Unternehmen

Wirtschaftsstandort: Bürokratie bremst und stresst Unternehmer - auch psychisch

Die Belastung durch Bürokratie ist für Unternehmen in den letzten Jahren enorm gewachsen – bei vielen ist der Kipppunkt erreicht. Das Institut für Mittelstandsforschung fordert deshalb mehr Einsatz gegen die psychologischen Kosten der Bürokratie: Welche fatalen Folgen die Überregulierung produziert.
21.10.2025 11:03
Lesezeit: 4 min
Wirtschaftsstandort: Bürokratie bremst und stresst Unternehmer - auch psychisch
Bürokratiebelastung: Eine Untersuchung vom Institut für Mittelstandsforschung zeigt bei acht von zehn Unternehmern eine abnehmende Freude an ihrer unternehmerischen Tätigkeit. (Foto: dpa) Foto: Christoph Soeder

Wenn Vorschriften nerven und Unternehmen an der Bürokratie verzweifeln

Die Belastung durch Bürokratie ist für Unternehmen in den letzten Jahren enorm gewachsen – bei vielen ist der Kipppunkt erreicht. Der Wunsch, die Bürokratielast zu begrenzen, wird immer lauter. Vor einem Jahr wurde von der früheren Bundesregierung zwar das vierte Bürokratieentlastungsgesetz verabschiedet. Doch es ist nicht sichtbar, dass dadurch der Aufwand für Unternehmen weniger geworden ist.

Wird ein neues Gesetz beschlossen, gibt es in der Begründung einen Absatz, der sich mit dem Erfüllungsaufwand beschäftigt: Welche Kosten, welcher Zeitaufwand kommt auf diejenigen zu, die von dem Gesetz betroffen sind? Doch diese Definition greife zu kurz, meinen Wissenschaftler des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Denn nach Ansicht der Forscher wird etwas ganz Wesentliches vernachlässigt, wenn es um die Folgen von Bürokratie für die Wirtschaft geht: die psychologischen Kosten.

Bürokratie stresst Unternehmer – mit fatalen Folgen

Bürokratie ist seit Jahren ein Top-Thema für Politik und Wirtschaft. Die kontinuierlich vorgetragenen politischen Absichtserklärungen spiegeln sich allerdings nicht im Alltag der Unternehmen wider. Die Bürokratiebelastung ist enorm und die tatsächlichen Kosten sind deutlich höher:

  • 9 von 10 Unternehmen werden des BIHK-Konjunkturberichts zufolge durch staatliche Bürokratie gehemmt. 46 % sehen sich sogar in erheblichem Umfang beeinträchtigt.
  • Mehr als 90 % geben in einer Untersuchung des ifM Bonn an, dass die Bürokratielast in den letzten 5 Jahren gestiegen ist

Komponenten der Bürokratiebelastung: Die Unternehmen wurden danach gefragt, wie hoch sie den Aufwand an Zeit, Kosten und persönlicher Kraft und Energie zur Umsetzung bürokratischer Vorgaben einschätzen

IfM Bonn: Bürokratie verursacht psychologische Kosten

Wenn Vorschriften nerven, dann verzweifeln Betriebe, mit psychologischen Folgen: So ergab eine Befragung des IfM von 1.034 Unternehmen, dass der Umgang mit Bürokratie bei mehr als der Hälfte Wut, Zorn und Aggression auslöst. Mehr 40 Prozent fühlen sich ohnmächtig, allein gelassen, verwirrt und spüren einen Fluchtinstinkt. Diese psychologischen Kosten wurden von der großen Mehrheit (87 Prozent) als mindestens gleich belastend bewertet wie der reine Zeit- und Kostenaufwand. Für mehr als die Hälfte der Befragten waren sie sogar stärker belastend.

Die dauerhaft hohe Beanspruchung der persönlichen Kraft und Energie durch Bürokratie kann sich in den Unternehmen – je nach persönlicher Disposition und konkretem Ausmaß der Belastung – in unterschiedlichen Emotionen äußern. Die Unternehmen wurden daher in der Befragung gebeten, Auskunft über die Gefühle zu geben, die die bürokratischen Erfordernisse bei ihnen auslösen. Aus einer Gruppe vorgegebener Emotionen waren Mehrfachnennungen möglich. Komponenten der psychologischen Kosten nach Wahrnehmungstypen:

Die psychologischen Folgekosten durch hohe Bürokratiebelastung kann mit einer Kostenabschätzung nicht beziffert werden. Deshalb hat das IfM Bonn Unternehmen zu den psychologischen Kosten befragt:

  • Für 53 % der Unternehmen wiegen die psychologischen Kosten von Bürokratie schwerer, als der eigentliche Erfüllungsaufwand.
  • Bei mehr als der Hälfte der befragten Unternehmen löst die Bürokratiebelastung Gefühle von Wut, Zorn und Aggression aus.
  • Vermeidung und Frustration sind weitere häufige Reaktionen auf die Bürokratielast und eine schlechte Voraussetzung für erfolgreiches Unternehmertum. Insbesondere Kleinunternehmen zeigen sich von der Bürokratie überfordert.
  • 8 von 10 Unternehmen fühlen aufgrund der Bürokratiebelastung eine abnehmende Freude an ihrer unternehmerischen Tätigkeit.

