Große Unterschiede bei Investmentgebühren für Fondsanlagen in Europa
Die Europäische Union hat in vielen Bereichen die nationalen Grenzen faktisch aufgehoben: Wir können in Helsinki und Málaga mit dem Euro bezahlen, in Paris studieren oder den Lebensabend in Portugal verbringen. Doch wenn es um Investitionen und Investmentgebühren geht, bestehen weiterhin große Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten. Besonders auffällig sind die Preisunterschiede bei den Kosten, die Privatanleger für die Verwaltung ihres Geldes zahlen. Auch im Vergleich zu den USA ist die Differenz erheblich.
Berechnungen unserer Kollegen von der dänischen Zeitung Børsen auf Basis offizieller EU-Daten zeigen, dass die Unterschiede bei den Investmentgebühren deutlich größer sind als die Differenzen bei den Bruttoerträgen von Fonds vor Abzug der Kosten. „Als Anleger sollte man nicht nur auf die Kosten achten. Aber sie sind für die Gesamtrendite von entscheidender Bedeutung“, sagte Verena Ross. Sie ist die Leiterin der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA), die 2011 als gemeinsame EU-Behörde gegründet wurde. ESMA legt die Regeln für die Finanzmärkte fest, reguliert professionelle Investoren und schützt Privatanleger.
Brutto- oder Nettoertrag: Dänemark fällt trotz hoher Renditen zurück
Über einen Zeitraum von zehn Jahren (von 2014 bis Ende 2024) erzielten z.B. Fonds in Dänemark laut ESMA die höchsten durchschnittlichen Bruttorenditen in ganz Europa, mit 9,75 Prozent pro Jahr. Am unteren Ende lag Österreich mit 7,68 Prozent, was über zehn Jahre einem Unterschied von 28 Prozent entspricht.
Nach Abzug der Investmentgebühren lag die Nettorendite für dänische Anleger jedoch nur bei 8,47 Prozent. Das ist viel geringer als in Schweden (8,51 Prozent) und den Niederlanden (8,75 Prozent). Grund dafür ist, dass dänische Anleger über die letzten zehn Jahre jährlich 1,30 Prozent an laufenden Kosten für die Verwaltung ihrer Fonds zahlten. In Schweden betrugen die laufenden Kosten 0,99 Prozent, in den Niederlanden 0,66 Prozent.
Im Schnitt sind Fondsanlagen in Italien mehr als dreimal so teuer wie in den Niederlanden, ein viel größerer Unterschied als bei den Bruttorenditen. Noch deutlicher werden die Unterschiede, wenn man nur das Jahr 2024 betrachtet: Wer Anfang 2024 in einen Fonds investierte und das Geld am Jahresende wieder abzog, zahlte in den Niederlanden 0,35 Prozent, in Portugal 2,0 Prozent und in Dänemark 0,97 Prozent laufende Kosten. Die sogenannten Ausgabe- und Rücknahmeaufschläge variieren von 0,12 Prozent in Schweden bis zu über 4 Prozent in Deutschland. Im Durchschnitt erzielten Anleger in der EU 2024 ein Bruttoergebnis von 5,79 Prozent, doch nach Abzug aller Kosten blieb ein Nettoertrag von nur 3,39 Prozent. In Österreich fiel die Rendite nach Kosten sogar auf 0,40 Prozent.
Neue ESMA-Studie: Fokus auf Kostenstrukturen und Bankprovisionen
„Wir konzentrieren uns sehr darauf, welche Ergebnisse die Anleger tatsächlich erzielen“, erklärte Ross. „Daher werden wir voraussichtlich im kommenden Monat einen detaillierten Bericht veröffentlichen, der eine tiefgehende Analyse der Unterschiede bei den Distributionskosten enthält.“ Diese Distributionskosten sind Zahlungen an die Institute, die Anleger in Europa an die Fondsmanager vermitteln.
Ein Beispiel: Die dänische Fondsgesellschaft BankInvest erzielte im vergangenen Jahr Gebühreneinnahmen von rund 208 Millionen Euro. Davon zahlte BankInvest etwa 74 Millionen Euro als Provisionen an die vertreibenden Banken. Diese Banken erhielten zusätzlich 69 Millionen Euro als Dividende. Zusammen sind das fast 169 Millionen Euro vor Steuern aus den Gebühreneinnahmen. Für die tatsächliche Verwaltung des Anlegergeldes inklusive Gehältern der Portfoliomanager und Verwaltungskosten gab BankInvest 40,7 Millionen Euro aus.
Damit kassierten die 40 Banken, die BankInvest sowohl besitzen als auch deren Produkte verkaufen, den Großteil der Gebühreneinnahmen.
Banken unter Druck: Digitalisierung könnte Kosten senken
Diese Banken argumentieren, dass die Gebühren notwendig seien, um die Kundenberatung zu finanzieren. Doch laut Ross steht ihre Dominanz zunehmend unter Druck: „Mit der wachsenden Digitalisierung kann sich der Vertrieb verändern. Unabhängige Plattformen und Apps können Anlegern Zugang zu Fonds mit deutlich niedrigeren Investmentgebühren bieten“, sagte die ESMA-Chefin. Gleichzeitig gebe es erhebliche nationale Unterschiede, die den Aufbau eines echten Binnenmarktes verhindern. „Wir bei ESMA wollen einfachere Regeln, besonders für Privatanleger. Doch in der Praxis ist das schwierig, weil die nationalen Vorschriften sehr unterschiedlich sind“, so Ross.
