Der Mittelstand im Stresstest: Warum 2026 für Finanzabteilungen zum Wendepunkt wird
2026 wird nicht das Jahr der digitalen Transformation, als das es politisch verkauft wird. 2026 wird das Jahr, in dem sich entscheidet, wie viel Belastung der deutsche Mittelstand noch tragen kann. Während künstliche Intelligenz längst beginnt, das Rechnungswesen umzubauen, zwingt die EU die Finanzabteilungen in eine Regulierungsarchitektur, die viele Unternehmen operativ vor erhebliche Umsetzungs- und Ressourcenprobleme stellt, ein Beispiel dafür ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die EU legt ein Regulierungstempo vor, das oft nicht zur Realität der Unternehmen passt – und das Brüssel dennoch ungebremst vorantreibt.
Die Politik fordert Tempo, Transparenz und lückenlose Nachweisbarkeit. Doch sie ignoriert konsequent, dass viele Unternehmen noch immer auf Software, Prozessen und Datenständen der frühen 2010er-Jahre arbeiten, wie eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey zeigt. KI drückt nach vorne, die Regulierung zieht an – und dazwischen bricht die operative Realität. Für die Finanzabteilungen ist dieser Widerspruch kein Modernisierungspfad mehr, sondern ein Stresstest, der sie an ihre Belastungsgrenzen führt.
Zwischen Pflicht und Überforderung: Der Realitätsschock in Rechnungswesen
Wie sich dieser Stresstest anfühlt, zeigt sich täglich in den Unternehmen. Die IT drängt auf das nächste KI-Rollout; die Nachhaltigkeitsabteilung verlangt ESG-Daten (also Umwelt-, Sozial- und Governance-Kennzahlen), die faktisch noch nicht valide messbar sind; und das Rechnungswesen kämpft mit einem Monatsabschluss, der aufgrund technischer Grenzen und Personalmangel ins Stocken geraten ist. Parallel dazu sollen Datenstrukturen modernisiert, neue Berichtspflichten erfüllt und KI-Anwendungsfälle in die operative Praxis überführt werden.
Finanzabteilungen arbeiten heute in zwei Geschwindigkeiten, die einander widersprechen: Die Bürokratie erhöht das Tempo, die Technologie beschleunigt – und Menschen und Systeme dazwischen werden regelrecht zerrieben. Eine Untersuchung von Gartner, einem Anbieter von Marktforschungsergebnissen und Analysen über die Entwicklungen in der IT, zeigt, dass ein gewisser Anteil von CFOs inzwischen offen von „Dauerüberforderung“ spricht, überrascht deshalb kaum. Brüssel hat eine Regulierungsarchitektur geschaffen, die in Umfang und Geschwindigkeit historisch ist – und die kaum ein Unternehmen in dieser Dichte bewältigen kann.
Der Regulierungsorkan: Europas Bürokratieagenda trifft auf schwache Systeme
Besonders deutlich wird die Fehlkalkulation der Politik bei den neuen EU-Vorgaben, die ab 2026 gebündelt wirken. Mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD/ESRS – ein umfassendes Regelwerk für Umwelt- und Sozialdaten) müssen ab 2027 rund 13.000 bis 15.000 deutsche Unternehmen Berichte liefern, die teilweise strenger geprüft werden als klassische Jahresabschlüsse. Viele verfügen weder über ein zentrales Datenmanagement noch über personelle Ressourcen, um die geforderte Datenqualität sicherzustellen. Dennoch erwartet die Politik eine Präzision, die in der Breite der Wirtschaft kaum erreichbar ist.
