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Nutzfahrzeug-Branche will mit Innovationen aus der Krise

Lesezeit: 2 min
18.09.2014 18:03
Das zentrale Thema für die Nutzfahrzeug-Branche auf der IAA in Hannover sind Vernetzung und automatisiertes Fahren. Marktteilnehmer hoffen auf Wachstum durch Innovationen. Der Güterverkehr in Europa soll sich in den nächsten 15 Jahren fast verdoppeln.

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Die digitale Revolution rollt jetzt auch auf die Kapitäne der Landstraße zu: Eine Rangier-App kann das Kurbeln am Lenkrad ersetzen, Software und Satelliten minimieren Leerfahrten oder Ladezeiten, und systematische Fahrfehler bleiben nicht länger unentdeckt. Der jüngste Innovationsschub hat die Nutzfahrzeugbauer und ihre Logistik-Kunden erfasst und ist ein Schwerpunkt auf der nächste Woche beginnenden Branchenmesse IAA in Hannover. Vernetzung und Automatisierung sind nach Einschätzung von Fachleuten für Spediteure, die stets mit spitzem Bleistift rechnen, keine Spielereien. „Das ist ganz klar ein Wachstumsfaktor, weil die Technik die Produktivität erhöht und die Spritkosten senkt”, sagt etwa Elmar Kades von AlixPartners.

Sie könnten Transportkapazitäten besser steuern und nutzen, wenn die Fahrzeuge ständig online seien, heißt es in einer Studie von A.T. Kearney und dem Verband der Automobilindustrie (VDA). Die Spediteure senkten dann nicht nur Kosten, sondern auch die Umweltbelastung – zumal der Straßengüterverkehr in Europa nach Berechnungen der EU-Kommission bis 2030 um 44 Prozent gegenüber 2010 wachsen soll. Nach Schätzung des Kraftfahrtbundesamtes sind Lastwagen heute bei mehr als einem Viertel aller Fahrten ohne Ladung unterwegs.

Doch nicht nur die Zeit- und Spritersparnis, auch die Sicherheit steht im Mittelpunkt der neuesten Technik, die Lkw-Hersteller wie Daimler, die Volkswagen-Tochter Scania oder Volvo sowie Zulieferer in Hannover präsentieren werden. Abstandswarner, technische Assistenten zum Bremsen oder Spurhalten gibt es schon, teil-automatisiertes Fahren ist der nächste Schritt. Fernziel ist das völlig automatisierte Fahren, bei dem der Fahrer die Hände vom Lenkrad, die Füße von den Pedalen und den Blick von der Straße lassen kann. Daimler zeigt dazu in Hannover den Prototyp, der schon im Juli präsentiert worden war. Nach Einschätzung von Experten werden aber mindestens noch zehn Jahre vergehen, ehe alle rechtlichen und technischen Hürden dafür aus dem Weg geräumt sind.

Traditionell wird der Branchentreff auch zum Austausch über die wirtschaftliche Lage und die Wachstumsaussichten genutzt. Mehrere wichtige Absatzregionen leiden derzeit unter Baustellen und Unfällen. In China wächst die Gesamtwirtschaft langsamer, der VDA rechnet mit einem Absatz etwa auf Vorjahresniveau von einer Million Nutzfahrzeugen. Die Volksrepublik ist wie bei Pkw auch bei Lkw, Bussen oder Transportern der größte Markt der Welt. Es dominieren allerdings chinesische Hersteller. Trüb sind die Aussichten für den konjunkturabhängigen Nutzfahrzeugmarkt auch in den anderen großen Schwellenländern Brasilien und Indien. In Russland hat sich die flaue Konjunktur mit den Sanktionen in der Ukraine-Krise weiter abgeschwächt. Und in Europa herrscht nach der Sonderkonjunktur vor der Einführung der schärferen Schadstoffnorm Euro VI Stagnation. Im vergangenen Jahr hatten sich viele Unternehmen mit günstigeren Lkws mit dem niedrigeren Standard Euro V eingedeckt, sodass der Bedarf nun geringer ist.

Einziger Wachstumsmotor sind die USA, mit einem vom VDA geschätzten Absatzplus von acht Prozent auf rund 380.000 Fahrzeugen der zweitgrößte Markt weltweit. Auch in Deutschland fiel der Zuwachs von Januar bis Juli mit neun Prozent nach den Worten von VDA-Präsident Matthias Wissmann besser aus als erwartet. Für den weltweiten Nutzfahrzeugmarkt hätten die Prognosen zu Jahresbeginn bei sechs bis acht Prozent Plus gelegen, sagt Alix-Experte Kades. „Wir dürfen froh sein, wenn wir bis zu fünf Prozent Wachstum haben, das ist aber noch eine optimistische Schätzung.”

Wie schon auf der Pkw-IAA, die sich mit der für Nutzfahrzeuge abwechselt, reisen immer mehr Aussteller aus dem Boomland China an. Sie stellen rund zehn Prozent der erwarteten etwa 2.000 teilnehmenden Firmen. Dongfeng, Marktführer in China und Joint-Venture-Partner von Volvo, wird erstmals auf der Messe vertreten sein. Damit wirft die von vielen erwartete Neuordnung am globalen Lkw-Markt vielleicht ihre Schatten voraus. Bisher sind nur die drei Europäer Daimler, Volvo und die VW-Töchter sowie der US-Hersteller Paccar global mit Produktion auf mehreren Kontinenten aufgestellt. Doch einige, bisher nur lokal aktive asiatische Hersteller wie etwa Dongfeng, haben nach Einschätzung der A.T. Kearney-Experten das Potenzial, aus eigner Kraft und durch Übernahmen über die Landesgrenzen hinaus zu wachsen und zu globalen Spielern aufzusteigen.


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