Droht ein neues Wettrüsten? – Atomvertrag New Start endet
Bislang wahrten die USA und Russland das Gleichgewicht des Schreckens mit Atomwaffen. Nun läuft das letzte Abkommen aus, und bei einer Neuordnung gilt eine dritte Großmacht als unberechenbarer Faktor.
Frieden sichern mit immer weniger Atomwaffen – das war das Ziel des Rüstungskontrollvertrages New Start von 2010. Inzwischen ist es das letzte Abkommen zwischen den USA und Russland, das die Zahl der Atomsprengköpfe und Trägersysteme begrenzt – und heute endet es. Moskau beklagt in offiziellen Erklärungen das Vertragsende, in Washington reagiert man eher mit Achselzucken.
Was bedeutet das für Frieden und Sicherheit in der Welt? US-Wissenschaftler stellten Ende Januar ihre sogenannte Doomsday Clock, die vor einem katastrophalen Ende der Menschheit warnt, auf 86 Sekunden vor Mitternacht – so nah wie nie zuvor in der Geschichte. Fragen und Antworten zum Thema:
Warum war der Vertrag New Start wichtig?
US-Präsident Barack Obama und der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew unterzeichneten New Start (von Englisch: New Strategic Arms Reduction Treaty) 2010. Die Vereinbarung knüpfte an viele Vorgängerabkommen an. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hielten die Supermächte mit 70.000 Nuklearsprengköpfen das Gleichgewicht des Schreckens. Danach begrenzten ab 1972 Verträge wie Salt-I, ABM, Salt-II, Start 1, Start 2, Sort und INF die Arsenale.
New Start begrenzte die Zahl der strategischen Nuklearsprengköpfe auf 1.550 Stück für jede Seite, die Zahl der einsatzbereiten Abschussvorrichtungen auf 700. Im Februar 2021 verlängerten beide Staaten den Vertrag um fünf Jahre.
Hat New Start funktioniert?
Die bis 2018 vereinbarte Reduzierung erreichten beide Seiten. Um Vertrauen zu schaffen, durften Experten der USA und Russlands den Stand im jeweils anderen Land inspizieren. Allerdings entfielen diese Inspektionsreisen ab 2020 wegen der Corona-Epidemie. 2022 befahl der russische Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine. 2023 setzte er die Teilnahme an New Start aus, weil seine Militärs US-Waffenarsenale nicht mehr besichtigen könnten.
Wie werten Moskau und Washington das Vertragsende?
Offiziell beklagt die russische Führung das Auslaufen von New Start. "Da entsteht ein schwerwiegendes Defizit, das kaum den Interessen der Völker unserer beiden Länder und eigentlich der gesamten Welt entspricht", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.
Moskau erneuerte in dieser Woche seinen Vorschlag, die Grenzen von New Start für ein weiteres Jahr einzuhalten. Die USA äußerten sich nicht. "Keine Antwort ist auch eine Antwort", stellte der russische Vizeaußenminister Sergej Rjabkow fest. Ohne den Vertrag erhält Moskau beim laufenden Um- und Ausbau seiner Atomstreitmacht freie Hand.
US-Präsident Donald Trump zeigte sich zuletzt unbeeindruckt vom Auslaufen von New Start. "Wir werden einfach ein besseres Abkommen machen", sagte er Anfang Januar der Zeitung "New York Times". US-Sicherheitsexperten reagieren jedoch deutlich weniger gelassen als der Herr im Weißen Haus.
Die Denkfabrik CSIS verweist auf das russische Atomprogramm und die Aufrüstung in China, die keinerlei Beschränkungen unterliegt. "Wenn dies ein Wettrüsten ist, dann verlieren es die Vereinigten Staaten; und wenn es noch kein Wettrüsten ist, aber eins wird, dann starten die Vereinigten Staaten mit Rückstand", warnt die CSIS-Expertin Heather Williams.
Wie sieht die Welt der Atommächte derzeit aus?
Die Lage ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer unübersichtlicher geworden. Es gibt die anerkannten Atommächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien, alle zugleich Mitglieder im UN-Sicherheitsrat. Außerdem verfügen Indien, Pakistan, Nordkorea und inoffiziell Israel über Atomwaffen.
Weltweit gebe es mehr als 9.600 einsetzbare Atomsprengköpfe, schrieb das Stockholmer Institut für Friedensforschung Sipri in seinem Bericht für 2025. Mehr als vier Fünftel gehören zum Arsenal Russlands und der USA. Bei China zählten die Forscher einen Anstieg auf 600 Sprengköpfe.
Moskau spielte im Ukraine-Krieg mehrfach auf sein Atompotenzial an, um westliche Länder von weiterer Unterstützung für das angegriffene Land abzuschrecken. 2025 kam es kurzzeitig zu Gefechten zwischen den Atommächten Indien und Pakistan. Und die verdeckte Atommacht Israel zerstörte Atomanlagen im Iran, um Teheran am Bau einer Bombe zu hindern. Auch die USA griffen ein.
Zudem verändern neue Waffen, die in kein bisheriges Vertragsschema passen, die Lage. Russland entwickelte beispielsweise den atomgetriebenen Marschflugkörper Burewestnik und die Unterwasserdrohne Poseidon mit Atomantrieb.
Was kommt nun – Wettrüsten oder neue Verträge?
"Es gibt Anzeichen dafür, dass sich ein neues Wettrüsten anbahnt, das mit viel mehr Risiken und Unsicherheiten verbunden ist als das letzte", schrieb 2025 der damalige Sipri-Direktor Dan Smith. Dazu trügen auch die noch schwer abschätzbaren Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz in der Rüstungstechnik bei. Sein Nachfolger Karim Haggag erwartet ohne New Start "eine neue Phase erhöhter nuklearer Gefahren", wie er am Mittwoch erklärte.
Washington fordert seit längerem, dass auch China in künftige atomare Abrüstungsverträge eingebunden wird. Doch dem verweigert sich die Führung in Peking bislang. Auch Chinas Verbündeter Russland lehnt dies ab. Das chinesische Atomwaffenpotenzial sei mit dem Russlands und der USA nicht vergleichbar und daher zu vernachlässigen, sagte Kremlsprecher Peskow. Moskau fordert hingegen, das Nuklearpotenzial von Frankreich (290 Atomsprengköpfe laut Sipri) und Großbritannien (225) in einen neuen Vertrag einzubeziehen.
Trump solle Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping mit der Aussicht auf einen Dreiergipfel zu Vereinbarungen über nukleare Rüstungskontrolle bewegen, regte das US-Institut CSIS an.
Wie verändert sich die Lage für Deutschland und Europa?
Die Sicherheitslage in Europa hat sich durch den Ukraine-Krieg und das russische Großmachtstreben deutlich verschlechtert. Russland verneint allerdings aggressive Absichten und wirft EU und Nato Feindseligkeit vor. Zudem wachsen in Trumps zweiter Amtszeit die Zweifel, wie zuverlässig der US-Atomschirm für die europäischen Nato-Verbündeten bleibt. Im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe sind US-Atombomben in Deutschland stationiert, auch deutsche Jets könnten sie einsetzen.
Diskutiert wird, ob Deutschland in dieser Lage nicht eine eigene Atombombe bauen sollte. Allerdings schließen der Zwei-plus-vier-Vertrag über die deutsche Wiedervereinigung und der Atomwaffensperrvertrag eine nukleare Bewaffnung aus. Überlegungen zu einem europäischen Atomschirm mit Frankreich und Großbritannien stehen noch am Anfang. Deshalb setzt die deutsche Regierung vor allem auf eine stärkere konventionelle Rüstung zur Abschreckung.