Mit PSD3 und der neuen Payment Services Regulation (PSR) folgt der nächste Eingriff. Allein im Euroraum werden jährlich deutlich über 100 Milliarden unbare Zahlungen abgewickelt – PSD3 und PSR greifen damit faktisch in den gesamten elektronischen Zahlungsverkehr ein, also in Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen. Künftig sollen Zahlungsströme lückenlos nachvollziehbar, sicherer und transparenter werden. Was politisch nach einem Fortschritt klingt, bedeutet operativ eine weitgehende Neuordnung digitaler Zahlungsprozesse – und setzt Unternehmen unter Druck, deren Systemlandschaften oft aus Insellösungen bestehen.
Und schließlich kommt der EU AI Act. Künftig müssen KI-Systeme offenlegen, wie Entscheidungen getroffen werden, auf welchen Daten sie beruhen und wie Risiken minimiert wurden. Verstöße sind mit bis zu 35 Millionen Euro oder 7-Prozent des weltweiten Jahresumsatzes sanktioniert – härter als jede bisherige Technologie-Regulierung. Europa baut damit die strengsten KI-Regeln der Welt auf. Doch das Fundament dafür existiert in weiten Teilen der Wirtschaft nicht. Die EU denkt die Zukunft voraus, aber sie baut sie auf Strukturen, die vielerorts noch aus der Vergangenheit stammen.
Warum CFOs heute zur zweiten Unternehmensleitung gehören
In dieser Gemengelage wird die Finanzfunktion zur zentralen Steuerinstanz des Unternehmens. Sie ist Datenhub, Risikosensor, Schutzlinie gegenüber regulatorischen Risiken und operative Schaltstelle zugleich. Fehler in der Nachhaltigkeitsberichterstattung gefährden Reputation und führen zu Bußgeldern. Unzureichend digitalisierte Rechnungsprozesse gefährden die steuerliche Compliance. Fehlkonfigurierte KI-Systeme werden zu Haftungsfallen unter dem AI Act (EU-KI-Gesetz). Und Versäumnisse bei PSD3 können Zahlungsprozesse verzögern oder blockieren. Wenn die Finanzorganisation scheitert, scheitern zentrale Funktionen des Unternehmens. Deshalb rückt die Rolle des CFO zwangsläufig näher an die der operativen Unternehmensleitung.
KI ist im Einsatz – aber nicht integriert
Gleichzeitig wird KI politisch als Lösungsversprechen präsentiert. Doch die operative Realität spricht eine andere Sprache. Studien unter Finanzverantwortlichen zeigen, dass rund zwei Drittel von ihnen bereits KI-Tools einsetzen – häufig in Form automatischer Belegerkennung, einfacher Anomalieprüfungen (Abweichungserkennung) oder Chatbots für Routinefragen. Sie verkürzen Abläufe, ersetzen aber keine fehlende Architektur.
Genau daran scheitert der Fortschritt. In einer KPMG-Befragung geben rund 72 Prozent der befragten Banken an, dass mangelhafte Datenqualität eines der größten Hindernisse für den Einsatz von KI ist – ein Befund, der sich auf viele Unternehmensfinanzabteilungen übertragen lässt: Ohne saubere Daten werden Modelle unzuverlässig, Ergebnisse angreifbar und Automatisierung riskant. Die Vision automatisierter Prozesse prallt an überholter IT, fragmentierten Datensilos und fehlender Governance ab.
Deutschland setzt KI ein, aber auf einem Fundament, das dafür nicht gebaut ist. Was technologisch möglich wäre, wird regulatorisch eingefordert – aber operativ kaum unterstützt.
Was Finanzabteilungen jetzt konkret tun müssen – bevor 2026 zum Kontrollverlust führt
Die gute Nachricht: Die Lage ist nicht alternativlos. Auch wenn Regulierung, Digitalisierung und Ressourcenengpässe gleichzeitig wirken, kann die Finanzfunktion gezielt gegensteuern – wenn sie sich von der Illusion verabschiedet, dass man alle Themen parallel „irgendwie mitmacht“. Entscheidend ist nicht, mehr Tools einzukaufen, sondern die Reihenfolge zu beherrschen: Daten, Prozesse, Governance – erst danach Automatisierung und Skalierung.
