Syrien: Neue Terror-Gruppen formieren sich, Russland warnt Europa

Die Lage in Syrien ist nach dem Durchbruch der Syrer bei Deir Ezzor noch lange nicht befriedet. In Idlib gruppiert sich die al-Nusra-Front neu. Die Entwicklung ist gefährlich für Russland und Europa.

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Der Angeklagte Nasser A. am 08.09.2017 vor Beginn der Verhandlung im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in Dresden. Er soll Mitglied der al-Nusra Front sein. (Foto: dpa)

Der Angeklagte Nasser A. am 08.09.2017 vor Beginn der Verhandlung im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in Dresden. Er soll Mitglied der al-Nusra Front sein. (Foto: dpa)

Die von Terror-Gruppen wie der HTS besetzten Gebiete in Idlib (dunkelgrün). (Grafik: WINEP)

Die von HTS besetzten Gebiete in Idlib (dunkelgrün). (Grafik: WINEP)

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Die Syrische Armee macht mit Unterstützung der russischen Luftwaffe rasche Geländegewinne, nachdem die Syrer den Belagerungsring um Deir Ezzor durchbrochen hatten. Der IS sei durch die jüngsten Militäraktivitäten quasi „enthauptet worden“, sagte ein russischer Militärsprecher am Freitag in Moskau. Auch die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA berichtet von signifikanten Geländegewinnen.

Unklar ist, was mit den Söldnern geschieht. Der russische Verteidigungsminister Sergej Lawrow sagte am Freitag in Moskau, Russland unterstütze den französischen Vorschlag, die Terroristen in Syrien zu besiegen. Wenn dies nicht geschehe, bestehe die Gefahr, dass die Söldner nach Europa oder Russland ziehen und dort eine Terror-Gefahr darstellen. Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian sagte nach Gesprächen mit Lawrow, dass die Gefahr bestehe, dass sich Söldner auch Syrien nach Europa durchschlagen könnten.

Bereits jetzt tauchen Söldner der Terror-Gruppen in deutschen Gerichtssälen auf.

Wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung muss sich seit Freitag ein 25 Jahre alter Syrer vor dem Oberlandesgericht Dresden verantworten. Er soll sich 2014 in seiner Heimat der islamistischen al-Nusra-Front, einem inzwischen umbenannten Ableger des Terrornetzwerkes Al Kaida, angeschlossen, gegen syrische Regierungstruppen gekämpft und an der Entführung von Journalisten mitgewirkt haben. Der Mann war im Herbst 2015 nach Deutschland gekommen, ist als Kleinkrimineller aufgefallen und sitzt seit Februar in Untersuchungshaft.

Ende Juli verurteilte der 3. Strafsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart einen 25-jährigen syrischen Staatsangehörigen wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung in neun Fällen zu der Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren. Der Mann hatte für die al-Nusra in Deir Ezzor gekämpft und war im Herbst 2015 nach Deutschland gekommen.

Der russische Staatssender Sputnik wiederholte am Freitag die Behauptung, dass ein Hubschrauber der US-Air Force Ende August einige Anführer des IS aus der Region Deir Ezzor evakuiert habe. Sputnik bezieht sich auf einen Bericht der in Großbritannien ansässigen Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), die am 27. August berichtet hatte, dass Hubschrauber der Anti-ISIS-Koalition eine Gruppe von europäischen ISIS-Kämpfern aus der Region Deir Ezzor evakuiert hätten. Bei den ISIS-Kämpfern könnte es sich um Agenten der Koalition handeln, die ISIS infiltriert hätten, so die SOHR. Die Aussagen der SOHR sind faktisch nicht nachzuprüfen, werden aber von unterschiedlichen Stellen immer wieder aufgegriffen und weiterverbreitet.

Die US-Regierung, die in Syrien mit den Russen kooperiert, wies den Bericht zurück. Pentagon-Sprecher Adrian Rankine-Galloway sagte zu dem Bericht der SOHR: „Ich verfüge über keinerlei Informationen, die diesen Bericht begründen könnten.“

Pentagon-Sprecher Eric Pahon sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten zu den Vorwürfen von Sputnik: „Dieser Bericht ist absolut absurd und nicht wahr. Die Koalition widmet sich der Vernichtung von ISIS sowohl im Irak als auch in Syrien“.

