Finanzen

Neobroker im Trend: Junge Anleger riskieren oft mehr, als sie wissen

Aktien per App handeln wird bei jungen Menschen immer beliebter. Doch Experten warnen: Viele unterschätzen die Risiken der Börse. Angesichts des Booms der Neobroker fordern Fachleute verstärkte Finanzbildung, um Anleger besser auf die Herausforderungen des Marktes vorzubereiten.
26.01.2026 15:21
Lesezeit: 4 min
Neobroker im Trend: Junge Anleger riskieren oft mehr, als sie wissen
54 Prozent der 17- bis 27-Jährigen sparen für ihre Altersvorsorge, oft mit Aktien via Neobroker. Experten warnen: Vielen fehlt das nötige Finanzwissen für risikoreiche Investments (Foto: dpa). Foto: Lilli Förter

Es wirkt wie ein Spiel: Hier 1.000 Euro anlegen, da noch 500, das alles zwischen Tür und Angel per Knopfdruck auf dem Handy. Neobroker, mit denen man einfach per App investieren kann, werden vor allem bei jungen Leuten immer beliebter, sind aber nicht ohne Risiko. Ernst wird es, wenn es um die private Vorsorge geht.

In einem Reel auf Instagram versichert Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) seinen Followern, um die Rente müsse man sich keine Sorgen machen. „Vorausgesetzt, du tust in jungen Jahren genug für deine Altersversorgung“.

Wer „ein ganz klein bisschen“ spare – „10 Euro, 20 Euro, 50 Euro im Monat“ – sichere sich so über Zeit ein Alterseinkommen. „Damit kann man gar nicht früh genug anfangen“, sagt Merz. Und führt bei einem Besuch in Frankfurt aus: „Das geht nicht ohne den Kapitalmarkt, das geht nicht ohne den Aktienmarkt.“

Reich werden durch Neobroker?

Junge Menschen nehmen diese Empfehlung ernst: Laut der MetallRente Jugendstudie 2025 sparen 54 Prozent der befragten 17- bis 27-Jährigen für ihre Altersvorsorge. Das beliebteste Sparinstrument sind dabei mit 62 Prozent Aktien und Fonds. Zum Vergleich: Noch 2019 landeten sie auf dem letzten Platz.

Das Versorgungswerk MetallRente der Metall- und Elektroindustrie befragt seit Jahren in regelmäßigen Abständen per Langzeitstudie Tausende junge Menschen zu Themen rund um die Altersvorsorge.

Diese Entwicklung hat auch mit Neobrokern wie Trade Republic, Scalable Capital oder Revolut zu tun. Neobroker sind Finanzdienstleister, die den Handel mit Aktien und anderen Finanzprodukten direkt auf dem Smartphone bei vergleichsweise geringen Gebühren anbieten. Kunden sollen möglichst niedrigschwellig investieren können. „Mach Dein großes Geschäft auf dem Sofa“ – damit warb zum Beispiel Scalable Capital.

Ihr Geschäft boomt: Laut dem Online Brokerage Monitor 2025 von Kantar sind Neobroker bei Online-Anlegern unter 50 Jahren bereits führend in der Nutzung. Das Berliner Unternehmen Trade Republic ist nach eigenen Angaben im Dezember letzten Jahres zum wertvollsten Start-up Deutschlands aufgestiegen – mit einer Bewertung von 12,5 Milliarden Euro.

Ziel von Trade Republic sei es, allen Menschen die Möglichkeit zu geben, Vermögen aufzubauen, „weil die staatlichen Rentensysteme zunehmend überlastet sind, und diese Rentenlücke immer größer wird“, sagt Sprecherin Bettina Fries. Nach Angaben von Trade Republic sind die Kunden im Schnitt Anfang 30. Fast die Hälfte von ihnen sind Neulinge am Aktienmarkt.

Aber wissen sie, was sie tun?

Dass junge Menschen investieren, ist eigentlich ein gutes Zeichen. Laut dem OECD-Bericht „Finanzbildung Deutschland“ 2024 erhöht ein hohes Finanzwissen die Wahrscheinlichkeit, dass sich Privatpersonen am Aktienmarkt beteiligen, was sich positiv auf die Altersvorsorgeplanung auswirke und das Risiko von Altersarmut reduziere.

