Alltag an der Grenze zeigt Folgen von Russlands Hybridkrieg
Unsere Bonnier-Kollegen vom dänischen Wirtschaftsportal Børsen sind nach Finnland gereist, um zu verstehen, wie sich Russlands Hybridkrieg direkt an der Grenze auswirkt. Sie fahren an einem Montagmorgen auf der Autobahn E18 Richtung Osten. Der Verkehr wird schnell dünner.
Nur etwa 190 Kilometer trennen die finnische Hauptstadt von der Grenzstation Vaalimaa. Dort endet Finnland und Russland beginnt.
Die letzten Kilometer legen sie allein auf der Straße zurück. Schilder entlang der Autobahn kündigen die russische Metropole Sankt Petersburg an. Doch diese Verbindung existiert nicht mehr. Der Grenzübergang ist geschlossen, niemand kommt durch.
Direkt an der Grenze steht ein riesiges Einkaufszentrum mit dem Namen Zsar in goldenen Buchstaben. Es wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Früher war hier reger Verkehr. Die Grenzstation Vaalimaa war die meistfrequentierte entlang der gesamten finnisch-russischen Grenze mit mehr als 2,4 Millionen Reisenden pro Jahr.
Heute ist alles verlassen. Der unberührte Schnee zeigt, dass niemand mehr kommt. Das Einkaufszentrum ging im Herbst 2022 in Konkurs.
Neue Grenzanlagen als Antwort auf Russlands Hybridkrieg
Finnland teilt die längste Landgrenze Europas mit Russland. Seit Dezember 2023 ist sie vollständig geschlossen. Aktuell wird ein neues, hochmodernes Grenzsystem errichtet, um russische Hybridangriffe abzuwehren.
Von dem verlassenen Einkaufszentrum fahren sie weiter nach Joutseno und schließlich bis zu den letzten Häusern im Grenzgebiet. Dort treffen sie Matti Ahvonen, der direkt an der Grenze aufgewachsen ist. Seine Familie besitzt den Hof seit 260 Jahren. Er selbst gehört zur neunten Generation, sein Sohn führt den Betrieb als zehnte weiter. Doch die Geschichte des Hofes ist eng mit Russland verbunden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Finnland große Teile Kareliens abtreten. Die neue Grenze verlief direkt durch das Land der Familie. Das Wohnhaus lag plötzlich auf russischer Seite.
Als Ahvonens Großvater aus dem Krieg zurückkehrte, war der Besitz halbiert und ein neues Haus musste gebaut werden.
„Wir haben keinen Kontakt mehr zur russischen Seite. Überhaupt keinen“, sagt Matti Ahvonen.
Heute ist er 67 Jahre alt und im Ruhestand. Er lebt mit seiner Frau in einem weißen Holzhaus auf einer Anhöhe. Als die Kollegen ankommen, steht er auf der Terrasse und winkt. Er wirkt offen, lebendig und gastfreundlich. Beim Kaffee serviert er frisches Gebäck und bemüht sich, auf Englisch zu sprechen.
Er hat sein Leben in der Region verbracht, war politisch aktiv und hat Kinder und Enkelkinder in der Umgebung. Verbitterung ist bei ihm nicht zu spüren. Doch wenn es um Russland geht, wird er ernst.
Hybridangriffe verändern das Leben an der Grenze
Für die Fahrt zur Grenze empfiehlt Ahvonen, sein Auto zu nutzen. Die Behörden kennen das Fahrzeug. Gemeinsam fahren sie bis zum neuen Grenzzaun, der derzeit gebaut wird. Fotografieren ist dort nicht erlaubt, doch die Bauarbeiten sind sichtbar.
Der Zaun wird nicht die gesamte Grenze abdecken, sondern rund 200 Kilometer der insgesamt 1340 Kilometer langen Linie verstärken.
