Israel: Im Nahen Osten ist ein Feuer nie nur ein Brand

Die verheerenden Waldbrände in Israel haben auch das politische Feuer des Hasses entzündet. Die Lage ist sehr ernst, schreibt Lily Galili aus Tel Aviv.

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Seit mehreren Tagen brennt Israel. Feuer lodern im Norden, in der Mitte, im Osten und im Westen. Es gibt schlimmere Naturkatastrophen: Ein heftiges Erdbeben ist schlimmer. Ein plötzlicher Tsunami und der Ausbruch eines ruhenden Vulkans sind schlimmer. Dennoch gibt es einen Unterschied: In all diesen Fällen weiß der Mensch, dass er mit der Natur kämpft. Menschen kämpfen gegen „höhere Gewalt“. Im Falle der Brände in Israel ist es ein fortwährender Kampf gegen eine grausame Kombination von Natur und eine von Menschen verursachte Katastrophe. Der Kampf gegen ständig wechselnde Winde, die das Feuer unerbittlich in andere Gebiete treiben, fühlt sich apokalyptisch an.

Dieses Gefühl wird verstärkt, wenn man in der Dunkelheit die Umrisse eines Menschen erkennt, der, wie auf einigen Überwachungskameras zu sehen, von der Szene zu verschwinden versucht. Es fühlt sich anders an. Wie ein oberster Sicherheitsbeamter es ausdrückte: „Es braucht nur ein Streichholz in den falschen Händen. Der wilde Wind wird den Rest erledigen.“ Genau so könnte es geschehen sein, auch wenn wir nicht sicher sind. Die jüngste Schätzung hat ergeben, dass die Hälfte der Brände auf Brandstiftung, also auf vorsätzliches menschliches Handeln zurückzuführen sind. 13 Verdächtige sind in Haft. Einige von ihnen illegale Arbeiter aus dem Westjordanland, andere Einheimische.

Das ist das Wesen dieser Geschichte: Im Nahen Osten ist ein Feuer nie ein Feuer. Es ist eine politische Geschichte von fast biblischem Ausmaß. Politik, Geschichte, Demographie und vieles mehr spielen eine Rolle.

Es ist nicht nur die traurige Geschichte, dass 25 Prozent der Bewohner von Haifa aus ihren Häusern evakuiert werden mussten und 700 Häuser total zerstört wurden. Es ist eine Tatsache, dass Haifa die größte gemischte Stadt in Israel ist, wo Juden und Araber (Christen und Muslime) in relativer Koexistenz leben. Auch die Nähe des Feuers zur wichtigsten Straße zwischen Tel Aviv und Jerusalem verstört, weil die Feuer drohten, Jerusalem von der Mitte des Landes abzutrennen. In kürzester Zeit wurde das Feuer zu einer großen politischen Geschichte.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gab ihm schnell einen Namen: „Feuer-Terror“. Das soll bedeuten: Wir haben bereits eine Intifada der Steine, dann eine bewaffnete Intifada, vor kurzem eine Messer-Intifada, wenn Messer und Schere verwendet wurden, um  zu töten Israelis. Jetzt – laut Netanjahu und anderen – erleben wir „Feuer-Intifada“, den Terror der absichtlichen Brandstiftung, Flammen im Dienst des palästinensischen nationalen Kampfes. Die vorherrschende Annahme ergibt, dass etwa die Hälfte der vielen Brände absichtlich gelegt wurde.

Die Schuldzuweisungen haben umgehend eingesetzt. Israelische Offizielle beschuldigten die Araber – israelische Bürger und Palästinenser aus dem Westjordanland. Dies geschah möglicherweise voreilig. Vertreter der arabischen Bevölkerung und ihre Knesset-Mitglieder haben die Vorwürfe sogleich bestritten. Zugleich versuchten sie auch, politisches Kapital zu schlagen. Der Knesset-Abgeordnete Ayman Odeh, Chef der Arabischen Gemeinsamen Liste in der Knesset, der selbst in Haifa wohnt, hielt an dieser Version fest: „Dies (Israel) ist unsere Heimat. Diese Bäume sind unsere Bäume … wer verbrennt seine eigene Heimat? „Eine berechtigte Frage – aber nur, wenn man davon ausgeht, dass es eine Logik im Nahen Osten gibt. Es gibt sie nicht. Sicherlich nicht dort, wo Juden und Araber das gleiche kleine Stück Land teilen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Araber Schaden anrichten, nur um den Juden Leid zuzufügen.

