Steueroffensive des Kreml setzt Unternehmen unter Druck
Russland ist mit drastischen Steuererhöhungen und einer breit angelegten Kontrollkampagne ins neue Jahr gestartet. Die Maßnahmen sind Teil der Strategie von Präsident Wladimir Putin, den Staatshaushalt zur Finanzierung steigender Militärausgaben abzusichern. Betroffen sind sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen, diesmal deutlich umfassender und schärfer als in früheren Reformrunden.
Die einschneidendste Änderung trat bereits Anfang Januar in Kraft. Der allgemeine Mehrwertsteuersatz wurde von 20 auf 22 Prozent angehoben. Gleichzeitig wurden tausende bislang steuerbefreite kleinere Unternehmen über ein Stufensystem erstmals vollständig in die allgemeine Steuerpflicht einbezogen, wie die finnische Wirtschaftszeitung Kauppalehti berichtet.
Besonders gravierend ist die Absenkung der Umsatzschwelle für die Mehrwertsteuerpflicht. Diese wurde von 60 Millionen Rubel auf 20 Millionen Rubel reduziert, umgerechnet rund 200.000 Euro, und soll in absehbarer Zeit nochmals halbiert werden. Zudem sind zahlreiche Vergünstigungen bei den Sozialabgaben entfallen, was die laufenden Kosten vieler Betriebe weiter erhöht.
Gezielte Belastung einzelner Wirtschaftssektoren
Neben dem allgemeinen Steuerdruck hat der Kreml gezielt einzelne Branchen ins Visier genommen. Alkoholhändler und Glücksspielunternehmen müssen bereits höhere Abgaben zahlen. Im Herbst soll zusätzlich eine neue Technologieabgabe eingeführt werden, die sowohl Hersteller als auch Importeure betrifft.
Seit Januar gilt zudem ein verschärfter Einkommensteuersatz von 30 Prozent für sogenannte Auslandsagenten. Darunter fallen Personen und Unternehmen, die von den Behörden als politisch oder ideologisch riskant eingestuft werden. Diese Akteure haben zugleich sämtliche früheren Steuervergünstigungen verloren.
Präsident Putin hat die Steuerbehörden angewiesen, die Einnahmen durch eine konsequentere Bekämpfung der Schattenwirtschaft zu steigern. Ein entsprechendes Projekt wurde vorgezogen und sollte ursprünglich erst zum Jahresende starten. Begründet wird das Vorgehen mit der sinkenden Bedeutung von Öl und Gas für den Staatshaushalt.
Steigende Abgaben treiben Firmen in die Schattenwirtschaft
Der Umfang der Schattenwirtschaft in Russland wird offiziell auf 10 bis 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt. Unabhängige Berechnungen gehen von bis zu 20 Prozent aus. Der Kreml hofft, durch deren Eindämmung jährlich rund eine Milliarde Rubel zusätzlich einzunehmen, umgerechnet etwa 10 Millionen Euro.
Umfragen unter Unternehmerverbänden zeichnen jedoch ein anderes Bild. Fast ein Drittel der Kleinunternehmer erwägt, angesichts der Steuererhöhungen in den informellen Sektor auszuweichen. Rund 70 Prozent der Befragten planen, die Mehrwertsteuererhöhung durch Preisanhebungen an die Kunden weiterzugeben.
Nach Angaben der Industrie und Handelskammer sehen 71 Prozent der Unternehmer hohe Steuern und Bürokratie als Hauptursachen für die Schattenwirtschaft. Etwa die Hälfte der Unternehmen berichtet, dass sich ihre Steuerlast innerhalb eines Jahres spürbar erhöht hat.
Existenzrisiken für kleine und mittlere Betriebe
Für einige Branchen sind die neuen Abgaben existenzbedrohend. Besonders betroffen ist der Einzelhandel, dessen durchschnittliche Gewinnmarge lediglich rund sechs Prozent beträgt. Unter den neuen Rahmenbedingungen droht vielen Betrieben ein intensiver Überlebenskampf. Analysten gehen davon aus, dass 30 bis 40 Prozent der umsatzschwächeren Einzelhändler entweder in die Schattenwirtschaft abgleiten oder den Geschäftsbetrieb einstellen könnten. Die Kombination aus höherer Steuerlast und begrenztem Preisspielraum verschärft den Druck zusätzlich.
Als weitere Risikobereiche gelten Immobilienvermittlung, private Bildungsanbieter, Bauzulieferer und Beratungsdienstleistungen. In diesen Sektoren sind Barzahlungen und Subunternehmermodelle bereits heute weit verbreitet, was die Kontrolle zusätzlich erschwert.
Zentralisierung der Steuerpolitik auf Bundesebene
Der Kreml hat seine frühere Zusage, auf Steuererhöhungen zu verzichten, endgültig aufgegeben. Anfang 2025 wurde die Körperschaftsteuer von 20 auf 25 Prozent erhöht. Die zusätzlichen Einnahmen fließen überwiegend in den föderalen Haushalt und nicht in die Regionen.
Auch IT-Unternehmen sind betroffen. Sie müssen nun eine Steuer von fünf Prozent zahlen, nachdem sie zuvor von umfangreichen Vergünstigungen profitiert hatten. Dieser Satz soll bis zum Ende des Jahrzehnts schrittweise auf das reguläre Körperschaftsteuerniveau angehoben werden.
Parallel dazu wurde das Einkommensteuersystem für Privatpersonen reformiert. Das frühere zweistufige Modell wurde durch ein fünfstufiges ersetzt. Der höchste Satz von 22 Prozent gilt für Jahreseinkommen über 50 Millionen Rubel, umgerechnet rund 500.000 Euro.
Mehrwertsteuer rückt ins Zentrum der Haushaltsfinanzierung
Nach Einschätzung des Kremls soll die Steuerreform dem Staatshaushalt zusätzliche 2,6 Billionen Rubel einbringen, etwa 26 Milliarden Euro. Allein durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer werden Mehreinnahmen von 1,2 Billionen Rubel erwartet, rund 12 Milliarden Euro.
Bereits 2024 machte die Mehrwertsteuer 37 Prozent der gesamten Staatseinnahmen aus. Die Regierung setzt auf dieses Instrument, weil es schwieriger zu umgehen ist als die Einkommensteuer und als weniger konsumdämpfend gilt. Grundnahrungsmittel wie Lebensmittel und Medikamente bleiben weiterhin dem ermäßigten Satz von zehn Prozent unterworfen. Dennoch dürfte der Preisdruck für Verbraucher insgesamt steigen.
Auswirkungen auf deutsche Wirtschaftsakteure
Für Deutschland verschärft die russische Steuerwende die Risiken für Unternehmen mit verbliebenen Geschäftsbeziehungen nach Russland. Steigende Steuerlasten, wachsende Bürokratie und eine zunehmende Schattenwirtschaft erschweren verlässliche Geschäftsprozesse.
Insbesondere deutsche Unternehmen aus Logistik, Industrie und Lebensmittelwirtschaft könnten bereits im laufenden Jahr mit höheren Kosten, größerer Rechtsunsicherheit und instabileren Lieferbeziehungen konfrontiert werden. Die Entwicklung erhöht den Druck, Russland-Engagements neu zu bewerten oder weiter zurückzufahren.


