht fest
16.08.2026

Das neue Gremium soll den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kontrollieren. Im April wurde die Vorsitzende gewählt. Jetzt steht fest, wer...

DWN
Finanzen
Finanzen Wie Fintechs Banken herausfordern – und Anleger profitieren können
16.08.2026

Millionen Kunden eröffnen Konten bei Revolut, N26 oder Trade Republic – oft zunächst nur zusätzlich zur Hausbank. Doch aus der...

DWN
Finanzen
Finanzen Künstliche Intelligenz greift nach Ihrer Rente - und zwar an zwei Fronten
16.08.2026

Erstens geht es um die Exponierung von Pensionsfonds gegenüber KI. Zweitens stellt sich die Frage, welche Kasse die meisten Menschen im...

DWN
Panorama
Panorama Schlecht vorbereitet bei Waldbränden? Experte sieht Lücken im System
16.08.2026

Ein dichtes Netz an Feuerwehren schützt Deutschland bislang vor vielen größeren Waldbränden. Doch Ausbildung, Einsatzverfahren und...

DWN
Finanzen
Finanzen Millionenbetrug an Bankkunden: Ermittler heben Netzwerk aus
16.08.2026

Eine Gruppe Krimineller soll Bankkunden um Millionen betrogen haben. Ermittler aus Deutschland und Brasilien nahmen nach Durchsuchungen...