Technologie

Nordsee-Anrainer bündeln Kräfte: Großes Windkraftprojekt geplant

Deutschland und andere Nordsee-Anrainer wollen den Ausbau der Offshore-Windenergie beschleunigen. Beim Nordsee-Gipfel in Hamburg vereinbarten sie mit Industrie und Netzbetreibern bessere Rahmenbedingungen, niedrigere Kosten und grenzüberschreitende Windparks mit bis zu 100 Gigawatt Leistung – mit dem Ziel, den größten Energie-Hub der Welt zu schaffen.
26.01.2026 14:35
Lesezeit: 3 min
Nordsee-Anrainer bündeln Kräfte: Großes Windkraftprojekt geplant
Katherina Reiche (6.v.r, CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, steht mit ihren Amtskollegen während der Unterzeichnungszeremonie der Energieministerinnen und Energieminister beim Gipfeltreffen der Nordsee-Anrainerstaaten in der Handelskammer (Foto: dpa). Foto: Marcus Brandt

Fast 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze sollen geschaffen werden

Der Industrie werden mit der Vereinbarung Ausschreibungen für Windkraft-Anlagen in der Nordsee über 2030 hinaus zugesichert und damit Planungs- und Investitionssicherheit hergestellt. Im Gegenzug verpflichtet sich die Branche, die Gesamtkosten für die Stromerzeugung bis 2040 um 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten investiert und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

„Mit dem konsequenten Ausbau und der intelligenten Vernetzung von Offshore-Energie schaffen wir bezahlbare, saubere und sichere Energie, reduzieren strategische Abhängigkeiten und erhöhen die Resilienz Europas insgesamt“, sagte Reiche.

Anteil am Strommix soll deutlich steigen

Im vergangenen Jahr lag der Anteil der Offshore-Windparks an der Deckung des Stromverbrauchs in Deutschland nach Angaben der Energiebranche bei rund 5 Prozent. Insgesamt deckten erneuerbare Energien fast 56 Prozent des Stromverbrauchs - den höchsten Anteil hatten Windräder an Land, gefolgt von Solaranlagen. Der Anteil der Windkraft auf See am Strommix könnte bis 2045 Prognosen zufolge auf etwa 20 Prozent steigen.

Nach Angaben des europäischen Windverbands Wind Europe können derzeit bereits 32 Millionen Haushalte aus Offshore-Windenergie mit Strom versorgt werden. Bei 300 GW im Jahr 2050 könnte die Zahl auf mehr als 330 Millionen wachsen.

Zunehmende Angriffe auf Energie-Infrastruktur

Mit dem Ausbau der Windenergie-Gewinnung soll auch die Sicherheit der Energie-Infrastruktur in der Nordsee gestärkt werden. „Nicht erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sehen wir zunehmende Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur“, sagte Reiche. Stromnetze, Pipelines, wichtige Datenkabel, die für die digitale Souveränität des Kontinents von entscheidender Bedeutung seien, würden angegriffen „und deshalb ist zum ersten Mal die Nato hochrangig hier vertreten“.

Gipfel als Reaktion auf russischen Angriff auf Ukraine

Die Gipfel der Nordsee-Anrainer waren 2022 als Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine ins Leben gerufen worden. Beim ersten Treffen 2022 in Esbjerg in Dänemark ging es darum, Gas- und Öl-Lieferungen aus Russland so schnell wie möglich mit Hilfe erneuerbarer Energien zu ersetzen. „Jetzt ist der Zeitpunkt für den Aufbruch, und jetzt brechen wir auf“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) damals.

Nordsee soll zum „grünen Kraftwerk Europas“ werden

Beim Nordsee-Gipfel 2023 wurde beschlossen, die Nordsee zum „grünen Kraftwerk für Europa“ auszubauen. Ziel ist es, bis 2050 gemeinsam bis zu 300 Gigawatt (GW) Leistung in der Nordsee zu installieren. Davon ist man aber noch weit entfernt. Stand Oktober 2025 haben die Anrainerstaaten nach Angaben des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie ungefähr 35 GW Leistung installiert. Das entspricht gut einem Zehntel des Ausbauziels. Die größte Kapazität hat Großbritannien mit rund 15 GW Leistung. Auf Deutschland entfallen 7,3 GW und auf die Niederlande 4,5 GW.

An dem Gipfel nehmen zehn Staaten teil - sieben Nordsee-Anrainer sowie Irland, Island und Luxemburg, das zwar keinen Meter Küste hat, sich aber an der Windkraft-Finanzierung beteiligt. Bundeskanzler Friedrich Merz will am Nachmittag fünf Regierungschefs auf dem Mehrzweck-Schiff „Neuwerk“ empfangen, das unter anderem als Eisbrecher, Notschlepper und Polizeischiff genutzt wird. Eingeladen sind Mette Frederiksen (Dänemark), Bart De Wever (Belgien), Dick Schoof (Niederlande), Jonas Gahr Støre (Norwegen) und Luc Frieden (Luxemburg). Der französische Präsident Emmanuel Macron hat nach Angaben aus dem Élysée-Palast aus Termingründen abgesagt und auch der britische Premierminister Keir Starmer steht nicht auf der Teilnehmerliste.

Merz findet Windräder eigentlich „hässlich“

Gastgeber Merz hatte bereits vor dem Gipfel gefordert, die Nordsee solle zum „größten Reservoir für saubere Energie weltweit“ werden. Im Wahlkampf hatte sich der CDU-Chef aber noch abschätzig zur Windenergie geäußert. „Ich glaube sogar, dass wir, wenn wir was richtig machen, eines Tages die Windkrafträder wieder abbauen können, weil sie hässlich sind und weil sie nicht in die Landschaft passen“, sagte er im November 2024 im ZDF. Im Koalitionsvertrag mit der SPD wurde der Ausbau der Windkraft und auch die Kooperation mit den anderen Nordseeanrainern dann aber fest verankert.

Kritik der Umweltverbände: „Das Maß verloren“

Die Umweltverbände fordern, dass der Ausbau der Windkraft nicht zulasten der Natur gehen darf. „Einige Akteure haben beim Ausbau der Windenergie auf See das Maß verloren“, sagt der Meeresexperte des Naturschutzbundes (Nabu) Kim Detloff. „Ökologische Auswirkungen von massiven Lebensraumverlusten vieler Seevögel bis zu irreversiblen Veränderungen des Ökosystems Nordsee drohen unbeherrschbar zu werden.“ Das Narrativ des „Kraftwerks Nordsee“ sei fatal

Auch Grönland könnte zum Thema werden

Der Gipfel bietet auch Gelegenheit, über Themen zu sprechen, die nicht direkt mit der Nordsee zu tun haben. Mit der dänischen Ministerpräsidentin Frederiksen könnte zum Beispiel noch einmal die Grönland-Krise thematisiert werden. Allerdings ist die Krise in der vergangenen Woche von den USA entschärft worden und mit den Konsequenzen hat sich am Freitag bereits ein EU-Gipfel befasst.

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