Widerstand gegen Übernahme-Versuche aus China wächst

In Deutschland wächst der Widerstand gegen Übernahmen aus China. Das Volumen von Käufen und Beteiligungen hat sich verglichen mit dem Vorjahr deutlich verringert.

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Der Euro und der chinesische Yuan. Der Widerstand gegen die chinesischen Käufe wächst. (Foto: dpa)

Der Euro und der chinesische Yuan. (Foto: dpa)

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2016 war ganz zweifellos ein Rekordjahr für Käufe und Übernahmen chinesischer Unternehmen auf dem europäischen Kontinent und insbesondere in Deutschland. Im Fokus der Investoren aus Fernost standen Gesellschaften wie der Roboter-Hersteller Kuka und der Schweizer Rohstoffkonzern Syngenta. Insgesamt legten die Chinesen im vergangenen Jahr bei ihrer weltweiten Einkaufstour umgerechnet etwa 247 Milliarden US-Dollar auf den Tisch.

Im bisherigen Verlauf des Jahres 2017 hat sich die chinesische Shopping-Lust merklich abgekühlt. Nach Angaben der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) gab es im ersten Halbjahr 2017 für nur etwa 6,5 Milliarden US-Dollar Beteiligungen an oder Übernahmen von 25 deutschen Firmen. Verglichen mit dem ersten Halbjahr 2016 waren dies zehn Transaktionen und etwa vier Milliarden US-Dollar weniger.

Nach Einschätzung der Experten der Unternehmensberatung sind die Hintergründe sowohl in dem politischen Gegenwind in Deutschland als auch in den Versuchen der chinesischen Regierung zu suchen, die Kapitalflucht ins Ausland zu beschränken. Wie Alexander Kron, Leiter von EY für Unternehmensbeteiligungen im deutschen Sprachraum, konstatiert: „Die Shoppingtour chinesischer Firmen geht zwar weiter. Allerdings pendeln sich die Aktivitäten langsam wieder auf Normalmaß ein“.

In Deutschland gehörte zu den größten Deals des Jahres 2016 die 100-prozentige Übernahme von Kuka durch den chinesischen Haushaltsgeräte- und Klimaanlagenhersteller Midea Group, die einen Wert von 4,2 Milliarden Euro hatte. Für die chinesische Seite war der Augsburger Maschinenbauer wohl auch eine der wichtigsten Investitionen. Denn der Entwickler und Produzent von Industrierobotern Kuka passt perfekt in den langfristigen Entwicklungsplan der Volksrepublik, die die Bezeichnung „Made in China 2025“ trägt. Wie Daniel Koller von der Beratungsgesellschaft Ginkgo Tree erläutert: „Eines der Ziele dieser Initiative ist es, den chinesischen Markt bis 2020 mehrheitlich mit Industrierobotern aus eigener Herstellung auszurüsten, und was würde besser hierzu passen, als einen der führenden Roboterhersteller zu übernehmen.“

Damals hatte die Bundesregierung vergeblich versucht, die Übernahme von Kuka durch ein chinesisches Unternehmen zu verhindern, und gleichzeitig dafür geworben, dass sich deutsche Firmen beteiligen sollten. Die Wirtschaftspolitik betrachtete die Roboter-Technologie als Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts und daher wurde der Versuch unternommen, die Abwanderung zukunftsträchtigen Know Hows aus Deutschland nach China zu verhindern.

Bis Ende Oktober 2017 war die Marktkapitalisierung von Kuka auf 6,41 Milliarden Euro angestiegen. Allerdings ist der Streubesitz durch das Engagement der Chinesen auf 5,46 Prozent zusammengeschmolzen. An der Rentabilität und den weiterhin sehr guten Aussichten von Kuka hat sich indes wenig geändert. Bei dem Ergebnis pro Aktie erwartet das Management des Roboterherstellers einen Anstieg von 3,17 Euro (2017) auf 5,58 Euro (2020).

Bei den Übernahmen durch chinesische Investoren hat sich vor allem der staatliche Konzern ChemChina hervorgetan. Nach der Übernahme von Pirelli im Jahr 2015 im Volumen von 7,1 Milliarden Euro, schlug das wohl größte Chemieunternehmen aus dem Reich der Mitte 2016 bei dem Schweizer Marktführer für Pflanzenschutz Syngenta zu. Mit rund 29.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von etwa 13,5 Milliarden US-Dollar ist Syngenta der größte Konkurrent von Monsanto. Im Vorfeld hatten sich neben Monsanto auch DuPont und Bayer als mögliche Kooperationspartner ins Gespräch gebracht.

Die Übernahme von Syngenta durch ChemChina im Jahr 2016 in der Größenordnung von rund 43 Milliarden US-Dollar gilt als eine größten derartigen Transaktionen dieses Jahres auf dem gesamten Erdball. Aktuell weist Syngenta eine Marktkapitalisierung von 36,65 Milliarden Euro aus. Für 2017 erwartet die Konzernleitung einen Gewinn pro Aktie in Höhe von 9,98 Euro, was einer Dividendenrendite von 2,51 Prozent entspricht. Für das kommende Jahr rechnet das Management mit leicht verbesserten Daten.

Angesichts der erfolgreichen Übernahmen stellt sich die Frage, ob es der chinesischen Wirtschaftsinitiative gelingt, europäischen und insbesondere deutsche Unternehmensbereiche leerzukaufen. Diese Frage kann angesichts der zuletzt abnehmenden Aktivitäten in diesem Sektor wohl verneint werden. Dagegen sprechen auch die gescheiterten Übernahmeversuche so bekannter Gesellschaften wie Osram oder Aixtron.

Im Fall von Osram hatten sich Gewerkschaften und Politik Ende 2016 vehement gegen die feindliche Übernahme durch die chinesischen Investoren, namentlich San’an Optoelectronics und GSR Go Scale Capital, zur Wehr gesetzt. Die Betriebsräte von Osram erhielten ebenfalls Unterstützung vom damaligen Wirtschaftsminister Siegmar Gabriel. Noch mehr Aufmerksamkeit verursachte die vereitelte Übernahme des Aachener Maschinenbauers Aixtron. Hier schaltete sich sogar der ehemalige US-Präsident Barack Obama ein, der den Verkauf des Halbleiter-Zulieferers stoppte. Ihm ging es um nichts weniger als die nationale Sicherheit der USA. Immerhin produziert Aixtron auch heute noch Komponenten für das amerikanische Militär.

Trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse verfolgt die chinesische Regierung nach wie vor den Plan „Made in China 2025“. Aus diesem Grunde dürften weitere gezielte Übernahmeversuche in besonderen, für China strategisch wichtigen Sektoren folgen. Europäische und deutsche Gesellschaften beispielsweise aus den Bereichen Sensortechnik oder Automation stehen noch immer an der Weltspritze und befinden sich daher in der Zieloptik chinesischer Interessenten. Aus diesen Gründen gehen die Stuttgarter Unternehmensberater von EY nicht davon aus, dass chinesische Investoren auf lange Sicht das Interesse an Deutschland verlieren könnten.

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