Wirtschaft

Krieg entzieht der russischen Wirtschaft die Kraft

Die russische Wirtschaft gerät unter Druck: hohe Inflation, sinkendes Wachstum, militärische Überlastung und neue US-Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil drohen Moskaus Einnahmen drastisch zu senken. Experten warnen vor Stagflation und sehen die Wirtschaft als größte Gefahr.
07.11.2025 11:00
Lesezeit: 3 min
Krieg entzieht der russischen Wirtschaft die Kraft
Nach Angaben der russischen Zentralbankgouverneurin Elvira Nabiullina sind in der russischen Wirtschaft "erhebliche inflationssteigernde Risiken" aufgetreten. (Foto: dpa) Foto: Valery Sharifulin/Tass/Host Phot

Russische Wirtschaft steckt in der Rezession: Zentralbank warnt vor Stagflation

Verlässliche Daten in Sachen Russland sind rar, doch als eine der glaubwürdigsten Quellen gilt die Bank of Finland’s Institute for Economies in Transition (BOFIT). In ihrer aktualisierten Prognose für 2025–2027 senkt sie die Erwartungen für Russland drastisch. „Das Wachstumstempo der russischen Wirtschaft hat sich in der ersten Hälfte des Jahres 2025 deutlich stärker verlangsamt als in unserer Märzprognose angenommen. Wir erwarten nun ein Wachstum von höchstens 1 Prozent für das Gesamtjahr“, heißt es in dem Bericht.

Auch Anders Olofsgård, Professor an der Stockholm School of Economics und stellvertretender Direktor des Stockholm Institute of Transition Economics, sieht deutliche Zeichen einer Abschwächung: „Die russische Wirtschaft befindet sich in einer klaren Rezession, mit sehr schwachen Wachstumsraten in den beiden ersten Quartalen 2025“, erklärt er.

Hohe Inflation, steigende Kosten und militärische Überhitzung

Die BOFIT-Analyse benennt eine Reihe struktureller Probleme:

  • Kriegskosten: Der Staatshaushalt konzentriert sich fast ausschließlich auf Militär und Sicherheit. Unternehmen außerhalb des Verteidigungssektors leiden unter Arbeitskräftemangel, steigenden Steuern und hohen Zinsen.
  • Investitionsstau: Private Investitionen stagnieren. Ausnahmen bilden nur kriegsbezogene Projekte.
  • Schwacher Konsum: Das Privatverbrauchswachstum liegt bei kaum 1 Prozent jährlich, während Reallöhne zwar stabil bleiben, die Dynamik jedoch abnimmt.

„Die russische Wirtschaft ist heute zweigeteilt“, sagt Olofsgård. „Kriegsnahe Industrien funktionieren noch, aber fast alle anderen Branchen kämpfen mit massiven Kostensteigerungen insbesondere bei Löhnen, getrieben durch den Mangel an Arbeitskräften.“

Am 24. Oktober bestätigte auch die russische Zentralbank den wirtschaftlichen Druck. Entgegen den Erwartungen einer deutlicheren Lockerung senkte sie den Leitzins lediglich von 17 auf 16,5 Prozent und reduzierte zugleich die Wachstumsprognose für 2025 von 1–2 auf 0,5–1 Prozent. Zentralbankchefin Elvira Nabiullina warnte vor „erheblichen inflationsfördernden Risiken“. Ursache seien vor allem ein steigendes Haushaltsdefizit und höhere Treibstoffpreise.

Risikoszenario: Stagflation bedroht die russische Wirtschaft

Laut Nabiullina könnte sich die Lage noch verschärfen. „Es besteht anhaltende Unsicherheit durch geopolitische Faktoren. Alles hängt davon ab, wie sich die Situation entwickelt.“ Im Risikoszenario rechnet die Zentralbank mit einer Inflation von 10-12 Prozent im Jahr 2026 und einer negativen Wachstumsrate in 2026 und 2027. Die Leitzinsen müssten dann deutlich angehoben werden.

Ökonom Olofsgård sieht Russland bereits am Rand der Stagflation: „Die Kombination aus hoher Inflation und stagnierendem Wachstum ist bereits Realität. Die Zentralbank hat die Kontrolle über die Preisentwicklung weitgehend verloren. Solange der Krieg andauert und der Arbeitsmarkt überhitzt bleibt, werden die Inflationserwartungen hoch bleiben.“ Ein deutlich niedrigeres Zinsniveau sei daher nur bei einem dramatischen Wirtschaftseinbruch vorstellbar.

