Politik

Chinas Ölimporte: Wie Peking den Ölpreisschock verhindert

China gilt als größter Ölimporteur der Welt und ausgerechnet Peking hat zuletzt einen noch heftigeren Preisschock verhindert. Sinkende Importe entlasteten den Weltmarkt, während der Krieg im Nahen Osten die Versorgung bedroht. Doch nun ziehen Chinas Käufe wieder an. Damit könnte ausgerechnet jener Puffer schwinden, der Ölpreise und Weltwirtschaft bislang stabilisiert hat.
18.09.2026 11:00
Lesezeit: 7 min
Chinas Ölimporte: Wie Peking den Ölpreisschock verhindert
Chinas Ölimporte sinken und bremsen den Preisschock. Doch die Käufe ziehen wieder an. (Bild: OpenAi)

Chinas Ölimporte dämpfen den Preisschock

China bewahrt die Weltwirtschaft vor einer wirtschaftlichen Katastrophe. Diese überraschende Einschätzung macht die Runde, seit bekannt ist, dass China seine Ölimporte drastisch reduziert hat. Doch die Gefahr eines neuen Preisschocks ist damit keineswegs gebannt. Das berichten unsere Kollegen von Dagens Industri.

Positive Nachrichten über Chinas Ölimporte sind selten. Normalerweise weckt das Thema eher Assoziationen mit einem steigenden Verbrauch fossiler Energieträger oder mit Öl aus Iran, Venezuela und anderen sanktionierten Staaten.

Doch diesmal fallen die Reaktionen anders aus. Nachdem bekannt wurde, dass Chinas Nachfrage nach Rohöl in diesem Jahr voraussichtlich um 600.000 Barrel pro Tag sinken wird, reagierten Analysten weltweit erleichtert.

„China ist uns gewissermaßen zu Hilfe gekommen“, sagte Paul Gruenwald, globaler Chefökonom der Ratingagentur S&P Global Ratings, auf einer Konferenz in Singapur. China habe der Welt damit geholfen, ein „Weltuntergangsszenario“ zu vermeiden, erklärte Gruenwald weiter.

Seit Beginn des Krieges mit Iran hat China seine Ölimporte erheblich reduziert. Das hat dazu beigetragen, den Anstieg der Weltmarktpreise zu begrenzen. Einige Analysten hatten zwischenzeitlich davor gewarnt, dass Rohöl bis auf 200 Dollar je Barrel steigen könnte. Dieses Risiko erschien zuletzt deutlich geringer.

Hinter den sinkenden chinesischen Importen steht eine Kombination aus dem Krieg zwischen Iran und den USA sowie Chinas enormen Investitionen in erneuerbare Energien und Elektrofahrzeuge. Die Folgen beschränken sich daher nicht auf einen niedrigeren Ölverbrauch. Auch die Emissionen können dadurch sinken.

Chinas Energieverbrauch hat aufgrund der Größe des Landes enorme globale Auswirkungen. China ist der größte Ölimporteur der Welt. Nach Daten der Emissionsdatenbank EDGAR der Europäischen Kommission verursacht das Land, gemessen in CO₂-Äquivalenten, innerhalb von etwas mehr als einem Tag so viele Treibhausgasemissionen wie Schweden in einem ganzen Jahr.

China zehrt von seinen großen Ölreserven

Der Rückgang der Ölimporte hat allerdings noch andere Ursachen. China verfügt über große Ölvorräte und verbrennt zugleich mehr Kohle als jedes andere Land der Welt. Dennoch fallen die Reaktionen auf den Rückgang der Ölnachfrage ungewöhnlich positiv aus.

„China rettet im Stillen die Welt“, sagt Max Fisher, ehemaliger Kolumnist der „New York Times“, in einem Youtube-Video über Chinas Reaktion auf die Irankrise.

