Institut für Weltwirtschaft: Inflation kehrt nach Deutschland zurück

Das Institut für Weltwirtschaft erwartet einen dauerhaften Anstieg der Preise in Deutschland. Die Ökonomen erwarten, dass es zum Ende der EZB-Zinspolitik zu schmerzhaften Korrekturen kommen wird.

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Bargeld schützt nicht vor Inflation. (Foto: dpa)

Bargeld schützt nicht vor Inflation. (Foto: dpa)

Die Entwicklung der TARGET-Salden. (Grafik: IfW)

Die Entwicklung der TARGET-Salden. (Grafik: IfW)

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Der deutschen Konsumenten müssen sich dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) zufolge auf wieder kräftiger steigende Preise einstellen. Die Inflationsrate werde sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr bei durchschnittlich 1,8 Prozent liegen, erklärten die Forscher am Donnerstag. Im vergangenen Jahr betrug sie lediglich 0,5 Prozent. „Die Inflation kehrt zurück“, sagte die Ökonomen laut Reuters. Hauptgrund dafür seien steigende Ölpreise, aber auch die gute Konjunktur.

Die höhere Teuerung nage an der Kaufkraft, die dadurch „spürbar geschmälert“ werde, erklärte das IfW. Der private Konsum werde deshalb nicht mehr so stark zum Wirtschaftswachstum beitragen wie zuletzt. „Dafür nimmt der Investitionsaufschwung jedoch wieder Fahrt auf“, erwartet das Institut. So sollten die Unternehmen wieder mehr Geld in Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen stecken. „Zudem dürften die Exporte mit der allmählichen Belebung der Weltkonjunktur wieder zunehmend den Aufschwung stützen.“

Die Ökonomen verweisen auf die Problematik der niedrigen Zinsen und auf das OMT-Programm der EZB und schreiben: „Mit den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank ging ein Anstieg der Target2-Salden auf ein neues Allzeithoch einher. Dies kann verschiedene Ursachen haben: zum einen sind die Verkäufer der aufgekauften Anleihen nicht gleichmäßig auf die Mitgliedsländer verteilt, sondern sind offenbar überproportional über die Bundesbank mit dem Eurosystem verbunden, so dass die ihnen zufließende Liquidität den deutschen Target-Saldo erhöht. Zweitens besteht wohl weiterhin eine unterschiedliche Risikoeinschätzung für die Finanzsysteme der einzelnen Euroländer: sofern die Akteure, die ihre Papiere an das Eurosystem verkaufen, erwarten, dass das im Gegenzug erhaltenen Zentralbankgeld in den Kernländern sicherer aufgehoben ist, werden sie ihre Einlagen in diese Länder verlagern. Drittens dürfte die derzeit übermäßige Liquiditätsversorgung den Abbau der Target-Positionen nicht begünstigen, denn eine Verlagerung von überschüssiger Liquidität per Interbankenkredit aus Überschussländern in die Bankensysteme der Länder mit TargetDefiziten ist angesichts der Liquiditätsflut nicht notwendig.“

Das Bruttoinlandsprodukte dürfte deshalb in diesem Jahr um 1,7 Prozent und 2018 sogar um 2,0 Prozent zulegen, bekräftigten die Experten ihre bisherigen Prognosen. 2016 betrug das Plus 1,9 Prozent. „Die deutsche Wirtschaft driftet nach und nach in die Hochkonjunktur“, sagte IfW-Experte Stefan Kooths. „Insgesamt gewinnt der Aufschwung zunehmend an Breite.“ Das macht sich auch in den Kassen der öffentlichen Haushalte bemerkbar. Sie dürften sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr Überschüsse von jeweils rund 20 Milliarden Euro einfahren, sagt das IfW voraus.

Die Analyse des IfW im Wortlaut:

Der Aufschwung Deutschlands geht mit reichlich Schwung in sein fünftes Jahr. Verschiedene Frühindikatoren zeigen deutlich nach oben, die Auftragsbücher der Industrie sind voll. Der BIP-Zuwachs dürfte im Jahr 2017 1,7 Prozent und im Jahr 2018 2,0 Prozent betragen. Treibende Kraft ist nicht mehr nur der Konsum, der an Dynamik verliert, sondern auch Exporte und Investitionen. Die Inflation dürfte bereits in diesem Jahr auf 1,8 Prozent steigen.

