Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM - und verschwinden

Lesezeit: 4 min
06.06.2014 00:51
Der Dokumentarfilm „The Price of the World Cup“ des dänischen Journalisten Mikkel Keldorf löste weltweite Aufregung aus: Es gibt starke Hinweise, dass brasilianische Straßenkinder vor der Austragung der Fussball-WM gezielt entführt und sogar ermordet wurden. Der Grund: Die Straßenkinder passen nicht in das Bild, das die Tourismus-Industrie von Brasilien vermitteln will.

Der Dokumentarfilm „The Price of the World Cup“ des dänischen Journalisten Mikkel Keldorf löste in den letzten Tagen im Netz eine Welle der Empörung aus. Keldorf beschreibt wie in verschiedenen brasilianischen WM-Austragungsorten Straßenkinder, im Vorfeld der „Copa“ entführt und ermordet wurden. Keldorf sagt, diese Verbrechen geschehen, weil die Straßenkinder nicht ins Bild passen, das die brasilianischen Veranstalter den Touristen von ihren Städten vermitteln wollen. Deshalb würden die Kinder „nachts im Schlaf erschossen und aus den Touristenvierteln entfernt, damit die Gringos die WM ungestört genießen können“. Ein Gespräch mit dem Regisseur des Films.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie haben jahrelang in Brasilien als Korrespondent gearbeitet. Sie wollten auch direkt aus Brasilien über die Fußball-WM berichten. Diesen Plan haben Sie aufgegeben…

Mikkel Keldorff: Ja, ich habe aus Brasilien für TV2, dem größten dänischen TV-Sender, berichtet. Jetzt arbeite ich in Dänemark für den selben Sender als World Cup Kolumnist. Bevor ich im September 2013 nach Brasilien ging habe ich Portugiesisch gelernt. Ich habe auch in Rio Kurse über Brasilianische Geschichte und Dokumentarfilm belegt. Dann habe ich mich an die Arbeit gemacht. Ich wollte über das große Fußball-Fest berichten, aber auch über Schattenseiten. Aber die Zustände, die ich vorgefunden habe haben mich zu dem Entschluss gebracht, nicht mehr über das Fest zu berichten. Die Schattenseiten waren zu hart.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Beweise gibt es, dass Straßenkinder wirklich ermordet wurden? 

Mikkel Keldorff: Es ist unstrittig, dass Straßenkinder in Brasilien ermordet wurden. Ob ich beweisen kann, dass es Todesschwadronen waren, die die Morde ausführten? Nun, ich habe großes Vertrauen in meine Quellen: Der Sozialarbeiter aus Fortaleza, Manoel Torquato, der mich mit Informationen versorgt hat, war gerade in Genf, um bei der UNO über die Situation der Straßenkinder in Brasilien zu berichten. Ich habe seine Aussagen mit vielen Aussagen von Straßenkindern in Fortaleza abgeglichen. Nach den vielen Interviews bin ich mir sicher, dass viele Kinder weiterhin in Brasilien verschwinden. Das Grauen geht weiter. Ob ich ein Smoking Gun habe (zu deutsch etwa: „Das rauchende Schießeisen“, als Synonym für einen eindeutigen Beweis)? Nein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Um wieviele verschwundene Kinder geht es? In welchen Städten sind sie verschwunden?

Mikkel Keldorff: Schwer zu sagen. Offiziell gibt es diese Fälle gar nicht. Die Straßenkinder sind normalerweise nirgends gemeldet. Deshalb können sie offiziell auch gar nicht verschwinden oder ermordet werden. Wenn man die Behörden in Fortaleza fragt, dann lautet die offizielle Antwort: Die Anzahl der verschwundenen Kinder liegt bei null. Eine lokale Hilfsorganisation vor Ort hat aber 121 tote Straßenkinder gezählt – allein in Fortaleza. Allerdings waren nicht alle Todesfälle auf paramilitärische Gruppen zurückzuführen, die im Auftrag von Mächtigen Lokalfürsten oder mit deren Billigung oder Duldung agieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Gibt es zumindest in Einzelfällen Vermutungen, wer die Mörder sind?