Nach Angaben des Branchenverbands Investering Danmark hatten beispielsweise dänische Privatanleger Ende September rund 170 Milliarden Euro in Fonds investiert. In der gesamten EU betrug das Anlagevolumen 5.028 Milliarden Euro. Zwar könnten dänische Anleger theoretisch auch in ausländische Fonds investieren, die deutlich günstiger sind, doch steuerliche Sonderregeln erschweren das. Diese begünstigen inländische Fonds, die spezifische Ausschüttungsregeln erfüllen müssen. Das sind Bestimmungen, die nur in Dänemark gelten. Dadurch entsteht de facto ein geschlossener Markt.
Ähnliche Sonderregeln gibt es auch in anderen EU-Staaten, was zu einer stark fragmentierten Marktstruktur führt. Obwohl viele Fonds rechtlich in Luxemburg oder Irland ansässig sind, variieren die Investmentgebühren zwischen den Ländern erheblich. Das Ergebnis: Kaum Wettbewerb um niedrigere Gebühren – selbst wenn Nachbarländer deutlich günstiger sind, etwa zwischen den Niederlanden und Deutschland.
EU will Kapitalmarktunion und Kostenharmonisierung
„Unsere Zahlen zeigen, dass die Kosten für Anleger in der EU in den letzten Jahren leicht gesunken sind, aber sie bleiben hoch, und die Unterschiede zwischen den Ländern sind enorm“, sagte Ross.
Laut der jüngsten ESMA-Auswertung betragen die jährlichen durchschnittlichen Kosten eines europäischen Aktienfonds 1,65 Prozent. 2014 lag der Durchschnitt noch bei 2,1 Prozent. In Dänemark liegt der Wert mit 1,30 Prozent leicht darunter. Zum Vergleich: In den USA betragen die durchschnittlichen jährlichen Investmentgebühren nur 0,40 Prozent. In den 1990er Jahren waren es noch über 1,0 Prozent.
Der Grund: Fonds werden dort nicht über Banke, sondern direkt von den Kapitalverwaltern verkauft. Dadurch sinken die Distributionskosten erheblich. Außerdem dominieren passive Indexfonds, die mittlerweile über 50 Prozent des US-Markts ausmachen und im Schnitt nur 0,05 Prozent pro Jahr kosten. Europäische Banken verweisen darauf, dass sie mit ihren Einnahmen Kundenberatung finanzieren. Doch in der Praxis belastet dieses System die Anleger erheblich.
Anlegerschutz und Transparenz: EU prüft Marketing und Krypto-Investments
Ein weiterer Schwerpunkt der ESMA betrifft den Anlegerschutz. Am 6. Oktober veröffentlichten ESMA, die Europäische Bankenaufsicht (EBA) und die Versicherungsaufsicht (EIOPA) eine gemeinsame Warnung vor Investitionen in Krypto-Assets. „Kryptoanlagen können riskant sein, und der Anlegerschutz, falls vorhanden, ist sehr begrenzt“, hieß es in der Mitteilung.
Ross betonte: „Wir möchten, dass Anleger eine breite Produktauswahl haben, aber sie müssen wissen, worin sie investieren und welche Risiken bestehen.“ Die ESMA arbeite deshalb an neuen Regeln zur Finanzbildung, zur Werbung von Investmentprodukten und zum Umgang mit sogenannten Finfluencern. Das seit 2018 geltende EU-Direktiv MiFID II, das mehr Transparenz und niedrigere Kosten bringen sollte, hat laut ESMA-Daten nur geringe Wirkung gezeigt. Hauptgrund ist die mangelnde Vereinheitlichung der Regeln in Europa.
Kapitalmarktunion bleibt Ziel: Weniger Bürokratie, mehr Integration
Bereits 2015 hatte die EU-Kommission die Idee einer Kapitalmarktunion mit dem Ziel vorgestellt, die Finanzierung von Innovation und Unternehmen zu erleichtern und Investoren sichere Rahmenbedingungen zu bieten. Doch 2020 musste Brüssel eingestehen, dass kaum Fortschritte erzielt worden waren. Nun soll die sogenannte „Spar- und Investitionsunion“ den Anlauf erneuern. „Wir brauchen einen Binnenmarkt ohne Barrieren, mit einheitlichem Anlegerschutz und vergleichbaren Unternehmensanforderungen“, sagte Ross. Dazu fordert sie einfachere und einheitlichere Regelwerke: „Viele EU-Vorschriften werden durch nationale Gesetze unterschiedlich umgesetzt. Wir sollten daher stärker auf direkt geltende EU-Verordnungen setzen.“
Außerdem wird diskutiert, ob die EU künftig selbst das direkte Aufsichtsrecht über große Finanzakteure übernehmen sollte, ähnlich wie die Europäische Zentralbank bei den größten Banken. Dies könnte zu einem stärkeren, gemeinsamen Aufsichtssystem führen. Ziel sei es, dass mehr europäisches Kapital in produktive Investitionen fließt, statt auf Sparkonten zu liegen. Ganz nach dem Vorbild der USA, wo Investments weitaus verbreiteter und günstiger sind.