Ahvonen berichtet von erschöpften Migranten, die zu Fuß aus Russland kommen. Darunter seien sowohl Russen als auch Menschen aus dem Nahen Osten. Er hat Drohnenflüge beobachtet, lange bevor dieses Thema international Aufmerksamkeit erhielt. Auch laute Feiern russischer Soldaten auf der anderen Seite eines Sees, an dem seine Familie fischt, hat er gehört.
Früher war das anders. „Wir sind oft nach Russland gefahren. Nach Svetogorsk oder Vyborg, um Benzin zu kaufen. Wir hatten Freunde auf der anderen Seite. Ich habe als Lokalpolitiker in Sankt Petersburg an Treffen teilgenommen. Ich bin tausende Male über diese Grenze gefahren.“
Heute ist dieser Alltag verschwunden. Die Grenze wurde geschlossen, nachdem hunderte Migranten einreisten. Finnland sieht darin einen Teil von Russlands mutmaßlichem Hybridkrieg.
Wirtschaft leidet unter Grenzschließung und geopolitischem Druck
Der Bau des Grenzzauns bringt zumindest kurzfristig wirtschaftliche Impulse. Ahvonens Söhne betreiben ein Unternehmen für Schneeräumung und profitieren davon. Doch viele andere haben ihre Arbeit verloren. Besonders im Einzelhandel und im Tourismus, die stark von russischen Kunden abhängig waren. „Das Zsar-Zentrum ist kein Einzelfall. Viele Geschäfte und Einkaufszentren haben geschlossen. Die russischen Kunden kommen nicht mehr.“
Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Die Arbeitslosigkeit lag im vergangenen Jahr bei über zehn Prozent und in manchen Grenzregionen sogar bei 18 Prozent. Experten sprechen von einer Mischung aus mehreren Krisen. Der Zusammenbruch des Tourismus, der Rückgang des Handels mit Russland, steigende Energiepreise und höhere Verteidigungsausgaben belasten die finnische Wirtschaft.
Die Staatsverschuldung liegt inzwischen bei rund 89 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Gleichzeitig wächst der Druck, mehr in Sicherheit und Verteidigung zu investieren.
Hinzu kommt die Sorge vor einer neuen globalen Energiekrise infolge der Eskalation im Nahen Osten. Die Internationale Energieagentur warnt, dass diese Krise schwerwiegender sein könnte als frühere Ölkrisen. Für Matti Ahvonen steht dennoch fest, dass die Grenzschließung notwendig war. „Viele vermissen die Möglichkeit, die Grenze zu überqueren. Aber es war die richtige Entscheidung.“
Das Leben geht weiter, sagt Matti Ahvonen. Er betont auch mehrmals, dass er nichts gegen die gewöhnlichen Russen auf der anderen Seite hat. "Ich habe mein ganzes Leben hier an diesem Ort gelebt. Als ich ein Junge war, sagte mein Vater, dass wir keine Steine über die Grenze werfen durften", sagt er und lächelte ein wenig wehmütig. "Ich habe dasselbe zu meinen Kindern gesagt. Schließlich leben dort gewöhnliche Menschen, und sie haben ihre Probleme. Es ist ihr Präsident und ihre Regierung, die ich nicht mag.“
Er erinnert sich auch an historische Erfahrungen. Als die Finnen während des Zweiten Weltkriegs gegen Russland kämpften, endete dies in zwei bitteren Niederlagen. Aber Matti Ahvonen erzählt eine Geschichte über einen der Lokalhelden, die er persönlich einmal getroffen hat.
Während des Winterkriegs 1939-40 gab es einen legendären finnischen Scharfschützen namens Simo Häyhä – bekannt als der Weiße Tod. „Er war ein kleiner Mann, wahrscheinlich nur 150 cm groß, aber der Legende nach tötete er über 500 russische Soldaten.“
Die Finnen hätten aus ihrer Geschichte gelernt. Auf die Frage, ob er einen neuen Krieg fürchte, antwortet Ahvonen knapp: „Nein. Die Russen wissen, dass wir bereit sind.“