Es wäre zumindest eine Logik für jüdische Bürger, die Araber für die Brandstiftung verantwortlich zu machen. Doch in diesem Teil der Welt wird es komplizierter. Ein berüchtigter radikaler Rabbiner, Elyakim Levanon, veröffentlichte am Freitag eine Erklärung, die jemanden anderen für die andauernde Brandstiftung verantwortlich machte: der Schuldige für ihn ist die israelische Regierung. Die Begründung: Die Regierung sei langsam in der Annahme des Gesetzes Legalisierung illegaler Siedlungen am Westufer, von denen viele auf palästinensischen Privatgrundstücken liegen. Unter Bezugnahme auf einige biblische Zitate, bezeichnete Levanon, von Extremisten bejubelt, die Dürre und das Feuer als „Hand Gottes“: Gott halte den dringend benötigten Regen zurück, solange das neue Gesetz verzögert wird. Die Hamas könnte dieser Logik folgen. In ihrer freudigen Reaktion bemühten auch sie Gott. Gott bestrafe dieselbe israelische Regierung für das Vorhaben, ein Gesetz zur Abschaffung der geräuschvollen Rufe des Muezzin, mit denen die Muslime in der frühen Morgenstunde um 4 Uhr zum Gebet gerufen werden. Gott ist ein wichtiger Akteur in dieser Geschichte.

Israelische arabische Führer haben eine andere Version. Während die israelische Führung die Araber beschuldigt, bringen sie die Variante ins Spiel, die als „Price Tag“ bekannten jüdischen Extremisten – eine Art jüdische Untergrund-Bande – könnte hinter den Bränden stecken, um den Palästinensern zu schaden. Der Aufruhr würde zeigen, dass die israelische Regierung und Armee nicht in der Lage seien, die Palästinenser wirksam zu kontrollieren.

Ihre Theorie wurde gleich aufgegriffen – in Form von heftigen Bränden, diesmal in arabischen Dörfern im Norden.  War es Gottes Zorn, die menschliche Hand oder die Natur?

Die Lage ist ernst, sehr ernst. Israelische Araber verstehen es. Sie öffneten sofort ihre Häuser und nahmen Familien auf, die durch das Feuer obdachlos geworden waren, Juden und Araber. Es ist das erste Mal, dass sie es tun. Sie sind sich des Ernsts der Lage völlig bewusst. Netanjahu und andere orteten unmittelbare Bedrohungen: Der Premier und der Innenminister kündigten an, dass Israel die Staatsbürgerschaft jeder Person, die an Brandstiftung beteiligt ist, widerrufen würde.

Am vierten Tag der Flammen ist Israel traurig und wütend. Die freudigen, von Hass erfüllten Reaktionen der arabischen Welt sind schmerzhaft. Der Wunsch, Juden zu verbrennen, berührt einen empfindlichen Nerv. Mitten in der Eskalation setzte die Palästinensische Autonomiebehörde und der Vorsitzende Mahmoud Abbas ein Zeichen, boten ihre Hilfe an und schickten Teams zur Bekämpfung der Brände. Die Türkei, die gerade wieder die diplomatischen Beziehungen mit Israel erneuert hat, schickte Flugzeuge, um das Feuer zu bekämpfen. Israelis nehmen es als gute Nachricht, mit einem bitteren Nachgeschmack. Immerhin: Die Zeichen sind etwas Trost inmitten tiefer Trauer und Sorge.

Der Rauch des Feuers hat eine Information überschattet: Die neue juristische Untersuchung der Rolle der Premier Netanjahu beim Erwerb von U-Booten aus Deutschland verschwand wegen der lodernden Flammen aus den Schlagzeilen. Es ist das erste Mal in der Natur, dass Feuer stärker ist als Wasser. Aber die U-Boote werden aus dem Wasser wieder auftauchen, sobald der letzte Rauch verflogen ist. Die Sorge und die Bedenken werden wieder aufleben. Bis zur nächsten Runde von etwas völlig Unvorhergesehenem.

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Lily Galili ist eine der renommiertesten Journalistinnen in Israel. Sie arbeitete viele Jahre für die Zeitung Ha’aretz, war Nieman-Fellow in Harvard und ist heute Autorin für I24News. Schwerpunkt ihrer Reportagen sind die ethnischen Gruppen in Israel, Araber, Drusen und Russen. Sie hat ein vielbeachtetes Buch (Hebräisch) über die russischen Immigranten geschrieben. Sie ist Mitglied des Syrian Aid Committee.

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