Sanktionen verschärfen den Druck

Neue US-Sanktionen gegen die Ölriesen Rosneft und Lukoil verschärfen die Lage. Ziel der Maßnahmen, so Ex-Präsident Donald Trump, sei es, „Putins Kriegskasse auszutrocknen“. „Diese Sanktionen können vor allem erhebliche Auswirkungen haben, wenn sie durch strengere Maßnahmen gegen Unternehmen in Indien und China ergänzt werden, die mit russischem Öl handeln“, erklärt Olofsgård. „Rosneft und Lukoil sind zentrale Akteure. Wenn sie keine US-Finanzkanäle mehr nutzen und keine Dollartransaktionen durchführen können, wird der Export deutlich schwieriger.“ Zwar gebe es weiterhin Umgehungswege, doch alles, was den Handel verkompliziere, mache ihn teurer und weniger profitabel: „Das bedeutet geringere Margen und schwächere Verhandlungspositionen gegenüber den wenigen Ländern, die noch bereit sind, russisches Öl zu kaufen.“

Für Deutschland ist die Lage doppelt relevant: Einerseits zeigt sie, dass die russische Wirtschaft trotz Umgehungskanälen in ernste Schwierigkeiten gerät, was den Erfolg westlicher Sanktionen unterstreicht. Andererseits warnen deutsche Exporteure vor sekundären Effekten: Der Einbruch russischer Nachfrage trifft Zulieferer in Maschinenbau, Chemie und Logistik, die teils über Drittstaaten involviert sind. Die anhaltend hohe Inflation in Russland drückt zudem auf die globalen Energiepreise, die über Zwischenmärkte wie China und Indien auch in Europa spürbar bleiben.

Die aktuell wirtschaftliche Schwäche Moskaus verschiebt das geopolitische Gleichgewicht. Eine stagflationäre russische Wirtschaft könnte Putins Handlungsspielraum einschränken, zugleich aber die Abhängigkeit von China vertiefen. Während Peking vergünstigtes Öl bezieht und russische Technologie exportiert, verfestigt sich eine asymmetrische Allianz, in der Russland zum Rohstoffanhängsel der chinesischen Industrie wird. Das wiederum schwächt langfristig Moskaus Autonomie und verändert die Dynamik in Eurasien zugunsten Pekings.

Für den Westen eröffnet das Chancen, aber auch Risiken: Ein wirtschaftlich geschwächtes Russland bleibt unberechenbar.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

avtor1
Marius Vaitiekūnas

Zum Autor:

Marius Vaitiekūnas ist ein ausgewiesener Experte für Geopolitik und internationale Wirtschaftsverflechtungen. Geboren 1985 in Kaunas, Litauen, schreibt er als freier Autor regelmäßig für verschiedene europäische Medien über die geopolitischen Auswirkungen internationaler Konflikte, wirtschaftlicher Machtverschiebungen und sicherheitspolitischer Entwicklungen. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind die globale Energiepolitik und die sicherheitspolitischen Dynamiken im osteuropäischen Raum.

DWN
Politik
Politik Elektronische Patientenakte: Hausärzte warnen vor Kassen-Zugriff auf Patientenakten
22.10.2026

Werden Patienten mit einem neuen Digitalgesetz besser vor Krankheiten geschützt - oder werden sie neuen Risiken anderer Art ausgesetzt?...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: CoreWeave und Sandisk im Tech-Ausverkauf schwer getroffen
22.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Auslöser die Wall Street in Aufruhr versetzen und was das für die Märkte bedeutet.

DWN
Technologie
Technologie Enthüllt: Diese US-Techkonzerne wollten den Stromverbrauch ihrer Rechenzentren geheim halten
22.10.2026

Google und Microsoft wollten zentrale Angaben zum Stromverbrauch ihrer irischen Rechenzentren unter Verschluss halten. Die Umweltbehörde...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Hier sind die besten und schlechtesten Rentensysteme der Welt
22.10.2026

Deutschlands Rentensystem gerät zunehmend unter Druck, während Dänemark im weltweiten Renten-Ranking auf den zweiten Platz klettert....

DWN
Politik
Politik Steuereinnahmen steigen: Klingbeil sieht trotzdem keinen neuen Spielraum
22.10.2026

Die neue Steuerschätzung bringt dem Bund Milliarden an zusätzlichen Einnahmen. Für Finanzminister Lars Klingbeil bedeutet das trotzdem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rüstungsboom statt Autokrise: Mittelstand drängt in die Wehrtechnik
22.10.2026

Deutschlands Wehretat knackt die 100-Milliarden-Euro-Marke und treibt den industriellen Strukturwandel voran. Weil das klassische...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft SpaceX mit Milliardengewinn: Elon Musk plant die größte Fusion aller Zeiten
22.10.2026

Elon Musk meldet einen Milliardengewinn bei SpaceX und denkt bereits über den nächsten historischen Schritt nach. Eine Fusion mit Tesla...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Verbrenner-Aus in der EU: Lockerung nimmt erste Hürden im Europaparlament
22.10.2026

Das geplante Verbrenner-Aus könnte weniger strikt ausfallen als bislang vorgesehen. Im Europaparlament haben sich erste Ausschüsse für...