Der erste Schritt ist deshalb radikal pragmatisch: Unternehmen sollten eine Realitätsprüfung ihrer Finanz- und Reportingfähigkeit durchführen. Nicht als Strategiepapier, sondern als kurzer Systemcheck: Welche Berichte müssen künftig erstellt werden? Welche Daten liegen heute bereits strukturiert vor – und welche existieren nur in Excel, im Einkauf, in E-Mails oder im Kopf einzelner Mitarbeiter? Wo gibt es doppelte Datenquellen, widersprüchliche Zahlenlogiken oder unklare Verantwortlichkeiten? Wer diese Bestandsaufnahme nicht macht, beginnt mit KI oder ESG-Berichten an der falschen Stelle – und produziert später teure Korrekturschleifen.
Der erste Schritt: Realitätscheck statt Transformationsromantik
Darauf aufbauend braucht es eine klar priorisierte Roadmap, die sich an der realen Umsetzungskapazität orientiert. Viele Unternehmen scheitern nicht daran, dass sie die Anforderungen nicht verstehen, sondern daran, dass sie zu spät merken, wie stark sich Themen gegenseitig blockieren. Wer CSRD sauber abbilden will, braucht eine Datengrundlage, die zugleich die Basis für KI-gestützte Automatisierung sein kann. Wer KI einführt, braucht dokumentierte Prozesse und nachvollziehbare Datenflüsse, die gleichzeitig eine spätere Prüfung überstehen. Die effizienteste Strategie ist daher, Maßnahmen so zu wählen, dass sie mehrere Pflichten gleichzeitig stabilisieren – statt jede neue Vorgabe als eigenes Projekt aufzusetzen.
Ein zentraler Hebel ist die Datenarchitektur, aber nicht im Sinne eines großen Transformationsprojekts, das Jahre dauert. In der Praxis ist es wirksamer, mit einem klaren Zielbild zu starten: ein konsistenter Datenkern für Finanz- und Nachhaltigkeitsdaten, einheitliche Definitionen für zentrale Kennzahlen und ein nachvollziehbarer Datenfluss vom Ursprung bis ins Reporting. Wer das erreicht, reduziert nicht nur Risiken in der Berichterstattung, sondern entlastet auch den Monatsabschluss, weil Abstimmungen und manuelle Korrekturen weniger werden. Das ist der Punkt, an dem Finance wieder steuerungsfähig wird – und nicht nur reagiert.
Die CFO-Disziplinfrage: Was jetzt konsequent entschieden werden muss
Parallel dazu müssen Unternehmen eine KI-Governance aufbauen, bevor KI „breit ausgerollt“ wird. In vielen Organisationen wird KI bereits genutzt – oft informell, ohne klare Zuständigkeiten. Genau das ist gefährlich: Sobald Systeme in Prozesse eingreifen, Entscheidungen vorbereiten oder Berichte beeinflussen, entstehen Haftungs- und Prüfungsrisiken. Was es jetzt braucht, sind einfache, aber verbindliche Regeln: Welche Tools sind erlaubt? Wer ist fachlich verantwortlich? Wie wird dokumentiert, welche Daten verwendet wurden? Und wie wird sichergestellt, dass Ergebnisse nachvollziehbar bleiben? Governance heißt hier nicht Bürokratie – Governance heißt, dass KI in kontrollierte Bahnen kommt, bevor sie zum Risiko wird.
Der nächste Schritt ist unbequem, aber unvermeidlich: Prozessstandardisierung. Unternehmen müssen sich entscheiden, wo sie Komplexität wirklich brauchen – und wo sie sie nur mitschleppen, weil „es schon immer so war“. Viele Finanzabteilungen arbeiten in historisch gewachsenen Sonderfällen: individuelle Freigaben, abweichende Kontierungslogiken, uneinheitliche Belegerfassung, manuelle Ergänzungen. Genau diese Sonderlogiken verhindern Automatisierung und machen Daten für ESG und Compliance unbrauchbar. Standardisierung bedeutet nicht, jede Besonderheit zu eliminieren – aber sie bedeutet, dass es für jeden Sonderfall eine dokumentierte Begründung geben muss. Nur so entsteht eine Struktur, die gleichzeitig regulatorisch belastbar und technologisch anschlussfähig ist.
