Kürzung der Öl-Förderung rettet Saudi-Arabien vor der Pleite

Die Kürzung der Öl-Förderung durch die OPEC rettet Saudi-Arabien vor der Pleite - und stärkt die Fracking-Industrie in den USA.

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Die Ankündigung einer konzertierten Produktionskürzung kommt nach dem Hick-hack eher überraschend. Die Märkte reagieren mit einem Eindecken von Leerpositionen und einem starken Preisanstieg. Die Jahresend-Rally am US-Aktienmarkt dürfte sich fortsetzen.

An der OPEC-Konferenz ist nach langen und zähen Verhandlungen ein Konsens für koordinierte Produktionskürzungen gegenüber den aktuellen Referenzwerten erreicht worden. Die Zielgröße für die Produktion wird um 1.2 Millionen auf 32.5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag herabgesetzt, also um rund 3%.

Der Quotenvergleich zeigt, dass die meisten OPEC-Länder ihre Produktion um rund 4-5% gegenüber dem aktuellen Referenz-Produktionsniveau reduzieren müssen. Von den Kürzungen ausgenommen sind die beiden krisengeschüttelten Länder Nigeria und Libyen, die aus unterschiedlichen Gründen weit unter ihrem Potential produziert haben. Zusätzlich kann der Iran seine Produktion nur noch um 0.1 Millionen Barrel gegenüber dem aktuellen Stand erhöhen. Sein Referenz-Produktionswert wird auf 3.8 Millionen Barrel begrenzt, also auf deutlich weniger als die bisher anvisierten 4.2 Millionen, dem Stand vor Verhängung der Sanktionen aus dem Jahr 2011. Die neu festgelegten Quoten gelten für die OPEC-Mitgliedsländer per Januar 2017, und sie gelten für 6 Monate.

Zusätzlich wurde eine Übereinkunft erreicht, dass Nicht-OPEC-Länder ihre Produktion um 0.6 Millionen Barrel reduzieren werden. Bestätigt wurde dies bisher von der Russischen Föderation. Diese verpflichtet sich, die Produktion um 0.3 Millionen Barrel zu kürzen. Allerdings graduell über die Zeit hinweg und nicht per Januar 2017, wobei technische Gründe angeführt werden. Russlands Ölfelder liegen mehrheitlich in Sibirien. Kürzungen im Winter könnten angesichts des schlechten Zustands der Infrastruktur irreversible Schäden hervorrufen. Offen erscheint auch, von welchem Niveau Russlands Produktion aus gekürzt werden soll. Russland hat seine Erdölförderung 2016 auf Rekordniveaus hochgefahren und im Jahresverlauf um fast 1 Million Barrel gesteigert.

Wie sind diese Beschlüsse zu interpretieren?

Der Ausgang der OPEC-Konferenz ist eine konzertierte Aktion mit großem symbolischem Signalwert. Es ist die erste Produktionskürzung der OPEC seit 2008. Sie ist außerdem koordiniert mit einigen großen Produzentenländern, die nicht OPEC-Mitglieder sind, was ihren Effekt verstärkt. Sicher ist, dass die OPEC als Marktfaktor nicht tot ist, wie manche Beobachter dies behauptet oder vorausgesehen hatten.

Vergleicht man die neuen Referenzwerte mit den Vergangenheitswerten von 2014, 2015 und 2016, so wird deutlich, dass die Begrenzung von einem rekordhohen aktuellen Niveau aus erfolgt, und dass sie die meisten Länder deshalb nicht oder sehr wenig trifft. Saudi-Arabien etwa kann seine Produktion auf dem Niveau des Rekordjahres 2015 oder dem Niveau des ersten Quartals 2016 einfrieren. Damals, im März 2016, war erstmals über Produktionsbegrenzungen gesprochen worden. Der Irak und der Iran als nächstgrößere OPEC-Produzentenländer können auf seit Jahren nicht mehr erreichten Niveaus produzieren. Wirklich hart getroffen werden von den Kürzungen Venezuela und sekundär Algerien, wo die Produktion aus technischen Gründen schon im Jahr 2015 und im Jahresverlauf 2016 zurückgefahren werden musste. Auch im Falle Russland als weiterem Giganten ist die Begrenzung eher symbolisch. Russland hatte noch mehr als die meisten anderen Länder die Produktion im Jahresverlauf 2016 stark angehoben.