Tatsächlich müssen sich Russen, Syrer und Amerikaner vermutlich schon bald einem neuen Problem zuwenden: Die al-Kaida-Gruppe HTS sammelt gerade in Idlib ihre Kräfte, um sich neu zu gruppieren. Die al-Nusra war lange Zeit von Saudi-Arabien unterstützt worden. Seite US-Präsident Donald Trump den von der CIA ausgerüsteten Söldnern die Unterstützung gestrichen hat, versuchen die Verbände, in neuer Formation Zu Einsätzen zu gelangen.

Im Juli 2017 eroberte Hayat Tahrir al-Scham (HTS) die gesamte syrisch-türkische Grenze in der Provinz Idlib und die gleichnamige Provinzhauptstadt, so das Washington Institute for Near East Policy (WINEP) in einer Analyse. Die Gruppe vertrieb ihren ehemaligen Verbündeten Ahrar al-Scham (AS). HTS wurde am 28. Januar 2017 durch eine Fusion der Al-Nusra-Front und weiteren Söldner-Truppen gegründet. Zu diesen Fraktionen gehörten Harakat Nour al-Din al-Zinki, Jabhat Ansar al-Din, Liwa al-Haqq und Jaish al-Sunna.

Die Fusion mit AS gelang nicht, weil sich die Führung von AS nicht der Al-Nusra-Front unterstellen wollte. Als Folge dieser Konkurrenz schlossen sich Suqur al-Sham und al-Jabha al-Shamiya (Levant Front) sowie diverse Gruppen der Freien Syrischen Armee (FSA) AS an. Doch AS hat zu keinem Zeitpunkt die Schlagkraft von HTS erreichen können. Seit 2014 haben die verschiedenen syrischen Ableger von al-Qaida – wie HTS – die FSA-Söldner im nordwestlichen Syrien methodisch beseitigt, indem sie entweder ihre Mitglieder töteten oder diese übernahmen. In der Provinz Idlib wurde die FSA auf einige tausend Söldner reduziert.

Doch auch radikal-extremistische Söldner der Gruppe Jund al-Aqsa wurden von den syrischen al-Qaida-Ablegern angegriffen. Als Folge der Angriffe schlossen sich die Söldner von Jund al-Aqsa ISIS oder der Islamischen Bewegung Ost-Turkestan (TIP) an, die ein Verbündeter von HTS ist.

Der TIP umfasst mehrere tausend uigurische Kämpfer aus Xinjiang, die in Syrien kämpfen und mit ihren Familien zwischen Jisr al-Shughour und Ariha leben. Mittlerweile ist HTS die größte Söldner-Truppe in Syrien und Idlib. Von den etwa 30.000 HTS-Kämpfern in Syrien befinden sich etwa zwei Drittel in der Provinz Idlib. Aufgrund seiner militärischen Siege zieht HTS oft zusätzliche Rekruten an.

So schlossen sich im Juli 2017 Usud al-Islam (Lions of Islam) in der südöstlichen Provinz Idlib, Usud al-Maarat (Lions von Maarat) mit Sitz in Maarat al-Numan und eine Gruppe aus al-Dana, einer kleinen Stadt im nördlichen Idlib, HTS an. Darüber hinaus könnten bald 1.500 HTS-Kämpfer aus dem Libanon nach Idlib kommen. Die einzige Gruppe, die über eine militärische Schlagkraft verfügt und gleichzeitig eine Bedrohung für HTS werden könnte, ist Harakat Nour al-Din al-Zinki. Die Gruppe verkündete im Juli 2017, dass sie als von HTS unabhängige Gruppe agieren werde.

Für HTS sind die Flüchtlingslager der Binnenvertriebenen ideale Rekrutierungs-Zentren, in denen HTS das Elend und die Armut der Flüchtlinge ausbeuten kann. So rekrutierten die Dschihadisten für die Schlacht von Ramouseh im August 2016 tausende Jugendliche aus den Flüchtlingslagern. Diese dienten den Söldnern als „Kanonenfutter“.

Kein staatlicher Akteur, der in den Syrien-Konflikt involviert ist, möchte, dass Idlib zu einer Brutstätte von Dschihadisten wird. Die Türkei hatte zuvor angekündigt, in Idlib militärisch intervenieren zu wollen. Eine türkische Intervention würde zwangsläufig zu einer großen militärischen Auseinandersetzung zwischen HTS und der türkischen Armee führen. Doch auch der Iran, Syrien, Russland und die Anti-ISIS-Koalition wollen verhindern, dass HTS in Idlib seine Macht festigt.

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