Da 2017 verhältnismäßig viele Feiertage auf einen Werktag fallen, wird die jährliche Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) mit einem Wert von 1,7 Prozent hinter der des Vorjahres zurückbleiben. Arbeitstäglich bereinigt erhöht sich die konjunkturelle Dynamik aber leicht. 2018 dürfte das BIP mit 2,0 Prozent zulegen. Dies geht aus der heute veröffentlichten Konjunkturprognose des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) bis 2018 hervor. „Insgesamt setzt sich die robuste Aufwärtsentwicklung fort, wobei die Expansionskräfte nun breiter angelegt sind. Die Normalauslastung der Produktionskapazitäten ist bereits erkennbar überschritten, und die deutsche Wirtschaft driftet nach und nach in die Hochkonjunktur“, sagte Stefan Kooths, Leiter des IfW-Prognosezentrums.

Konsum legt weniger stark zu als bislang, Exporte nehmen dagegen deutlich zu

Der Konsum legt mit 1,6 Prozent nicht mehr so stark zu wie bisher. Grund ist der Anstieg der Energiepreise, der Kaufkraft kostet, und das Auslaufen der Impulse seitens der öffentlichen Ausgaben für Flüchtlinge. Die realen Einkommen dürften nach Zuwächsen von 2,1 Prozent (2016) nur noch um 1,2 Prozent in diesem und um 1,4 Prozent im nächsten Jahr zulegen.

Dagegen werden die Exporte im Prognosezeitraum mit 3,7 Prozent im laufenden und knapp 5 Prozent im kommenden Jahr deutlich zulegen. Maßgeblich sind die lebhafte Konjunktur in den Vereinigten Staaten, die anhaltende Erholung im Euroraum sowie die sich nach und nach bessernden Aussichten in den Schwellenländern. Der Leistungsbilanzüberschuss dürfte sich in Relation zum Bruttoinlandsprodukt um einen Prozentpunkt auf 7,5 Prozent zurückbilden und den Grenzwert des europäischen Ungleichgewichteverfahrens weiterhin überschreiten.

„Die politischen Unsicherheiten rund um den Globus bleiben beträchtlich“, so Kooths. Die Gefahr eines Handelskonflikts zwischen der EU und den USA sehen die Forscher allerdings als eher gering an, da US-Unternehmen mit Direktinvestitionen im europäischen Binnenmarkt sehr hohe Umsätze von 2,5 Billionen US-Dollar erwirtschaften. „Auch US-Firmen haben also ein vitales Interesse daran, eine gravierende Störung der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen zu verhindern“, so Kooths.

Vor allem Bauinvestitionen steigen stark an

Auch die Investitionen dürften laut Prognose wieder deutlicher anziehen. Insgesamt legen vor allem die Bauinvestitionen stark zu, im laufenden Jahr wohl um knapp 2 Prozent und im kommenden Jahr mit mehr als 4 Prozent. „Das Niedrigzinsumfeld wirkt nach wie vor äußerst anregend, hinzu kommt ein Anstieg auch der öffentlichen Bauinvestitionen aufgrund der guten Kassenlage bei den öffentlichen Haushalten“, so Kooths. Auch die Käufe von Ausrüstungsgütern werden nach und nach ausgeweitet werden und sich bereits im laufenden Jahr deutlich beschleunigen. Im Jahresergebnis legen sie um 1,4 Prozent (2017) und 5 Prozent (2018) zu.

Inflation schon dieses Jahr nahe 2 Prozent

Die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten werden sich damit weiter anspannen, erwarten die Forscher. Die Produktionslücke steigt von 0,8 Prozent im vergangenen Jahr auf 1,1 Prozent (2017) und 1,7 Prozent (2018). Die Inflation dürfte in diesem und im kommenden Jahr deutlich höher sein als bislang. Der zuletzt sprunghafte Anstieg auf über 2 Prozent im Februar lässt sich durch Basiseffekte und den starken Anstieg des Ölpreises erklären. Rechnet man die Energiekomponente heraus, stieg die Inflationsrate im Januar um 1,5 Prozent gegenüber 1,2 Prozent für das Jahr 2016. Zwar lässt der Basiseffekt im Verlauf des Jahres nach, allerdings wird sich die zunehmende Anspannung der Produktionskapazitäten mehr und mehr bemerkbar machen und die Inflation somit dieses und kommendes Jahr auf jeweils 1,8 Prozent steigen.