„Die machen was, aber sie haben eigentlich nicht die Wissensbasis dafür“, gibt die Professorin und Wirtschaftspädagogin Carmela Aprea zu Bedenken. So wissen laut MetallRente Jugendstudie 2025 nur 54 Prozent der Befragten, dass eine Anlage in Einzelunternehmen üblicherweise riskanter ist als in einen breit gestreuten Aktienfonds, oder dass eine sehr hohe Rendite in aller Regel mit einem sehr hohen Risiko einhergeht. Ähnlich dürftig stehe es um das Wissen um die gesetzliche Rentenversicherung.

Dem Problem sind sich die jungen Sparer bewusst: Fast die Hälfte der Befragten gibt an, sich wenig oder überhaupt nicht in finanziellen Dingen auszukennen. Beim Thema Altersvorsorge trifft dies laut Studie sogar auf mehr als zwei Drittel zu.

Apps laden zum Zocken ein

Die fehlende Wissensbasis der jungen Menschen trifft auf App-Anwendungen, die durch Push-Benachrichtigungen, verführerische Werbung und Gamification-Elemente wie Konfetti-Animationen bei Gewinnen oder erfolgreichen Trades jedes Risiko schnell vergessen lassen. Vor allem könne der einfache, immer verfügbare und günstige Handel „dazu verführen, dauernd zu Traden“, sagt der Finanzexperte der Verbraucherzentrale, Volker Schmidtke.

Wer dann auch noch ins Risiko gehe und anstelle von ETFs, also börsengehandelten Indexfonds, womöglich auf risikoreichere Finanzprodukte wie Derivate setze, könne auf Dauer kaum gewinnen. „Das liegt auch an den Kosten des Tradens, die sich beispielsweise in den Ausführungskursen verstecken“, so Schmidtke. Neben Geld bezahle man auch mit Lebenszeit.

Dass Apps zum Zocken verleiten können, bestätigt der Leiter des Zentrums für Verhaltenssucht in Berlin, Gordon Emons: „Durch das Trading, einfach die Zugänglichkeit über Smartphone – ich kann da alles selbst machen – haben wir hier schon eine Zunahme erlebt.“

Um Betroffene besser zu schützen, sei es vor allem wichtig, für das Thema zu sensibilisieren: Beim Traden würden „dieselben Mechanismen stattfinden wie beim Automatenspiel“, sagt Emons. Dass es hier mehr Aufklärung bedürfe, zeige sich auch in der Deutschen Suchthilfe-Statistik, in der Trading bislang nicht als eigene Spielart erfasst wird. Eine entsprechende Unterkategorie würde sich auch auf die Arbeit der Beratungsstellen positiv auswirken.

Influencer haben fehlendes Angebot erkannt

„Eigentlich muss es Aufgabe des Bildungssystems und dementsprechend des Staates sein, eine entsprechende Bildung auch anzubieten“, betont Wirtschaftspädagogin Aprea. Dass es unter jungen Menschen Nachfrage gibt, beweist das Phänomen „Finfluencer“. So nennt man Influencer, die sich auf Social Media Finanzthemen widmen.

Als Content-Creator über Geld, Wirtschaft und Finanzprodukte zu sprechen, sei aber ein Job, warnt Aprea. „Das ist ein Geschäftsmodell, und das muss man sich einfach klar machen.“ Für Nutzer bleibe dabei oft schwer erkennbar, ob den Inhalten bezahlte Kooperationen zugrunde lägen oder nicht.

Was ist mit den Schulen?

Eine Chance sieht Aprea in der geplanten Frühstartrente, die einem Sprecher des Bundesfinanzministeriums zufolge mit auch im Schulunterricht thematisiert werden soll. Nur in Verbindung mit guter Finanzbildung hätten junge Menschen die Chance, „grundlegende Sachen zu erfahren oder auch ein gewisses Interesse und eine gewisse Motivation zu entwickeln“. Es sei an der Zeit, Finanzen eine prominente Stellung in einem Schulfach Wirtschaft einzuräumen.

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