Politik

Ballistische Rakete: Neue Schlagkraft für Deutschland – Bundeswehr-Marine testet Lora

Ein Raketenschuss zwischen Irland und Island markiert einen möglichen Wendepunkt für die Bundeswehr. Mit der israelischen Lora könnte Deutschland künftig weit entfernte Ziele von See aus treffen. Der Test stärkt die Abschreckung – wirft aber auch Fragen zur künftigen Beschaffung auf.
07.09.2026 11:33
Aktualisiert: 07.09.2026 11:33
Lesezeit: 2 min
Ballistische Rakete: Neue Schlagkraft für Deutschland – Bundeswehr-Marine testet Lora
Bundeswehr und die ballistische Rakete Lora: Die Fregatte Sachsen-Anhalt (F 224) war wohl an dem Versuch von „Zone Militaire“ beteiligt. (Bild: dpa) Foto: Hauke-Christian Dittrich

Ballistische Rakete: Deutschland baut mit Lora-Test im Nordatlantik Abschreckung auf See aus

Deutschland erweitert angesichts der verschärften Sicherheitslage in Europa seine militärische Abschreckung. Erstmals feuerte eine deutsche Fregatte im Nordatlantik eine ballistische Rakete des israelischen Herstellers Israel Aerospace Industries (IAI) ab. Der Versuch in der Nacht zum 2. September soll zeigen, dass die Bundeswehr weitreichende Präzisionswaffen künftig nicht nur an Land und in der Luft, sondern auch auf See einsetzen kann.

Marine spricht von historischem Schritt

Marineinspektor Jan Christian Kaack bewertete den Abschuss als Zäsur. „Mit dem erfolgreichen Schuss einer ballistischen Rakete im Nordatlantik haben wir Marinegeschichte geschrieben“, sagte er laut DPA. Zum Schutz Deutschlands und seiner Verbündeten eröffne der Test „ein neues Kapitel bei Abschreckung und Verteidigung auf See“.

Die Bilder senden eine klare Botschaft: Deutschland will einen potenziellen Angreifer nicht nur abwehren, sondern im Ernstfall aus großer Entfernung treffen. Eine ballistische Rakete fliegt mit hoher Geschwindigkeit und ist nur schwer abzufangen. Die getestete Waffe kann binnen zehn Minuten weit entfernte Ziele präzise erreichen.

IAI-Präsident Boaz Levy bezeichnete den Versuch laut „Zone Militaire“ als „beispiellose Leistung“ und verwies auf die enge Partnerschaft zwischen Deutschland und Israel. Bereits auf deutschem Boden wird das israelische Arrow-3-System stationiert. Nun sucht Berlin zusätzlich nach Möglichkeiten, die Marine für einen möglichen Konflikt mit einem hochgerüsteten Gegner auszurichten.

Ballistische Rakete: Reichweite über Herstellerangaben

Nach bisherigen Angaben des Herstellers erreicht Lora bis zu 430 Kilometer. Die ballistische Rakete wird von einem Feststofftriebwerk angetrieben und soll mit einer Genauigkeit von rund zehn Metern einschlagen. Beim aktuellen Versuch wurde jedoch eine Reichweite von über 500 Kilometern gemessen – deutlich mehr als die zuvor genannten 400-430 km. Nach einer weiteren Beschreibung kann die Waffe Ziele auf einer Entfernung von bis zu 500 Kilometern auf wenige Meter genau zerstören.

Damit könnten deutsche Schiffe künftig Kommandozentralen, Luftabwehrstellungen, Raketenbatterien oder logistische Knoten an Land angreifen. Besonders im Nordatlantik, in der Ostsee oder in der Norwegischen See ließe sich eine ballistische Rakete aus wechselnden Positionen starten, ohne auf feste Abschussorte an Land angewiesen zu sein.

Für die Bundeswehr-Fregatten würde das einen grundlegenden Rollenwechsel bedeuten. Bislang dienen sie vor allem der Luftverteidigung, dem Geleitschutz, der U-Boot-Abwehr und Einsätzen gegen Piraterie. Vor allem die ursprünglich für lange Stabilisierungs- und Kriseneinsätze gebaute Klasse F125 galt in klassischen Kriegsszenarien als begrenzt geeignet. An dem Test im Gebiet zwischen Irland und Island war nach Angaben von „Zone Militaire“ unter anderem die Fregatte „Sachsen-Anhalt“ beteiligt. Welches Lora-Modell Deutschland beschaffen könnte, ist noch offen. Ein Schlachtschiff wird aus den Fregatten dadurch nicht; die neue Bewaffnung verschafft ihnen jedoch weitreichende Schlagkraft. Die Bundeswehr-Fregatten würden so zu einem beweglichen Teil der gemeinsamen Nato-Abschreckung, ohne als Schlachtschiff konzipiert zu sein.

Ballistische Rakete Lora ist Antwort auf Russlands Raketenarsenal

Deutschland besitzt bislang keine solchen Waffen. Lange vertraute das Land auf Frieden mit Russland und den Schutz durch die USA. Russland beschießt die Ukraine jede Nacht mit ballistischen Raketen und zielt dabei bewusst auf Zivilisten. Zugleich hat sich die US-Regierung aus der Unterstützung des angegriffenen Landes zurückgezogen. Nur mit amerikanischen Patriot-Raketen hätte die Ukraine eine Chance, ihre Bürger zu schützen. Deutschland wiederum hätte im Kriegsfall kaum genügend Abwehrmittel gegen die in Kaliningrad stationierten russischen Raketen.

Die Bundesregierung setzt deshalb auf Abschreckung gegenüber weitreichenden Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen. Der Marschflugkörper „Taurus“, bislang die einzige Abstandwaffe der Truppe, wird modernisiert und erhält mehr Reichweite. Zusätzlich will Deutschland eigene „Tomahawks“ aus den USA kaufen. Mit Großbritannien ist außerdem die Entwicklung von Waffensystemen vereinbart, die Russland bis hinter den Ural treffen können. Eine ballistische Rakete aus Israel fliegt zwar nicht so weit, wäre aber schneller zu beschaffen.

Der am Mittwoch verbreitete Test folgt zudem auf die Reaktion vom Dienstag: Die Bundesregierung machte Russland für den missglückten Anschlag auf den Flughafen Leipzig verantwortlich. Die Aussage: Deutschland ist nicht im Krieg, wird aber angegriffen. Die ballistische Rakete zeigt, was das praktisch bedeuten soll: Wer Deutschland mit Raketen angreift, muss mit einem Gegenschlag rechnen. Damit steht die ballistische Rakete für eine neue maritime Fähigkeit und eine schärfere Abschreckungspolitik.

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Markus Gentner

Markus Gentner ist seit 1. Januar 2024 Chefredakteur bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war er zwölf Jahre lang für Deutschlands größtes Börsenportal finanzen.net tätig, unter anderem als Redaktionsleiter des Ratgeber-Bereichs sowie als Online-Redakteur in der News-Redaktion. Er arbeitete außerdem für das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF), für die Tageszeitung Rheinpfalz und für die Burda-Tochter Stegenwaller, bei der er auch volontierte. Markus Gentner ist studierter Journalist und besitzt einen Master-Abschluss in Germanistik.

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