Gerresheimer-Aktie stürzt ab: Wegen Bilanzskandal droht der SDAX-Ausschluss
Die Gerresheimer-Aktie steht erneut massiv unter Druck. Der mit Bilanzierungsfehlern ringende Verpackungsspezialist Gerresheimer muss wegen der erneuten Verschiebung des Jahres- und Konzernabschlusses 2025 voraussichtlich den Nebenwerteindex SDAX verlassen. Laut Abstimmung mit dem Abschlussprüfer dürfte der testierte Jahres- und der Konzernabschluss erst nach dem 31. März veröffentlicht werden. Angestrebt werde nun eine Veröffentlichung im Juni. Für die Gerresheimer-Aktie ist das die nächste schwere Belastung in einer ohnehin tiefen Vertrauenskrise.
An der Börse kam die Nachricht sehr schlecht an. Die Gerresheimer-Aktie brach im frühen Mittwochshandel um bis zu 18 Prozent ein, dämmte die Kursverluste später aber ein. Zuletzt verlor das Papier noch gut 3 Prozent. Via XETRA ging es zwischenzeitlich um 4,14 Prozent runter auf 18,98 Euro. In Sichtweite des jüngsten Tiefs seit dem Jahr 2009 fanden sich bei 16,30 Euro wieder einige Käufer. Nach anderthalb Stunden Handel lagen die Gerresheimer-Aktien bei 17,80 Euro nur noch mit zehn Prozent im Minus. Ein Börsianer sagte: "Die Nachrichtenlage bleibt desaströs".
Für den SDAX-Wert ist die Verzögerung besonders brisant, weil Gerresheimer damit gegen die Index-Regeln der Deutschen Börse verstoßen würde. Damit droht der Ausschluss aus dem Nebenwerteindex SDAX. Die eigentlich für den 3. Juni geplante Hauptversammlung muss ebenfalls verschoben werden. Auch die Zahlen für das erste Geschäftsquartal müssen auf einen Termin nach dem bisher geplanten 16. April verlegt werden. Für die Gerresheimer-Aktie verschärft sich damit die Unsicherheit weiter.
Anleger reagieren empfindlich auf den Bilanzskandal: Die Gerresheimer-Aktie fällt ins Bodenlose
Hinter dem neuerlichen Absturz der Gerresheimer-Aktie steht der schwelende Gerresheimer-Bilanzskandal. Der Pharmazulieferer galt lange als Börsenstar. Im Mai 2023 beschwor die Führung des Düsseldorfer Unternehmens eine blendende Zukunft. "Die spannendsten und besten Jahre für Gerresheimer kommen erst noch", versprach der damalige Chef Dietmar Siemssen in einem Interview. Mit der Produktion von Spritzen für Abnehmmittel lockte ein Milliardenmarkt. Der Aktienkurs hatte sich binnen weniger Monate auf nahezu 120 Euro verdoppelt.
Drei Jahre später ist davon kaum noch etwas übrig. Der Gerresheimer-Bilanzskandal erschüttert das Unternehmen bis in die Grundfesten. Nach dem Abstieg aus dem MDax dürfte die Verzögerung des Jahresabschlusses nun zum Ausschluss aus dem SDAX-Börsensegment führen. Vom einstigen Börsenwert bei einem Kurs von 120 Euro Mitte 2023 ist kaum noch etwas übrig. Statt vier Milliarden Euro in der Spitze ist Gerresheimer jetzt nur noch 650 Millionen Euro wert. Die Gerresheimer-Aktie notiert nur noch bei 19 Euro.
Der Gerresheimer-Bilanzfehler und die weiteren Vorwürfe beschäftigen den Kapitalmarkt schon seit September. Prüfungen des Konzernabschlusses wegen Fehlern in der Bilanzierung sind seit damals bekannt. Mitte Februar waren die Gerresheimer-Aktien erneut nach unten gekracht, als der Geschäftsbericht 2025 verschoben wurde. Ende Februar drückten Nachrichten der Finanzaufsicht Bafin die Aktien auf den tiefsten Stand seit dem Jahr 2009. Die Bafin erweiterte eine bereits laufende Prüfung und leitete eine weitere Untersuchung ein. Damit wurde aus dem Gerresheimer-Bilanzfehler endgültig ein Fall mit weitreichenden Folgen für den SDAX-Wert.