Die zerstrittenen OPEC-Produzentenländer rauften sich zusammen, weil eine extreme Preisschwäche drohte. Die Lager sind rekordhoch, in den USA nicht mehr nur für Rohöl, sondern auch für verarbeitete Produkte wie Benzin oder Heizöl. Zudem drohen mit der veränderten Wirtschaftspolitik in den USA zwei andere wichtige Marktfaktoren auf die Preise zu drücken: Die Erdölpreise sind neben der Angebots-/Nachfrage-/Lagersituation sehr stark von den Zinsen im Dollar und vom Wechselkurs des Dollars geprägt. Die Kombination von steigenden Dollar-Geldmarkt-Sätzen und eines stärkeren Dollars setzt die Erdölpreise wie die Preise anderer Rohstoffe stark unter Druck.

Durch den Preiszerfall im Erdöl seit 2014 sind viele Produzentenländer angeschlagen. Betroffen ist insbesondere auch das typischerweise als Swing-Produzent und Entscheidungsmacher geltende Saudi-Arabien. Die Erdölpreise liegen im Jahresmittel 2016 über 20% unter den bereits niedrigen Werten von 2015. Gegenüber den Durchschnittspreisen von 2011-14 beträgt der Rückgang fast 60%. Die Preise für die Referenzsorten wie ‚dated brent’ drücken dabei noch nicht einmal die wahre Marktsituation aus. Denn mehrere Produzentenländer gewährten noch happige Rabatte, um in neue Märkte einzudringen oder um ihre Überproduktion überhaupt absetzen zu können.

Die Aktion repräsentiert in gewisser Weise eine Abkehr oder sogar Kapitulation von Saudi-Arabien. Seine seit 2014 eingeschlagene Strategie, mit einer Überschwemmung des Marktes eine Marktbereinigung herbeizuführen, ist gescheitert. Erstens erwiesen sich die amerikanischen ‚tight-oil’ Produzenten als viel flexibler und einfallsreicher als erwartet. Sie konnten ihre Förderkosten drakonisch hinunterfahren und damit viel länger überleben, als vorausgesagt worden war. Dazu beigetragen hat auch die enorm flexible Finanzierung durch Investment-Fonds und Banken. Die US-Produktion geht 2016 nur um 0.4 Millionen Barrel gegenüber 2015 zurück, sie liegt aber deutlich über den Werten von 2014 und erst recht den Vorjahren.

Zweitens ist Saudi-Arabien durch den Preiszerfall selber in erhebliche Schwierigkeiten geraten. Saudi-Arabien braucht dringend Geld, damit die Situation des Königshauses garantiert bleibt. Die extrem luxuriöse Ausgestaltung des saudischen Wohlfahrtsstaates und die gigantischen Investitionen in Infrastruktur verschlingen Unsummen. Saudi-Arabien benötigt einen Durchschnittspreis von rund 100 Dollar pro Barrel, um das Budget des Staates zu decken. 2016 hat das Land zahlreiche Projekte einfrieren müssen, so etwa den Bau einer Untergrund-Bahn in Riad. Das ist für alle Bewohner gut sichtbar und eine Schmach für das Königshaus. Große ausländische Baukonsortien konnten nicht mehr bezahlt werden, die Löhne der Arbeiter ohnehin nicht. Saudi-Arabien kam über die Runde, weil eine riesige Obligationen-Platzierung glückte. Das Königshaus hat eine Teil-Platzierung für den staatlichen Erdölkonzern Aramco in Aussicht gestellt, um zusätzlich zu Geld zu kommen. Die neue Führung will die Wirtschaft weg von der totalen Abhängigkeit vom Erdöl bringen und diversifizieren. Eine Diversifikation könnte vor allem der Tourismus bieten. Dazu braucht es aber zuerst hohe Investitionen. Für die Aramco-Platzierung braucht das Land höhere Preise. Die Situation ist, anders als in vielen anderen Produzentenländern, nicht aktuell gefährlich. Das Land hat immer noch riesige Devisenreserven.