Zusammenfassung: Folgen der Regulierungswut

Die Wissenschaftler warnen vor den Folgen: Unternehmen investierten nicht mehr oder nähmen wegen der komplizierten Regelungen nicht mehr an öffentlichen Ausschreibungen teil. Jedes vierte Unternehmen betreibe bereits „autonomen Bürokratieabbau“, schreiben die Forscher. Im Klartext: Einzelne Vorschriften werden bewusst missachtet. Als besonders gefährlich bewertet das IfM, dass mehr als drei Viertel der Unternehmer angaben, die Freude an ihrer Tätigkeit zu verlieren.

Bürokratieabbau sei in diesem Sinne zugleich Gründungs- und Wirtschaftsförderung und sollte stärkeres Augenmerk auf den Abbau der Ursachen der psychologischen Kosten legen, schreibt das IfM in einem Policy-Brief. Die Wissenschaftler schlagen drei zentrale Maßnahmen vor:

  • vereinfachte und stabilere Rechtsvorschriften
  • weniger Kontrollen und Regulierungen, dafür mehr Vertrauen
  • mehr Angebote für effektive (persönliche) Beratungs- und Unterstützungsleistungen.

IfM: Weg von Mikro-Steuerung, hin zu verlässlichen Rahmenbedingungen

Konkret nennt das Papier noch eine durchgehende Digitalisierung und mehr Beteiligung von Unternehmern an der Gesetzgebung – etwa in Form von Praxis-Checks – als weitere wichtige Punkte. Ziel müsse es sein, eine „Ermöglichungskultur“ zu schaffen.

Diese jetzige Situation in den Unternehmen unterstreicht die Forderung und macht deutlich: Die aktuelle Regulierungsdichte produziert genau das Gegenteil. Sie bremst die Produktivität in den Betrieben, verhindert Wettbewerbsfähigkeit und blockiert Innovationen. Sie überfordert und entmutigt insbesondere kleine Unternehmen. Und besonders bizarr: Nicht nur der Mittelstand ist überfordert, auch die staatliche Seite. Der Staat schafft es nicht mehr, seine eigenen Regeln und Vorgaben aufgrund der Fülle von Vorgaben auf Einhaltung in den Betrieben zu überprüfen.

Fazit: Seit Jahren schaffen Bürokratie und Regulierung am Standort Deutschland keine Gewinne, sondern Verluste: Die wirtschaftlichen und psychologischen Kosten sind weitaus höher als der bürokratische Nutzen, die Aufwendungen sind höher als die Erträge.

Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Wird der XRP-Preis manipuliert? Hinter der Klage der US-Börsenaufsicht deutet sich ein langfristiger Plan von AMT DeFi an

Die Diskussionen rund um die Preisentwicklung von XRP reißen seit Langem nicht ab. Insbesondere nach der Klage der US-Börsenaufsicht...

 

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Politik
Politik Trump setzt sich durch: Wie die Abstimmung im US-Senat den Kongress spaltet
16.01.2026

Donald Trump demonstriert erneut, wie eng seine Machtbasis im US-Kongress weiterhin ist, selbst bei umstrittenen außenpolitischen Fragen....

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Eberswalder Wurst: Fleischriese Tönnies macht Traditionsbetrieb dicht – warnendes Lehrstück für andere Unternehmen
16.01.2026

Mit der Schließung der Eberswalder Wurstwerke verschwindet ein weiterer DDR-Traditionsbetrieb. Das Werk im brandenburgischen Britz wird im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kakaopreis rutscht ab: Ursachen und Folgen für Märkte und Industrie
16.01.2026

Der Kakaomarkt reagiert auf spürbare Veränderungen bei Nachfrage und Verarbeitung. Signalisiert der jüngste Rückgang des Kakaopreises...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Porsche-Aktie: Absatzkrise in China – Porsche verkauft deutlich weniger Fahrzeuge
16.01.2026

Porsche spürt die anhaltende Marktschwäche in China deutlich: Der Absatz ging 2025 um rund ein Viertel auf 41.900 Fahrzeuge zurück....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise verschärft sich: Gaspreise in Europa innerhalb einer Woche um 20 Prozent gestiegen
16.01.2026

Europas Gasmarkt erlebt einen kräftigen Preissprung: In nur einer Woche stiegen die Kosten für Erdgas um rund 20 Prozent und erreichten...

DWN
Panorama
Panorama Urlaubspläne 2026: Deutsche halten trotz Wirtschaftskrise fest
16.01.2026

Die Reiselust der Deutschen bleibt ungebrochen: Rund zwei Drittel der Bevölkerung planen für 2026 eine Urlaubsreise. Dennoch ist die Zahl...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Stromversorgung nach Kohleausstieg: Braucht Deutschland Gaskraftwerke?
16.01.2026

Die Debatte um neue Gaskraftwerke in Deutschland wird intensiver. Die Regierung sieht sie als zentral für die Versorgungssicherheit,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Institut warnt: Handelspolitik der USA trifft Deutschland langfristig
16.01.2026

Ein Jahr nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump belasten dessen Strafzölle die deutsche Wirtschaft weiterhin deutlich. Nach...