Unternehmen

Sicherheitsgipfel bei der Deutschen Bahn: Bodycams und Personal-Offensive gegen wachsende Aggression

Beschimpft, bespuckt, attackiert: Der Arbeitsalltag für Bahn-Beschäftigte ist gefährlicher geworden. Der aktuelle Sicherheitsgipfel in Berlin reagiert nun auf eine besorgniserregende Eskalationsspirale im Schienenverkehr. Während die Gewerkschaften EVG und GDL eine lückenlose Doppelbesetzung in Regionalzügen fordern, diskutiert die Politik über technische Lösungen wie Bodycams mit Aufzeichnungsfunktion.
13.02.2026 09:31
Aktualisiert: 13.02.2026 09:31
Lesezeit: 6 min
Sicherheitsgipfel bei der Deutschen Bahn: Bodycams und Personal-Offensive gegen wachsende Aggression
Nach tödlichem Angriff auf einen Zugbegleiter beraten Bahn, Politik und Gewerkschaften über Schutzmaßnahmen wie Bodycams und Doppelbesetzungen in Regionalzügen (Foto: dpa). Foto: Carsten Koall

Gewaltvolle Vorgeschichte

Der tödliche Angriff auf einen 36 Jahre alten Zugbegleiter in Rheinland-Pfalz hat das Thema Sicherheit im Bahnverkehr auf tragische Weise in den Fokus gerückt. An diesem Freitag treffen sich deshalb Vertreter von Bund und Ländern mit Gewerkschaften, Verbänden und den Aufgabenträgern für den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV).

Es soll um neue Konzepte gehen, um die Sicherheit insbesondere für diejenigen Beschäftigten zu erhöhen, die täglich als Zugbegleiter oder Service-Mitarbeiter mit den Reisenden zu tun haben. Bahnchefin Evelyn Palla hat bereits angekündigt, konkrete Vorschläge mitzubringen. "Alle Beteiligten sollten in sich gehen: Was könnte ein konkreter Beitrag für mehr Sicherheit sein?", sagte sie laut Bahn in einer Videoschalte vor Tausenden Beschäftigten.

Gewerkschaften sind alarmiert

Besonders die Bahn-Gewerkschaften EVG und GDL sind alarmiert und fordern schon lange konkrete Maßnahmen für mehr Schutz der Beschäftigten. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) dringt vor allem darauf, dass künftig flächendeckend stets zwei Zugbegleiter in den Regionalzügen Tickets kontrollieren statt wie bisher oft nur einer.

Die Betriebsräte der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatten kürzlich in einem offenen Brief an die Bahnchefin die gleiche Forderung gestellt. "Bei Zügen ab neun Wagen ist aus Gründen der Sicherheit, der Erreichbarkeit und der gegenseitigen Unterstützung mindestens eine 1:2-Besetzung – ein Zugchef und zwei Zugbegleiter – zwingend erforderlich", heißt es darin.

Tödlicher Angriff löste bundesweit Entsetzen aus

Der Fall Serkan C. löste vergangene Woche bundesweit Entsetzen aus. Weil er einen Fahrgast ohne Ticket in einer Regionalbahn bei Kaiserslautern des Zuges verweisen wollte, schlug der Fahrgast zu. Der Zugbegleiter, Vater von zwei Kindern, erlitt so schwere Kopfverletzungen, dass er starb. Der mutmaßliche Angreifer, ein 26 Jahre alter Grieche, sitzt in Untersuchungshaft.

Den Angaben der Bahn zufolge kam es im vergangenen Jahr zu insgesamt rund 3.000 körperlichen Übergriffen auf Beschäftigte des eigenen Konzerns. Das war zwar ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Doch das Sicherheitsgefühl innerhalb der Belegschaft habe sich deutlich verschlechtert, betont die EVG und verweist auf eine eigene Umfrage unter rund 4.000 Mitarbeitenden aus dem vergangenen Jahr.

Künftig Bodycams mit Tonaufnahme im Zug?

Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben dabei an, schon einmal einen verbalen oder körperlichen Übergriff im Arbeitskontext erlebt zu haben. Fast zehn Prozent berichteten davon, sexuell belästigt worden zu sein. Knapp zwei Drittel der Befragten gaben an, ihr Sicherheitsempfinden habe sich in den vergangenen fünf Jahren teils deutlich verschlechtert.

Die EVG fordert deshalb weiterhin, dass die Beschäftigten überall die Möglichkeit bekommen, sogenannte Bodycams zu tragen, die auch den Ton mitschneiden können. Dies sei insbesondere wichtig, um verbale Übergriffe zu dokumentieren und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu können.

Bodycams stehen im Regionalverkehr der Deutschen Bahn bereits allen Mitarbeitenden zur Verfügung, die eine tragen möchten. Im Fernverkehr und an den Bahnhöfen ist das noch nicht flächendeckend der Fall und auch nicht bei den Wettbewerbsbahnen der DB.

Bundesweite Regelungen schwierig zu verhandeln

Die Sicherheit im Bahnverkehr ist ein komplexes Unterfangen. Im Fernverkehr soll die Bundespolizei in den Zügen unterstützen. Polizeigewerkschaften sehen hier das Maß an Belastung aber bereits überschritten.

Im Regionalverkehr wiederum sind die sogenannten Aufgabenträger und die jeweiligen Verkehrsunternehmen für das Thema Sicherheit verantwortlich. In den Ausschreibungen wird manchmal auch festgelegt, mit welcher Personalstärke die Züge unterwegs sein sollen. Die regionalen Unterschiede sind dabei allerdings groß.

Wer trägt die Kosten?

In der Diskussion um zusätzliche Zugbegleiter dürfte zudem schnell die Frage der Finanzierung aufkommen. Eine ausnahmslose Doppelbesetzung könnte Schätzungen zufolge Hunderte Millionen Euro zusätzlich kosten. «Flächendeckende Präsenz von Sicherheitspersonal in allen Fahrzeugen und in allen Bahnhöfen ist schon aus finanziellen und personellen Kapazitätsgründen genauso wenig umsetzbar wie ein Polizist an jeder Straßenecke», heißt es deshalb in einem Positionspapier des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).

Für die Grünen verlangte der Bahnexperte Matthias Gastel zusätzliches Geld für mehr Zugpersonal. Bund und Länder müssten sich auf eine Verteilung der Finanzierung einigen, sagte er der "Augsburger Allgemeinen". In den Ausschreibungen für den Regionalverkehr müssten "die Besteller vorgeben, wie viele Zugbegleiter in welchen Zügen vorzusehen sind".

Angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit ist der Druck auf die Beteiligten groß, bei dem Treffen am Freitag möglichst konkrete Lösungen zu präsentieren und rasch umzusetzen. Außer Bahnchefin Palla hat sich auch Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) angekündigt.

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