Kaum Geburten, wenig Geld: Beruf der Hebamme stirbt aus

 

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28.11.2013 00:59
Deutschlands Hebammen werden schlecht bezahlt: 280 Euro für eine normale Geburt - ein Hungerlohn. Finanziell interessant wird es nur bei komplizierten Geburten wie Kaiserschnitten. Der Grund: Die alternde Gesellschaft in Deutschland blickt auf Krankheit und Tod, und nicht auf das Leben. Die schlechte Behandlung der Hebammen ist Vorbote einer aussterbenden Nation.

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Für werdende Mütter sind Hebammen die stillen Begleiter während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Sie sind Vertrauenspersonen, Ernährungsberater und Psychotherapeuten in einem. Viele unnötige Arztbesuche werden jeden Monat durch die Abrufbarkeit der Hebammen verhindert. Doch sie arbeiten im Hintergrund, ihre Arbeit wird von der Politik ignoriert: Sie müssen teilweise bis zu 70 Stunden pro Woche arbeiten, um ihre Haftpflicht bezahlen zu können.

Neben Hebammen, die fest in Krankenhäusern angestellt sind, gibt es auch freiberufliche Hebammen: Beleghebammen und Hebammen, die keine Geburtshilfe leisten. Freiberufliche Beleghebammen sind besonders begehrt. Sie begleiten die Familie vor der Geburt, während der Geburt und im Anschluss im so genannten Wochenbett. Doch es wird immer schwieriger, eine Beleghebamme zu finden, die noch frei ist.

Während es in ländlichen Gebieten mittlerweile fast unmöglich ist, eine Beleghebamme zu finden, ist dies in Städten noch möglich. Aber die Zahl der Beleghebammen und der freiberuflichen Hebammen, die vor der Geburt und nach der Geburt die Familien betreuen, sinkt stetig. Ursächlich dafür sind die schlechte Vergütung und die viel zu hohe Haftpflichtversicherung, die eine Hebamme abschließen muss.

Haftpflichtkosten steigen weiter

Momentan liegt die Haftpflicht für Hebammen bei 4.242 Euro im Jahr und soll ab Juli 2014 auf 5.090 Euro steigen. „Und ab Juli 2016 klettert sie noch einmal auf über 6.000 Euro“, sagte die Vorsitzende des Berliner Hebammenverband e.V., Susanna Rinne-Wolf, den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Begleitet eine Beleghebamme eine Frau ins Krankenhaus und führt dort die Geburt durch, erhält sie für diese Geburt etwa 280 Euro, für eine Hausgeburt gibt es um die 685 Euro und im Geburtshaus gibt es dafür 550 Euro – und das können bis zu elf Stunden Arbeit sein. Die Haftpflicht ist jedoch dieselbe.  Viele freiberufliche Hebammen haben sich mittlerweile entschieden, keine Geburtshilfe mehr zu leisten, sondern nur noch die Vorsorge und die Nachsorge im Wochenbett anzubieten. Zu hoch ist das Risiko bei einer Geburt, denn passiert etwas, steigt entsprechend auch die Prämie für die Versicherung.

„Der Durchschnittslohn der freiberuflichen Hebammen liegt aber nur zwischen 8,20 Euro und 8,50 Euro“, so Rinne-Wolf, die selbst Hebamme ist. „Dafür, dass es sich dabei um die Bezahlung für jemanden handelt, der die Verantwortung für mindestens zwei Menschenleben trägt, ist das wirklich sehr wenig.“ Zumal die Schadensfälle bei Hebammen nicht wie in der Medizin üblich nach zehn Jahren verjähren, sondern erst nach 30 Jahren. „Wenn ich also heute einen Fehler mache, kann es sein, dass ich mit 66 Jahren dafür aufkommen muss, und, wenn ich dann nicht zahlen kann, müssen es meine Kinder“, sagt die Verbandsvorsitzende. Diese hohe Verjährungsfrist breche den Hebammen in den Verhandlungen mit den Versicherungen immer wieder das Genick. Mittlerweile gibt es auch nur mehr zwei von hunderten Versicherern, die überhaupt noch gewillt sind, Geburtshilfe zu versichern, so Susanna Rinne-Wolf.

Die schlechte Bezahlung und die geringe Aufmerksamkeit von Seiten der Politik geschieht Linda Kurzweil zufolge auch, weil eben wie in anderen sozialen Berufen vor allem Frauen diese ausüben. Linda Kurzweil ist seit zweieinhalb Jahren Beleghebamme in Berlin. Und die Frauen „beschweren sich oft nicht so richtig.“ Sie „streiken ein bisschen, aber das war’s, weil sie auch in dieser Verantwortung leben und sagen, ich kann jetzt die Kinder der Eltern nicht allein lassen, sie brauchen mich.“

Hebammen sind rar und begehrt

Linda Kurzweil ist bereits bis Mitte Juli ausgebucht und kann keine Frauen mehr aufnehmen, die für Juli oder früher ihren offiziellen Geburtstermin haben. Mittlerweile sind Beleghebammen so rar, dass es für Frauen, die sich von einer Beleghebamme betreuen lassen wollen, heißt: „Auf den Streifen pullern und sofort anrufen. Man muss sich melden, sobald man weiß, dass man schwanger ist“, so Linda Kurzweil zu den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. „Viele Frauen warten lieber drei Monate, um sicher zu gehen, dass sie keine Fehlgeburt kriegen, aber eigentlich haben Frauen auch bei einer Fehlgeburt ein Recht auf eine Begleitung durch die Hebamme.“