Auch die französische Zeitung „Le Figaro“ argumentiert, China helfe nun zum zweiten Mal seit der Finanzkrise 2008 dabei, die Weltwirtschaft zu stabilisieren. Damals hatte Peking mit umfangreichen Konjunkturmaßnahmen Geld in die chinesische Wirtschaft gepumpt und damit zugleich die weltweite Nachfrage gestützt.

Doch trotz der Erleichterung unter Analysten ist die Gefahr eines Ölpreisschocks nicht verschwunden.

Daan Struyven, Co-Leiter der globalen Rohstoffanalyse bei Goldman Sachs, warnte Anfang September, dass der Ölpreis auf bis zu 120 Dollar je Barrel steigen könnte, falls sich die Angriffe auf die Schifffahrt im Nahen Osten ausweiten und verschärfen.

Inzwischen zeigt sich, wie schnell sich die Lage verändern kann. Chinas Rohölimporte erholten sich im Juli gegenüber dem Vormonat um 22 Prozent und stiegen im August nochmals um 6,2 Prozent auf 8,93 Millionen Barrel pro Tag. Gegenüber August 2025 lagen sie jedoch weiterhin 23,4 Prozent niedriger. In den ersten acht Monaten des Jahres importierte China insgesamt 14,6 Prozent weniger Rohöl als im Vorjahreszeitraum.

Die Entwicklung deutet darauf hin, dass China seine Reserven nicht unbegrenzt zur Abfederung des globalen Angebotsschocks einsetzen kann. Wegen der anhaltenden Probleme bei Lieferungen aus dem Nahen Osten muss Peking inzwischen wieder mehr Rohöl am Weltmarkt einkaufen.

Ölpreis bleibt auch für Deutschland ein Risiko

Die Gefahr eines Preisschocks bleibt damit bestehen. Am 17. September notierte Brent-Rohöl weiterhin bei mehr als 100 Dollar je Barrel. Zusätzliche saudische Lieferungen über Oman und Hoffnungen auf eine teilweise Wiederherstellung der beschädigten saudischen Ost-West-Pipeline hatten die Preise zuletzt etwas gedrückt. Die Unsicherheit über den Krieg und die Schifffahrt im Nahen Osten bleibt jedoch hoch.

Damit verliert auch die Vorstellung, China könne den Ölmarkt dauerhaft allein durch eine geringere Nachfrage stabilisieren, an Überzeugungskraft. Das Land hat den weltweiten Preisdruck bislang gedämpft. Steigen seine Importe jedoch weiter, während gleichzeitig Lieferungen aus dem Nahen Osten ausfallen, verschwindet ein wichtiger Puffer am Ölmarkt.

Für Deutschland ist diese Entwicklung unmittelbar relevant. Steigende Rohölpreise verteuern Kraftstoffe und Transport und können über höhere Energie- und Logistikkosten auch Unternehmen belasten. Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt vor allem davon ab, wie lange die Lieferprobleme im Nahen Osten anhalten und ob China seine Rohölkäufe weiter erhöht.

Rohöl in China

Chinas Rohölimporte fielen im Mai und Juni auf weniger als acht Millionen Barrel pro Tag. Damit sanken sie erstmals seit 2016 unter diese Marke.

Chinas Rohölimporte erholten sich im Juli gegenüber dem Vormonat um 22 Prozent und im August um weitere 6,2 Prozent. Mit 8,93 Millionen Barrel täglich lagen sie im August trotzdem 23,4 Prozent unter dem Vorjahreswert.

Chinas Rohölbestände werden einschließlich kommerzieller Lager auf rund 1,4 Milliarden Barrel geschätzt. Zum Vergleich wurden für die USA rund 825 Millionen Barrel genannt.

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Johan Nylander

Johan Nylander ist ein preisgekrönter Autor sowie freiberuflicher Korrespondent für China und Asien. Seine Beiträge erscheinen bei CNN, National Geographic Travel, Forbes, der führenden schwedischen Wirtschaftszeitung Dagens Industri sowie in zahlreichen weiteren internationalen Medien.
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