Wirtschaft

Deutschlands neue Energiestrategie: Saudi-Arabien als Partner

Als künftiger Anbieter von klimafreundlichem Wasserstoff rückt Saudi-Arabien international in den Fokus. Für deutsche Unternehmer ist das Land jedoch nicht nur wegen Energie interessant, sondern auch aus weiteren wirtschaftlichen Gründen. Vor diesem Hintergrund reiste eine Delegation um Wirtschafts- und Energieministerin Reiche nach Saudi-Arabien – auf der Suche nach neuen Partnern.
02.02.2026 10:21
Lesezeit: 3 min
Deutschlands neue Energiestrategie: Saudi-Arabien als Partner
Bandar bin Ibrahim bin Abdullah Al Khorayef, Minister für Industrie und Bodenschätze des Königreichs Saudi-Arabien, beim Treffen mit Katherina Reiche (CDU), Bundesministerin für Wirtschaft und Energie (Foto: dpa). Foto: Elisa Schu

Eine absolute Monarchie als umworbener Partner: In Saudi-Arabien geben sich deutsche Regierungsvertreter die Klinke in die Hand. Das hat, wie fast alles dieser Tage, auch mit dem unberechenbaren US-Präsidenten Donald Trump zu tun. „Wenn Partnerschaften, auf die man sich Jahrzehnte verlassen hat, anfangen, ein wenig brüchig zu werden, müssen wir nach neuen Partnern suchen“, sagt Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), ohne indes Namen zu nennen.

Öl allein reicht nicht mehr aus

Deutschland und Saudi-Arabien haben ein gemeinsames Interesse: Sie wollen sich breiter aufstellen. Die Bundesrepublik braucht neue Energielieferanten unter anderem neben den USA. Vom Land am Golf erhofft man sich etwa klimafreundlich aus Wind und Sonne produzierten Wasserstoff. Die Führung in Riad wiederum braucht Einnahmen jenseits des Ölverkaufs und schätzt deutsche Technologie.

Saudi-Arabien ist zusammen mit den Vereinigten Staaten einer der größten Rohölexporteure der Welt und verfügt über die zweitgrößten Reserven nach Venezuela. Doch was dem Land und der Herrscherfamilie Einfluss und Wohlstand gebracht hat, sichert allein keine glänzende Zukunft. Der niedrige Ölpreis reißt Löcher im Staatshaushalt, die wachsende Bevölkerung braucht Arbeitsplätze.

Saudi-Arabien öffnet sich schon länger

Die Antwort darauf ist eine Strategie mit dem Namen Vision 2030. Damit will das Königshaus die Lebensqualität der Menschen im Land verbessern, die Wirtschaft breiter aufstellen und das Land für die Welt öffnen. Mit diesem Reformprogramm läuft ein großer Wirtschaftsumbau, um die Abhängigkeit vom Öl zu verringern und den Privatsektor zu stärken.

Damit einher geht eine noch vor Jahren kaum vorstellbare Öffnung, die der faktische Herrscher, Kronprinz Mohammed bin Salman, vorangetrieben hat. Erst seit 2018 dürfen Frauen selbst Auto fahren. Die Religionspolizei, die unter anderem die Einhaltung einer strikten Kleiderordnung überwachte, ist aus dem Straßenbild verschwunden.

Große Projekte und ein neues Image

Die Regierung müht sich um ein moderneres Image, das Land soll zum Tourismus-Ziel werden. Alkohol, so hört man, stehe kurz vor der Legalisierung. Männer mit dem traditionellen rot-weißen Ghutra-Tuch auf dem Kopf präsentieren stolz Hochglanz-Visionen des Geländes für die Weltausstellung Expo 2030. 2034 richtet das Land die Fußball-WM aus.

Meinungsfreiheit herrscht deshalb noch lange nicht. Schon einige Posts in sozialen Medien können Jahre oder sogar Jahrzehnte Haft bedeuten. Saudi-Arabien ließ 2024 laut Amnesty International so viele Menschen hinrichten wie sonst nur China und der Iran.