Die steigenden Kosten für die Haftpflichtversicherung setzen auch Frau Kurzweil unter Druck, denn die Haftpflicht ist nicht an die Geburtenzahl gekoppelt. „Damit sich die Versicherung überhaupt noch lohnt, muss man noch mehr arbeiten, um die Versicherung zahlen zu können und das macht die Geburten wieder gefährlicher“, so Kurzweil. „Denn, wenn ich fünf Geburten im Monat annehme, damit es sich rechnet, dann kann ich einfach nicht mehr so  gute Leistungen bringen, denn ich bin müde und kaputt.“ Die freiberuflichen Hebammen sind ja nicht nur bei Geburten dabei, sie haben auch täglich Termine bei Schwangeren und Familien, die gerade ihr Kind bekommen haben.

Arbeiten rund um die Uhr

Fachri Niehus zum Beispiel ist ebenfalls eine freiberufliche Hebamme aus Berlin. Sie macht keine Geburtshilfe, ist aber für die Frauen und Familien vor und nach der Geburt da. Auch sie muss eine  hohe Haftpflicht zahlen, schließlich kann auch während ihrer Arbeit etwas passieren, für das sie nach 30 Jahren noch verantwortlich gemacht werden kann „Ich arbeite 60 bis 70 Stunden die Woche“, sagt Fachri Niehus. „Ich bin alleinerziehende Mutter, damit ich die Kosten decken kann, muss ich auch viel arbeiten, anders geht das nicht“, so Niehus. Auch die Wochenenden mit den Kindern zu verbringen, ist in ihrem Beruf nicht einfach. es kann immer ein Anruf kommen – Fachri Niehus ist als Hebamme oft der erste Ansprechpartner für die Eltern.

Wenn Eltern abends um zehn Uhr anrufen, weil sie eine Frage haben oder verunsichert sind, ist das für Niehus noch eine „humane Zeit“. „Die Eltern rufen manchmal auch um vier Uhr nachts an. Was sollen sie auch machen, wenn ihr Kind plötzlich schreit und sie völlig verunsichert sind.“ Dann „rufen sie eben mich an, ich bin ihre Bezugsperson.“ Das gehöre zum Beruf der Hebamme dazu, „und ich kann das auch total verstehen“.

Während die Gesellschaft, insbesondere die Familien, die Arbeit der Hebammen schätzen, ist dies in der Politik nicht so, darin sind sich die drei Hebammen einig. „Durch meine Arbeit vermeide ich beispielsweise, dass die Frauen mit ihren Neugeborenen unnötig ins Krankenhaus gehen, weil ich zu ihnen gehe und sie beruhige“, so Niehus.  Wenn „ich nicht da gewesen wäre, da wären sie ständig im Krankenhaus oder beim Kinderarzt gewesen. Woher sollen  sie auch die notwendigen Informationen bekommen, um die Lage richtig einzuschätzen, es gibt keine Großfamilie mehr.“

Hebammen sparen bares Geld

Das Problem dabei sei vor allem auch das Gesundheitssystem an sich. „Es ist einfach auf Krankheit ausgelegt“, sagt die Verbandsvorsitzende Wolf-Rinne. Es gehe nur mehr darum, was bezahlt werde, wenn etwas schief läuft, nicht was gespart wurde. Ein Beispiel sei das DRG-System – die Fallpauschalen. „Für eine normale Geburt, bei der alles gut läuft, kriegst du ein Appel und ein Ei“, so Rinne Wolf. „Ein Kaiserschnitt oder eine Wehenunterstützung hingegen werden richtig gut bezahlt.“ Dass Hebammen dem System durch ihre Arbeit eigentlich sehr viel Geld sparen, das sei eben noch immer nicht angekommen.

Die Kritik der Hebammen ist mittlerweile in der Politik angekommen: Zumindest auf dem Papier sollen die Hebammen zukünftig etwas unterstützt werden.  Im Koalitionsvertrag heißt es nun: „Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und der Hebammen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen.“

Versicherungen haben Monopolstellung

Inwiefern diese sehr pauschale Formulierung tatsächlich in den kommenden Jahren zu einer Verbesserung der Lage der Hebammen führen wird, ist unklar. Konkrete Vorschläge wurden nicht gemacht. Dabei haben die Hebammen selbst bereits einige Überlegungen dazu angestrebt. So könnte etwa eine Deckelung helfen, so die Verbandsvorsitzende Rinne-Wolf. „Man könnte sagen, dass die Hebamme für zwei Millionen Euro versichert sein muss und alles was darüber hinaus anfällt, von einem aus Steuern finanzierten Fonds gedeckt wird.“ Eine weitere Möglichkeit wäre, dass wieder jeder Versicherer eine Versicherung für Geburtshilfe anbieten muss. Dann gäbe es wieder eine Konkurrenz  unter den Versicherungen und diese könnten sich gegenseitig rückversichern. „Oder man setzt die Verjährungsfrist auf 10 Jahre herab“, so Rinne-Wolf. „Aber das ist natürlich alles etwas, was auf politischer Ebene geschehen muss.“



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