Mikkel Keldorff: Es ist schwer zu sagen, wer die Mörder genau sind. Das Phänomen der Todesschwadronen ist historisch nicht neu: Sie sind normalerweise aus korrupten Polizisten zusammengesetzt. Diese werden von mächtigen Leuten in den Städten beauftragt: Von Geschäftsleuten, Stadträten, Bürgermeistern. Marcelo Freixo, Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses im Regionalparlament von Rio de Janeiro, beschreibt das Phänomen in meinem Dokumentarfilm sehr plastisch.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie hat man in Brasilien auf Ihren Film und die darin enthaltenen Vorwürfe reagiert?

Mikkel Keldorff: Die lokale Polizei von Fortaleza hat sich geweigert, meine Fragen zu beantworten. Die brasilianische Oberstaatsanwaltschaft hat allerdings offizielle Schreiben an den Bürgermeister von Fortaleza geschickt. Darin werden Vorschriften formuliert, wie man in Zukunft mit Straßenkindern und Obdachlosen im Allgemeinen umgehen soll. Einiges hat sich schon getan. Kleine Schritte. Aber im Allgemeinen kann man sagen: Weder ich noch mein Dokumentarfilm sind bei den Mächtigen in Brasilien besonders beliebt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Trägt die FIFA eine Mitverantwortung?

Mikkel Keldorff: Ich glaube nicht.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Fühlten Sie sich in Brasilien bedroht, nachdem Sie diese schweren Menschenrechtsverletzungen angeprangert hatten?

Mikkel Keldorff: Es gab Hasskampagnen gegen mich: Es wurde behauptet, ich sei von den politischen Gegnern Dilma Roussefs bezahlt worden. Andere sagten, ich sei nur auf Publicity und Geld aus. Es gibt aber auch viele Brasilianer, die sagen, endlich spricht da einer aus, was gern unter den Teppich gekehrt wird, obwohl alle wissen, dass es existiert.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Raten Sie dazu, die WM zu boykottieren?

Mikkel Keldorff: Ich denke nicht, dass alle die WM boykottieren sollten. Die Leute sollten aber wachsam sein, sich für die Zustände in Brasilien interessieren, und daraus ihre Schlüsse ziehen.

Der renommierte Investigativ-Journalist Antonio Cascais begleitet für die Deutschen Wirtschafts Nachrichten in den kommenden Wochen die Entwicklung in Brasilien. In der Rubrik „Das andere Tagebuch der Fußball WM“ wird Cascais über die sozialen Probleme und die Proteste der Brasilianer gegen das Kommerz-Spektakel berichten. Cascais hatte zuletzt mit seiner TV-Dokumentation „die story – Geschäfte wie geschmiert?“ (mit Marcel Kolvenbach) für Aufsehen gesorgt. In der Doku zeigten die Autoren die Hintergründe eines U-Boot-Deals in Portugal auf. Der Film ist in der Mediathek des WDR abrufbar.

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

Teil 5: Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

Teil 6: Wer ist die rätselhafte Dilma Rouseff?

Teil 7: Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM – und verschwinden

Teil 8: Der ganz andere WM-Song:  „Öffnet eure Augen, Brüder / die FIFA greift in unsere Taschen“

Teil 9: Brasilien: Fifa unterstützt Projekte gegen Kinderprostitution nicht

Teil 10: Lage in São Paulo eskaliert: Polzei knüppelt streikende U-Bahn-Fahrer nieder

***

In seinem neuen Buch beschreibt DWN-Herausgeber Michael Maier die Folgen der Hyperglobaliserung. Er zeigt, wie die Flutung der Welt mit Schulden zu Gewalt und Verbrechen führt. Die Gewalt richtet sich oft gegen die Schwächsten: Kinder, sozial Bedürftige, Alte. Maier erklärt schlüssig, warum Revolutionen oft der einzige Ausweg bleiben, um die Zustände zu ändern.

Michael Maier, Die Plünderung der Welt. Wie die Finanz-Eliten unsere Enteignung planen.

Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich. Beim Verlag kann es hier bestellt werden.

