Wirtschaft

Deutsche Industrie: Materialmangel trifft Autoindustrie am härtesten – Ursache wohl in China

Materialmangel trifft die deutsche Industrie unerwartet hart und legt Schwachstellen in globalen Lieferketten offen. Besonders Halbleiter und seltene Erden werden plötzlich knapp, während China Exportkontrollen verschärft. Unternehmen suchen hektisch Alternativen in Europa und Übersee – doch wie tief reicht die Abhängigkeit wirklich?
01.12.2025 16:33
Lesezeit: 3 min
Deutsche Industrie: Materialmangel trifft Autoindustrie am härtesten – Ursache wohl in China
Roboter arbeiten an der Karosserie von verschiedenen Automodellen: Die Autobranche leidet am härtesten unter Materialmangel (Foto: dpa). Foto: Daniel Josling

Deutsche Industrie: Materialmangel durchkreuzt Produktionsabläufe

Die deutsche Industrie kämpft mit wachsendem Materialmangel in ihren Produktionsabläufen – und als wahrscheinlicher Auslöser gilt China. Das zeigt eine aktuelle Unternehmensumfrage des Münchner Ifo-Instituts. Besonders betroffen sind Branchen, die auf Halbleiter sowie weitere elektronische Bauteile angewiesen sind. Im industrieweiten Durchschnitt berichten 11,2 Prozent der Unternehmen von Materialmangel bei der Beschaffung des benötigten Materials, damit ist der Anteil doppelt so hoch wie im Oktober.

Als mögliche Gründe nennen die Studien die chinesischen Exportkontrollen für seltene Erden, weil diese Metalle für viele Chips gebraucht werden. Eine separate Befragung der EU-Handelskammer in China ergibt zudem: Ein knappes Drittel der dort ansässigen europäischen Firmen will sich inzwischen schon neue Lieferanten außerhalb der chinesischen Grenzen suchen.

Autoindustrie am härtesten getroffen – Zusammenhang mit China wahrscheinlich

"Die fehlenden Halbleiter verschärfen die bereits schwierige Situation der Industrie", sagte Umfrage-Leiter Klaus Wohlrabe. Am deutlichsten trifft Materialmangel die Autoindustrie, den wichtigsten deutschen Industriezweig: Mehr als ein Viertel (27,6 Prozent) der Unternehmen klagt über Materialmangel. Auch Produzenten elektronischer und optischer Erzeugnisse haben häufiger Probleme; hier stieg der Anteil der Firmen mit Materialmangel von 10,4 auf 17,5 Prozent.

Nach konkreten Ursachen fragte das Ifo-Institut zwar nicht, doch Wohlrabe hält einen politischen Zusammenhang mit China für naheliegend. Die chinesische Regierung hatte ihre Exportkontrollen für seltene Erden im Frühjahr verkündet. Unruhe in der deutschen Industrie verursachte außerdem der europäisch-chinesische Streit um den niederländischen Chiphersteller Nexperia und dessen chinesischen Eigentümer. Viele Fachleute gehen davon aus, dass die Pekinger Führung die Abhängigkeit europäischer und US-amerikanischer Unternehmen von chinesischen Vorprodukten nutzt, um politischen Druck auszuüben und die eigene Industrie zu fördern.

Nicht nur direkte Importe aus China betroffen

Wohlrabe zufolge reichen die Folgen der Exportkontrollen über den direkten deutsch-chinesischen Außenhandel hinaus: Da die Exportkontrollen auch für andere Länder gelten, die chinesische Vorprodukte verbauen, merkt die deutsche Industrie die Effekte bei Einfuhren nicht nur aus der Volksrepublik. Die Umfrage der EU-Außenhandelskammer in China unterstreicht erneut, wie stark europäische Unternehmen an China gebunden sind. Mehr als zwei Drittel der Befragten sagten, dass ihre Werke außerhalb der Volksrepublik auf Vorprodukte aus China angewiesen seien.

Die Exportkontrollen hätten die Unsicherheit der europäischen Firmen in der Volksrepublik erhöht, sagte Kammer-Präsident Jens Eskelund. Das Risiko reicht von stockender Produktion bis hin zum Stillstand. Daher verlangt die EU-Kammer einen Mechanismus für allgemeine Genehmigungen.

