KI-Boom treibt US-Strompreise deutlich nach oben
NEW YORK. Der Boom rund um KI-Anwendungen setzt den US-Strommarkt zunehmend unter Druck und führt zu spürbar steigenden Preisen für Haushalte in der Nähe großer Rechenzentrumsprojekte. Zugleich dürfte die Expansion großskaliger Anlagen den Stromverbrauch in den kommenden Jahren massiv erhöhen.
Derzeit entfallen rund vier Prozent des gesamten US-Stromverbrauchs auf Rechenzentren. Dieser Anteil dürfte sich innerhalb weniger Jahre verdoppeln, da das KI-Wettrennen die Nachfrage nach energieintensiver Rechenleistung weiter antreibt und immer neue Kapazitäten erfordert.
Da der Ausbau der Energieinfrastruktur Zeit benötigt, werden zahlreiche neue Anlagen an bestehende Netze angeschlossen. Das hat erhebliche Auswirkungen auf den Strommarkt. Nach aktuellen Daten des Bureau of Labor Statistics sind die Strompreise im vergangenen Jahr mehr als doppelt so stark gestiegen wie die allgemeinen Lebenshaltungskosten.
In Regionen mit hoher Rechenzentrumsdichte fällt der Effekt noch drastischer aus. Dort können die Strompreise in einzelnen Monaten bis zu 267 Prozent höher liegen als vor fünf Jahren, wie eine Auswertung von Bloomberg zeigt. Bereits im kommenden Jahr sollen Rechenzentren und andere gewerbliche Kunden erstmals mehr Strom verbrauchen als private Haushalte, so das US-Energieministerium.
Infrastruktur gerät unter Anpassungsdruck
Diese Entwicklung stellt regionale Entscheidungsträger vor erhebliche Herausforderungen. Zum einen muss die zusätzliche Nachfrage gesichert werden, zum anderen stellt sich die Frage, wer die milliardenschweren Investitionen in Netze und Erzeugungskapazitäten trägt.
„Das Wachstum der Rechenzentren übertrifft bei Weitem die Reaktionsfähigkeit von Netzbetreibern und Energiebehörden im ganzen Land, und sie kämpfen darum, aufzuholen“, sagte John Quigley, Energiepolitikforscher an der University of Pennsylvania, gegenüber NPR.
Nach Angaben der Interessengruppe Rewiring America könnten groß angelegte KI-Rechenzentren bis 2029 zusätzliche 93.000 Megawatt an Kapazität erfordern. Dies geschieht in einem Marktumfeld, in dem die Stromnachfrage in den vergangenen zwei Jahrzehnten weitgehend stagnierte und kaum strukturelle Reserven aufgebaut wurden.
In den USA existieren derzeit rund 4.200 Rechenzentren. Die meisten Anlagen sind vergleichsweise klein, doch etwa ein Zehntel zählt zu den großskaligen Einrichtungen, die in der Branche als Hyperscaler bezeichnet werden. Jede dieser Anlagen beherbergt Zehntausende Server und weist einen entsprechend hohen Energiebedarf auf.
Ballungsräume und Megaprojekte als Stromtreiber
Schätzungen zufolge verbraucht ein einzelnes großes Rechenzentrum mehr als 50 Megawatt Strom. Das entspricht dem Bedarf von etwa 15.000 bis 25.000 Haushalten. Entsprechend stark wirken sich Clusterbildungen regional auf die Strommärkte aus.
Der Schwerpunkt der Branche liegt im Bundesstaat Virginia, wo Rechenzentren bereits 26 Prozent des gesamten Stromverbrauchs ausmachen. In Nord-Virginia befindet sich der Industriekorridor Data Center Alley, in dem laut dem Analysehaus Synergy Research Group rund 14 Prozent der weltweiten Rechenleistung konzentriert sind.
Im KI-Sektor ist die Energiefrage inzwischen zu einer strategischen Kernfrage geworden. Viele Unternehmenslenker beziffern neue Projekte primär in Megawatt statt in Serverzahlen. Das viel beachtete Stargate-Projekt in Abilene im Bundesstaat Texas, das unter anderem von Oracle und OpenAI vorangetrieben wird, soll bei voller Auslastung bis zu 1.200 Megawatt verbrauchen.
Das entspricht dem Strombedarf von rund 750.000 Haushalten. Bestandteil des Projekts ist zudem ein eigenes Gaskraftwerk, um die Energieversorgung abzusichern und die Abhängigkeit vom öffentlichen Netz zu begrenzen.
Tech-Konzerne setzen auf langfristige Energieverträge
Für viele Technologiekonzerne ist die Energiefrage inzwischen zu einem strategischen Risikofaktor geworden. Sie sichern sich daher verstärkt über langfristige Stromverträge eigene Kapazitäten und kalkulierbare Preise.
Microsoft unterzeichnete im vergangenen Jahr einen 20-jährigen Stromliefervertrag mit dem US-Energieunternehmen Constellation Energy. In diesem Zusammenhang soll das Kernkraftwerk Three Mile Island, bekannt durch die Reaktorkatastrophe von 1979, wieder in Betrieb genommen werden.
Der Vertrag umfasst den Bezug von rund 835 Megawatt und dient der Versorgung von Microsofts wachsenden KI-Rechenzentren im Osten der USA. Beobachter werten das Geschäft als Teil eines breiteren Trends, bei dem große Technologiekonzerne eigene langfristige Energielösungen aufbauen.
Neben dem Bau eigener Anlagen und Energieprojekte haben Tech-Unternehmen zuletzt zahlreiche umfangreiche Verträge über den Bezug von Kapazitäten bei sogenannten Neocloud-Anbietern abgeschlossen. Damit sichern sie sich zusätzliche Rechenleistung, ohne sämtliche Infrastruktur selbst errichten zu müssen.
Milliardeninvestitionen in Rechenzentren
Google investiert umgerechnet rund 38 Milliarden Euro in Rechenzentren im Bundesstaat Arkansas. Amazon steckt rund 75 Milliarden Euro in das Projekt Rainer im Bundesstaat Indiana. Meta plant Investitionen von etwa 14 Milliarden Euro in ein Rechenzentrum in El Paso im Bundesstaat Texas.
Der KI-Konzern Nvidia kündigte zudem an, umgerechnet rund 940 Milliarden Euro in OpenAI investieren zu wollen, um den Ausbau von Rechenzentren zu beschleunigen. Microsoft schloss darüber hinaus einen mehrjährigen Vertrag im Wert von rund 165 Milliarden Euro über Cloud-Dienstleistungen des niederländischen Anbieters Nebius in New Jersey ab. Die Angaben basieren auf Informationen von Bloomberg und Datacenterknowledge.com.
Signalwirkung für den Standort Deutschland
Die Entwicklung in den USA zeigt, wie stark KI-Investitionen Energiepreise, Netzstabilität und Standortkosten beeinflussen können. Mit wachsender KI-Infrastruktur rückt die Stromversorgung zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor auf.
Auch in Deutschland gewinnt der Ausbau von Rechenzentren und KI-Kapazitäten an Bedeutung. Sollte die Nachfrage schneller steigen als Netzausbau und gesicherte Erzeugungskapazitäten, könnten ähnliche Verteilungskonflikte entstehen. Die US-Erfahrungen verdeutlichen, dass Energiepolitik und Digitalstrategie künftig enger verzahnt werden müssen, um Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit zugleich zu gewährleisten.