Gemeinsamkeiten im Vordergrund

Doch beim Besuch Reiches stehen wie schon bei der Visite von Umweltminister Carsten Schneider (SPD) die Gemeinsamkeiten im Vordergrund. Eine Absichtserklärung zur stärken Zusammenarbeit im Energiebereich hat Reiche mit ihrem saudischen Gegenüber, Energieminister Abdulasis bin Salman unterzeichnet. Die Chemie zwischen den beiden scheint zu stimmen: Der Prinz, wie viele Minister Teil der Königsfamilie, entscheidet spontan, Reiche am nächsten Tag noch in die Hafenstadt Dschidda am Roten Meer zu begleiten. Auch der Investitions- und der Industrieminister haben sich Zeit genommen für Treffen.

An der großen Wirtschaftsdelegation, die Reiche auf ihrer Reise begleitet, fallen zwei Dinge auf: der geringe Frauenanteil und der Appetit auf den saudischen Markt. Unter 44 Wirtschaftsvertretern sind gerade einmal zwei Frauen. Für die Teilnahme an Ministerreisen können sich Unternehmen mit besonderem Interesse am Zielland bewerben.

Die Magie des kurzen Drahts

Die Delegationsteilnehmer jedenfalls schätzen die Chancen, die ihnen die Reise bietet. Wenn das Wirtschaftsministerium für einen kurzen Draht zwischen möglichen Geschäftspartnern sorge, schaffe das einen Zeitgewinn von drei bis sechs Monaten, sagt Michael Welz. Er ist Teil der Geschäftsleitung von SouthwestX, einem Netzwerk, das Start-ups unterstützt mit dem Ziel, Forschungsergebnisse aus der Hochtechnologie in Produkte und profitable Unternehmen zu übersetzen.

Über Saudi-Arabien kann Welz viel Gutes sagen: „Sie sind ein freundlicher Partner, weil sie geistiges Eigentum respektieren.“ Die Geschäftspartner wollten zwar einen Teil der Wertschöpfung ins Land holen, aber keine Patente klauen. Und die Behörden ließen in bestimmten Bereichen mehr zu, zum Beispiel beim Trainieren künstlicher Intelligenz mit Daten oder beim Einsatz eines Baustellenroboters.

Großes Interesse bei Unternehmern

Unternehmer Andreas Haller aus Gersthofen bei Augsburg ist mit seinen Elektro-Lastwagen bereits seit 2022 in Saudi-Arabien unterwegs. Als Treibstoff der Zukunft setzt er auf Wasserstoff, der ihm auf absehbare Zeit in Deutschland aber zu teuer ist. Das Geschäft mit Wasserstoff-Lkw will er deshalb erst einmal in Saudi-Arabien aufbauen - und damit nach Deutschland zurückkehren, wenn die Bedingungen stimmen.

Michael Brehm, Gründer des Technologieinvestors Redstone, wirkt geradezu elektrisiert vom Land am Golf. „Die Geschwindigkeit und Größe des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels ist wahnsinnig beeindruckend“, stellt er fest. Das Land sieht er fast gleichauf mit China und den USA auf dem Weg zum Standort für künstliche Intelligenz.

Ein deutscher Regierungsvertreter jagt den nächsten

Saudi-Arabien habe das Zeug, zu einem Top-Standort für künstliche Intelligenz zu werden, glaubt Brehm und zählt auf: Land ohne Ende, günstige Energie, Kapital und geeignet staatliche Vorgaben. Für Reiches Engagement ist er voll des Lobes. „Wahrscheinlich hat sie mit diesem Trip Tausende Arbeitsplätze in Deutschland gesichert“, meint er.

Für Botschafter Michael Kindsgrab, der deutsche Regierungsvertreter am Flughafen von Riad persönlich in Empfang nimmt, hat der Reisemarathon bald ein Ende. Umweltminister Carsten Schneider (SPD), der Anfang der Woche eine Messe für Umwelttechnik eröffnet hat, ist schon wieder weg. Kurz nach Reiche will noch Kanzler Friedrich Merz (CDU) vorbeischauen, der auf einer Tour in der Region auch in Saudi-Arabien Station macht. Bald darauf beginnt der Fastenmonat Ramadan und die rege deutsche Reisediplomatie kommt zum Erliegen - vorerst.

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