Bafin-Prüfung löst Schockwellen aus
Nach bisherigen Erkenntnissen hätten einzelne Mitarbeitende gegen interne Richtlinien und Bilanzierungsvorschriften verstoßen. Die daraus resultierenden Korrekturen im Konzernabschluss betreffen im Wesentlichen die Erfassung von Umsatzerlösen sowie die Bilanzierung und Bewertung von Vorräten. Der neue Vorstand spricht von "bewussten Verstößen von Mitarbeitern gegen interne Vorschriften und gegen die internationalen Bilanzvorschriften IFRS".
Die Vermutung der Bafin: Gerresheimer habe Umsatzerlöse aus bestimmten Kundenverträgen im Geschäftsjahr 2024 bereits gebucht, obwohl diese noch nicht realisiert waren. Durch dieses "Bill-and-Hold"-Verfahren seien falsche Umsätze und Ergebnisse für 2024 ausgewiesen worden. Zudem geht es um zu spät vorgenommene Abschreibungen auf den Wert einer Schweizer Tochter. Außerdem seien Leasingverbindlichkeiten im Umfang von 65,5 Millionen Euro und aktivierte Entwicklungskosten von 29,4 Millionen Euro im Jahr 2024 womöglich fehlerhaft ausgewiesen worden. Damit steht nicht nur der Gerresheimer-Bilanzfehler im Fokus, sondern ein ganzes Paket von Vorwürfen.
Für zusätzlichen Druck sorgt die Finanzierungslage. Legt ein Unternehmen keine fristgerecht testierte Bilanz vor, können Gläubigerbanken die Kredite kündigen. Gerresheimer ist daher in Gesprächen, um eine Verlängerung der in den Finanzierungsverträgen festgelegten Vorlagepflichten des testierten Jahres- und Konzernabschlusses für das Geschäftsjahr 2025 zu vereinbaren. Am Stichtag Ende August 2025 war Gerresheimer mit 2,2 Milliarden Euro verschuldet. Geldgeber sind unter anderem Unicredit, Commerzbank und LBBW. Gerade für die Gerresheimer-Aktie ist das ein zentraler Risikofaktor.
Vorwürfe gegen das frühere Gerresheimer-Management
Analyst Harald Hof von MWB Research sieht in den aktuellen Nachrichten einen weiteren Mosaikstein in der Vertrauenskrise. Gegenüber dem Handelsblatt sagte er: "Eine nachhaltige Trendwende ist nicht erkennbar, und die Aktie bietet derzeit keine überzeugende Investmentchance". Ein anderer Analyst sagte: "Wir haben ein Verkaufsrating auf Gerresheimer – für uns ist das eine Portfolioleiche, ein hoffnungsloser Fall".
Der amtierenden Führung um den im November neu eingesetzten CEO Uwe Röhrhoff stehen schwierige Wochen bevor. Als zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft durchleuchtet Grant Thornton derzeit die Bilanzen für 2024 und 2025 und braucht dafür mehr Zeit. Frühestens im Juni werde Gerresheimer neu testierte Abschlüsse vorlegen können. Wegen des Gerresheimer-Bilanzskandal und jedes weiteren Gerresheimer-Bilanzfehler bleibt die Gerresheimer-Aktie damit ein Brennpunkt am Markt. Für den SDAX-Wert ist die Lage klar: Der drohende SDAX-Ausschluss, die verschobene Hauptversammlung, die offene Bafin-Prüfung und die Unsicherheit über die testierten Zahlen halten den Druck auf die Gerresheimer-Aktie hoch.