Das Buch ist auch bei Amazon erhältlich - hier.



DWN
Finanzen
Finanzen Lagardes Einstand bei der EZB: Nullzinsen bleiben bis zum Sankt Nimmerleinstag

Christine Lagarde bestätigt als neue Präsidentin die Geldpolitik ihres Vorgängers: die Leitzinsen bleiben auf unabsehbare Zeit bei null,...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Regierung bereitet Sanktionen gegen Nordstream 2 vor

Das US-Repräsentantenhaus hat Sanktionen gegen das Pipeline-Projekt Nordstream 2 auf den Weg gebracht. Es muss jetzt noch vom Senat...

DWN
Politik
Politik Bosch: Von der Leyens „Green Deal“ bricht der deutschen Autobranche das Genick

Der Bosch-Vorstandsvorsitzende Volkmar Denner warnt vor den überzogenen CO2-Vorgaben der neuen EU-Kommission. Diese bedeuteten faktisch...

DWN
Finanzen
Finanzen Renditen steigen: Investoren verlieren das Vertrauen in Zombie-Unternehmen

Auf dem US-Markt geraten riskantere Unternehmensanleihen zunehmend unter Druck. Die Zahl der besonders gefährdeten Anleihen, der...

DWN
Politik
Politik Anhörung eskaliert: „Das Soros-Orchester“ und die ernste Entfremdung zwischen EU-Kommission und Ungarn

Eine Anhörung zu Vorwürfen der EU-Kommission gegen die ungarische Regierung ist aus dem Ruder gelaufen. Die beiden Seiten scheinen sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Studie: Deutsche Wirtschaft und Haushalte steuern mit 5G auf ein Strompreis-Debakel zu

Einer Studie zufolge wird der neue Mobilfunkstandard 5G zu einer massiven Zunahme des Stromverbrauchs führen. Das alles geschieht zu einer...

DWN
Technologie
Technologie China testet digitale Zentralbankwährung im Einzelhandel

Als erstes Land der Welt testet China eine digitale Zentralbankwährung in der Praxis.

DWN
Finanzen
Finanzen Zahl der Börsengänge im laufenden Jahr weltweit eingebrochen

Die Zahl der Börsengänge ist im laufenden Jahr deutlich zurückgegangen – ein Zeichen dafür, dass viele Beobachter mit einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Die WTO ist handlungsunfähig: „Schwerster Schlag für das multilaterale Handelssystem“

Der zentrale Mechanismus der Welthandelsorganisation wurde durch die US-Regierung deaktiviert. Die Organisation ist gelähmt.

DWN
Politik
Politik Brexit: „In den nächsten beiden Jahren wird überhaupt nichts passieren”

Dem Ökonomen Anatole Kaletsky zufolge wird sich in den kommenden ein bis zwei Jahren im Verhältnis zwischen EU und Großbritannien so gut...

DWN
Politik
Politik Erdogan deutet Entsendung der türkischen Armee nach Libyen an

Der Stellvertreterkrieg in Libyen nimmt Fahrt auf. Die türkische Regierung kann sich eine Entsendung von Truppen vorstellen.

DWN
Deutschland
Deutschland Weihnachtsmarkt-Anschlag in Berlin: Mail-Mitschnitte werfen sonderbares Licht auf BKA-Beamten

E-Mail-Mitschnitte und die Aussagen eines Ermittlers aus Nordrhein-Westfalen werfen ein sonderbares Licht auf den Arbeitsansatz eines...

DWN
Politik
Politik US-Armee wird im Sommer 20.000 Soldaten für Großübung nach Europa verlegen

Die USA verlegen 20.000 zusätzliche Truppen nach Europa, die an einer Übung im Sommer teilnehmen sollen. Deutschland spielt dabei eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Termingeschäfte eingeschränkt: Weltgrößter Pensionsfonds geht gegen Spekulanten vor

Mit einer Neuregelung zu seinem Aktienportfolio macht Japans staatlicher Pensionsfonds Leerverkäufern einen Strich durch die Rechnung....

celtra_fin_Interscroller