Die Maßnahme bedeutet einen großen Erfolg für die US-Produzenten. Sie konnten seit Mitte des Jahres 2016 die Produktion mit der Erholung der Preise wieder herauffahren. Der designierte Präsident Trump hat dem Erdölsektor hohes Gewicht bei der Reindustrialisierung der Vereinigten Staaten zugeschrieben. Mit steuerlichen Maßnahmen, Förderrechten auf öffentlichem Grund und mit der generellen Förderung des Fracking will er die USA autark und sogar zum Netto-Erdölexporteur machen.

Was bedeutet das Signal der OPEC für die Märkte?

Im Dezember werden alle Länder nochmals einen möglichst hohen Ausstoß erzielen. Weil viele Produzentenländer die Einnahmen dringend benötigen, profitieren sie gerne von den erhöhten Preisen. Danach ist das Produzentenverhalten eine offene Sache. Vielfach sind von einzelnen Ländern die Quoten trotz präziser Abmachungen nicht eingehalten worden. Russland hat Absprachen nie als wirklich bindend verstanden. Geklärt werden soll in der ersten Hälfte Dezember, welche Quotenkürzungen die anderen Produzentenländer außerhalb der OPEC vornehmen werden.

Kurzfristig erfolgt ein starker Anstieg der Ölpreise. Diese sind gestern um rund 10% angestiegen, für die als Referenz dienende Sorte Brent auf über 50 Dollar per Barrel. Die starke Marktreaktion ergibt sich nicht nur aus der Abmachung, sondern auch aus der Marktpositionierung. Hedge-Funds und Produzenten hatten im Hinblick auf die Konferenz rekordhohe short- bzw. Absicherungs-Positionen eingegangen, da sie auf ein Scheitern der Gespräche gesetzt oder ein solches befürchtet hatten. Der Preisanstieg repräsentiert also ein klassisches Eindecken von Derivatpositionen, wenn viele Marktteilnehmer falsch positioniert sind.

Auf die nächsten Monate hinaus können die Preise ohne Weiteres in einer Bandbreite bis zu 60 Dollar pro Barrel ansteigen. Diesen Wert nachhaltig zu übersteigen dürfte schwierig sein, weil dann die amerikanischen Produzenten massiv und profitabel ihre Produktion ausdehnen könnten. Der Anstieg der Preise dürfte aber dafür sorgen, dass die amerikanischen ‚tight oil’ Produzenten schon bei Preisen zwischen 50 und 60 Dollar pro Barrel einen Teil der verkündeten Produktionskürzung durch die OPEC und Nicht-OPEC Produzenten kompensieren können.

Was dann geschieht, hängt von der Nachfrage- und Lagersituation ab. Die Wintermonate in der nördlichen Halbkugel sind die Periode hohen Erdölverbrauchs. Ist der Winter wieder sehr mild, wie das Klima seit mehreren Quartalen, könnte sich die angekündigte Produktionskürzung ohne Weiteres als ungenügend erweisen. Es ist durchaus vorstellbar, dass die Erdölpreise nur für wenige Wochen oder Monate ansteigen oder auf einem höheren Niveau verbleiben. Auch der starke Dollar und die steigenden Zinsen im Dollar begrenzen das Potential für höhere Erdölpreise.

Langfristig werden die Erdölpreise sinken oder unter Druck bleiben. Der Erfolg der unkonventionellen Förderung in den USA wird den Marktmechanismus nicht ausschalten. Wenn diese effektiv ihre Produktion wieder erheblich ausdehnen kann, müssen die Preise nachgeben, oder die OPEC ihre Förderung noch viel stärker einschränken.

Der Anstieg der Erdölpreise lindert den Druck auf die Schwellenländer zumindest vorübergehend. Der Fortsetzung der Aktien-Rallye zumindest in den Vereinigten Staaten dürfte von daher wenig entgegenstehen, um den Preis höherer Zinsen und eines weiter steigenden Dollars.

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