„Die Europäische Zentralbank sollte heute ein klares Signal für ein baldiges Ende der ultraexpansiven Geldpolitik geben. Liquidität ist bereits überreichlich vorhanden, stattdessen trocknen die QE-Käufe die Wertpapiermärkte aus“, sagte Kooths. „Je länger die künstlich niedrigen Zinsen bestehen bleiben, umso mehr Verzerrungen entstehen, etwa am Immobilien- oder Anleihemarkt, und desto schmerzhafter wird eine spätere Korrektur.“

Euroraum: beschleunigte konjunkturelle Grundtendenz

Die konjunkturelle Erholung im Euroraum bleibt insgesamt moderat aber stabil, wenngleich es erste Hinweise für eine zusätzliche Belebung gibt, so die Forscher. Sie erwarten eine Zunahme des BIP um 1,8 Prozent (2017) und 1,7 Prozent (2018). „Verschiedene Stimmungsindikatoren haben sich in den vergangenen Monaten verbessert und deuten auf eine etwas beschleunigte konjunkturelle Grundtendenz hin. Viele Probleme im Euroraum sind aber weiterhin nicht-konjunktureller Natur“, so Kooths.

Weltkonjunktur: Aussicht auf Fiskalprogramme in den USA und starker Dollar beleben

Die Weltkonjunktur hat sich im Verlauf des Jahres 2016 trotz erhöhter politischer Unsicherheiten gefestigt und zu Beginn dieses Jahres nochmals beschleunigt. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften weckte die Wahl Donald Trumps neben Protektionismussorgen auch Hoffnungen auf kräftige wirtschaftspolitische Impulse aus den Vereinigten Staaten. In den Schwellenländern hat sich die Lage stabilisiert und für den Prognosezeitraum ist eine allmähliche Verstärkung der wirtschaftlichen Dynamik zu erwarten, so die Forscher.

„Ein kräftiger globaler Aufschwung ist angesichts nach wie vor bestehender vielfältiger struktureller Hemmnisse allerdings nicht zu erwarten, auch sind die Risiken einer bislang nicht hinreichend konkretisierten wirtschaftspolitischen Umorientierung in den Vereinigten Staaten erheblich“, sagte Kooths. Der Anstieg der Weltproduktion – gerechnet auf Basis von Kaufkraftparitäten – dürfte sich laut Prognose von 3,1 Prozent im vergangenen Jahr auf 3,5 Prozent in diesem Jahr und 3,6 Prozent im Jahr 2018 erhöhen.

Kommentar von Stefan Kooths zur aktuellen Prognose: „Nicht aus dem Vollen schöpfen“

„Die gute Konjunktur sollte nicht dazu verleiten, fiskalisch aus dem Vollen zu schöpfen und wichtige Reformen, die die Grundlage für Wohlstand und niedrige Arbeitslosigkeit sind, für obsolet zu erklären. Die Finanzpolitik wirkt bereits unnötig stimulierend auf die Konjunktur, und die Wunsch­liste für neue Staatsausgaben dürfte angesichts voller Kassen im Wahljahr noch länger werden. Stabilisierungspolitisch wäre hingegen Maßhalten das Gebot der Stunde.

Die bereits bestehenden längeren Leistungsbezüge für ältere Arbeitslose sind nicht nur im Sinne einer aktivierenden Arbeitsmarktpolitik kontraproduktiv, sondern sie durchbrechen zudem das Solidarprinzip des Versicherungsgedankens. Wer länger in die Krankenversicherung einzahlt, erwirbt auch keine Ansprüche auf bessere Behandlungsleistungen oder Beitragsrückerstattungen.

Auch das „Arbeitslosengeld Q“ ist kaum geeignet, die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland zu fördern. Qualifizierung ist zwar für die Produktivität der Arbeitskräfte wichtig, hierbei kommt es aber vor allem auf eine marktgerechte, möglichst präventiv wirkende betriebliche Weiterbildung an. Qualifizierung von Arbeitslosen kann ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt leisten, allerdings sind auch hier längere Bezugszeiten von Arbeitslosengeld I nicht förderlich. Der Anreiz für die Teilnahme an öffentlich finanzierten Qualifizierungsmaßnahmen sollten bessere Beschäftigungschancen sein, nicht aber die Aussicht auf eine Belohnung in Form längerer Arbeitslosengeldbezüge.“

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