Helmut Schmidt, der aufgeklärte Europäer

Die deutsche und die internationale Politik haben sich von Altkanzler Helmut Schmidt verabschiedet. In einem Staatsakt in Hamburg würdigen Kanzlerin Merkel und Ex-US-Außenminister Kissinger Altkanzler Helmut Schmidt.

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Während bei der Trauerfeier für seine Frau Loki im Jahr 2010 ein großes Porträt am Altar der Hamburger Michaeliskirche an die 91-Jährige erinnerte, gibt es für Helmut Schmidt kein Foto in der Kirche. Beim Staatsakt für den vor knapp zwei Wochen im Alter von 96 Jahren gestorbenen SPD-Politiker steht nur der von einer Deutschlandfahne bedeckte Sarg in der Mitte des Altarraums. Davor ein Kranz aus Sonnenblumen, links und rechts davon weiße Lilien.

Mehr ist auch nicht nötig. Denn jeder der rund 1800 Gäste kennt Helmut Schmidt, hat innerlich ein Bild vor Augen, das bei vielen ziemlich ähnlich aussehen dürfte. Zumindest alle Redner, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, Ex-US-Außenminister Henry Kissinger und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sind sich einig, dass Schmidt ein ganz Großer war – ein Satz, dem wohl auch die angereisten amtierenden und ehemaligen Bundespräsidenten, Merkels Kabinett und die zahlreichen Gäste aus dem Ausland zustimmen dürften.

Bei der noch von Schmidt selbst in weiten Teilen choreographierten Feier blitzen auch heitere Momente durch, etwa wenn Kissinger darauf hinweist, dass er und der Altkanzler selbst nach 60-jähriger Freundschaft immer noch beim Sie geblieben seien. Oder wenn von der berühmten Zigarette am unpassenden Ort die Rede ist oder Bürgermeister Scholz den Medien ironisch erklärt, dass «enlightened» nicht «erleuchtet», sondern «aufgeklärt» heißt – und Schmidt deshalb ein «aufgeklärter Europäer» sei: «Aber es ist schon bemerkenswert, dass eine Redaktion auch den «erleuchteten Europäer» durchaus im Bereich des Möglichen gesehen hat.»

«Lichtgestalt Schmidt»? Für viele Hamburger, die 1962 die Sturmflut erlebt haben, trifft das definitiv zu. Auch Merkel, geboren in Hamburg und damals sieben Jahre alt, beobachtete von ihrem Wohnort Templin aus gebannt, wie die Wassermassen über die Hansestadt hereinstürzen. Schmidt holte, «obwohl verfassungsrechtlich nicht dazu befugt», als Polizeisenator kurzerhand die Bundeswehr und ausländische Streitkräfte zu Hilfe. «Seit diesen Tagen ist er tief in meinem Gedächtnis eingegraben», sagt Merkel.

Bereits zu diesem Zeitpunkt habe Schmidt gezeigt, was es bedeute, Verantwortung zu übernehmen, sagt die Kanzlerin. Eine Bürde, die ihm während seiner Kanzlerschaft von 1974 bis 1982 noch schwer zu schaffen machen sollte. Etwa als die Rote Armee Fraktion den damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer ermordete, weil Schmidt den Forderungen der RAF nicht nachgab. Drei Erlebnisse hätten Schmidt bis in die Grundfesten seiner Existenz berührt, sagt Merkel. Neben den Gräueltaten der RAF war dies der Tod seiner Frau Loki, mit der er 68 Jahre verheiratet war, sowie ein Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz nach dem Krieg.

Sowohl Merkel als auch Scholz spannen in ihren Reden den Bogen vom Terror der RAF zu den Anschlägen in Paris. «Die Motive heute sind andere», sagt Merkel. «Aber Terror bleibt Terror.»

Auch wenn Schmidts Kanzlerschaft nicht unumstritten war – der Nato-Doppelbeschluss brachte seine SPD an den Rand der Spaltung und seine Abneigung gegen eine eigene Umweltpolitik führte maßgeblich zur Gründung der Grünen. Zu einem der beliebtesten Politiker überhaupt wurde Schmidt erst in späteren Jahren, als der passionierte Klavierspieler längst als Mitherausgeber der Wochenzeitung «Die Zeit» in die Zunft der «Wegelagerer» gewechselt war und die Politik von außen betrachtete und intensiv kommentierte.

Als am Ende des Trauergottesdienstes Schmidts Sarg von acht Trägern aus der Kirche gebracht wird, folgen ihm Schmidts Lebensgefährtin Ruth Loah, Schmidts Tochter Susanne und Bundespräsident Joachim Gauck. Die Bevölkerung kann wegen der hohen Sicherheitsvorkehrungen erst Abschied nehmen, als der Wagen mit Schmidts Sarg «in langsamer Fahrt» zum Friedhof Ohlsdorf fährt, wo bereits Schmidts Frau Loki beerdigt ist.

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