Ebenso wichtig ist ein Kapazitätsmodell, das Finance in die Lage versetzt, den Betrieb zu halten, während Transformation läuft. Viele Unternehmen planen Projekte, als gäbe es eine „Freizeit“ neben dem Tagesgeschäft. Die Realität ist das Gegenteil: Monatsabschluss, Prüfungen, Steuerfristen, Reporting – alles läuft weiter, während neue Pflichten hinzukommen. Deshalb muss die Finanzfunktion aktiv entscheiden, was sie künftig nicht mehr in der bisherigen Tiefe tun kann. Dazu gehören auch klassische Tätigkeiten, die automatisiert oder verschlankt werden können: Abstimmungsroutinen, manuelle Reports, redundante Auswertungen. Wer hier nicht entlastet, wird in 2026 nicht transformieren – sondern nur noch Feuer löschen.
Und schließlich braucht es ein neues Führungsprinzip: Finanzabteilungen dürfen nicht mehr nur Empfänger der Anforderungen sein, sondern müssen zur Steuerinstanz werden. Die Finanzfunktion muss die Unternehmensleitung frühzeitig mit harten Fakten konfrontieren: Welche Vorgaben sind bis wann zu erfüllen? Wo drohen Haftungs- oder Reputationsrisiken? Welche Investitionen in Daten und Systeme sind unumgänglich? Und was kostet es, wenn man es nicht tut? Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob Finance nur dokumentiert – oder ob Finance priorisiert, eskaliert und durchsetzt. Denn genau das wird 2026 zum Engpass: nicht die Theorie der Regeln, sondern die operative Umsetzung im Unternehmen.
Stresstest für Finanzabteilungen bestehen: Konsequenz und Diziplin
Wer diese Schritte konsequent angeht, wird feststellen: Die größte Gefahr ist nicht Regulierung oder KI an sich. Die größte Gefahr ist, dass Unternehmen beides gleichzeitig „irgendwie“ lösen wollen, ohne Struktur. 2026 wird deshalb nicht nur ein Jahr neuer Pflichten – sondern ein Jahr, in dem sich zeigt, ob Finanzabteilungen vom reaktiven Verwalter zur steuernden Funktion werden. Und genau dort liegt der Ausweg aus der Zange.
Bestehen kann nur, wer jetzt die Grundlagen schafft. Dazu gehört eine belastbare Datenarchitektur – also ein System, das Daten sauber, einheitlich und durchgängig verfügbar macht und das finanzielle und nicht-finanzielle Informationen gleichermaßen abbilden kann. Ohne sie bleibt CSRD ein Risiko und KI ein Experiment. Ebenso entscheidend ist eine klare KI-Governance – Regeln dafür, wie KI eingesetzt wird, wie Entscheidungen dokumentiert werden und welche Risiken ausgeschlossen werden müssen. Und schließlich brauchen Unternehmen standardisierte, widerspruchsfreie Prozesse – nicht mehr Tools, sondern bessere Strukturen. Nur wenn diese Basis steht, können Unternehmen Regulierung und KI überhaupt sinnvoll miteinander verzahnen.
Am Ende läuft es auf eine unbequeme Wahrheit hinaus: Die EU hat den Finanzabteilungen eine neue Realität verordnet – und die Frage ist nicht mehr, ob man sie will, sondern ob man sie übersteht. 2026 wird das Jahr sein, in dem Unternehmen beweisen müssen, ob sie Digitalisierung und Regulatorik zusammenbringen – oder ob sie unter den Lasten kollabieren.