Deutsche Industrie im Pekinger Würgegriff

Was für Europa insgesamt gilt, trifft die deutsche Industrie besonders hart. Nach Berechnungen des Berliner Mercator-Instituts für China-Studien importiert die deutsche Industrie 95 Prozent ihrer benötigten seltenen Erden aus China – deutlich mehr als im europäischen Schnitt. Schon während der Amtszeit von Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) diskutierte die deutsche Politik über eine Verringerung der Abhängigkeit von der weltgrößten Diktatur. Eingetreten ist jedoch das Gegenteil.

Germany Trade & Invest (GTAI) – die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Bundes – rechnet in diesem Jahr mit einem Rekordhandelsdefizit von knapp 88 Milliarden Euro. Die deutschen Exporte in die Volksrepublik könnten demnach um 10,6 Prozent sinken, während die Einfuhren aus China um gut 7 Prozent steigen. Aus der einst von vielen deutschen Managern und Politikern gepriesenen "Win-Win-Situation" ist längst ein Win-Lose geworden. China gewinnt, Deutschland verliert. Peking hingegen hat seine einstige technologische Abhängigkeit vom Rest der Welt erfolgreich reduziert.

Chinesischer Druck auf deutsche Industrie wächst weltweit

Bislang beschränken sich die globalen Marktanteilsverluste der deutschen Industrie weitgehend auf China. Gleichzeitig hat die chinesische Industrie in mehreren Sparten riesige Produktionskapazitäten aufgebaut, für die der heimische Markt zu klein ist. Deshalb versuchen chinesische Firmen, deutsche Unternehmen auch im Rest der Welt zu verdrängen. Dabei leistet die Staats- und Parteiführung offenkundig tatkräftige Schützenhilfe. Die mit den Exportkontrollen verbundene Verlangsamung der Ausfuhr seltener Erden könnten die Preise hochtreiben, die Planung der Industrieunternehmen stören und ausländischen Wettbewerbern schaden, heißt es in einem im Oktober veröffentlichten Papier des Mercator-Instituts.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Edelmetalle in einer neuen Marktphase

Gold über 5.500 US-Dollar, Silber über 100 US-Dollar pro Unze

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzmärkte 2026: Welche Risiken Anleger beachten müssen
31.01.2026

Die Kapitalmärkte treten in eine Phase erhöhter Unsicherheit, geprägt von Technologieumbrüchen, geopolitischen Spannungen und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Welthandel: Wie Datenzentren den globalen Handel neu beleben
31.01.2026

Zölle bremsen, doch Technologie beschleunigt. Während protektionistische Maßnahmen den Welthandel belasten, entwickelt sich künstliche...

DWN
Finanzen
Finanzen Finanzabteilungen vor dem Kollaps? Warum 2026 alles ändert
31.01.2026

2026 wird zum Schicksalsjahr für Finanzabteilungen: KI verspricht Effizienz, Regulierung droht mit Sanktionen – und beides trifft jetzt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo EX60: Schwedens Antwort auf den BMW iX3 und den Mercedes GLC
31.01.2026

Volvo will sich mit einem neuen Elektro-SUV im Premiumsegment strategisch neu ausrichten. Gelingt es dem Hersteller damit erstmals,...

DWN
Finanzen
Finanzen Trotz niedrigem Kakaopreis: Hoher Schokoladenpreis bremst die Nachfrage
31.01.2026

Obwohl der Kakaopreis seit Monaten deutlich fällt, wird Schokolade spürbar teurer. Während die Umsätze aufgrund des hohen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Macrons kurioser Auftritt in Davos: Sonnenbrille sorgt für Kurssprung der iVision Tech-Aktie
31.01.2026

Macrons Sonnenbrille löste bei seinem Auftritt in Davos eine ungewöhnliche Marktreaktion aus. Die mediale Aufmerksamkeit katapultierte...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Schienengüterverkehr unter Druck: Deutlicher Rückgang der Transportleistungen
31.01.2026

Der europäische Schienengüterverkehr verliert europaweit an Bedeutung. Welche Ursachen stehen hinter dieser Entwicklung und welche Folgen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Erstarkender Dollar drückt Aktien und Edelmetalle ins Minus
30.01.2026

Die US-Börsen beendeten den Freitag mit Verlusten. Der Dollar legte zu, während die Preise für Gold und Silber drastisch einbrachen.