Chaos bei Tesla: Volkswagen hat das Rennen noch nicht verloren

Im Kampf um die Zukunft des Automobils steht Volkswagen nicht automatisch auf der Verliererseite.

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Drei Topmanager haben innerhalb kurzer Zeit den Elektroautobauer Tesla verlassen. Die Abgänge fallen in eine Phase, in der das Unternehmen die Serienfertigung seiner Limousine Model3 nicht in den Griff bekommt.

Beim Elektroautobauer Tesla herrscht in der Führungsetage weiterhin eine starke Fluktuation. Wie Bloomberg meldet, haben Finanzvorstand Susan Repo, Chef-Controller Eric Branderiz sowie der globale Vertriebsleiter Jon McNeill das Unternehmen verlassen. Repo und McNeill wechselten zu anderen Unternehmen, Brandez ging aus persönlichen Gründen. Insgesamt haben in den letzten Jahren mehr als 50 hochrangige Mitarbeiter Tesla verlassen.

Firmenchef Elon Musk nannte die derzeitige Situation eine „Produktionshölle“. Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen benutzt im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten den Begriff „Chaos“. Tesla habe es auch nach Jahren nicht geschafft, „Stabilität“ in seine Produktion zu bekommen, es fehle an Systematik. Zu oft verfahre das 2003 gegründete Unternehmen nach dem Prinzip „Versuch macht klug“. So wechselten die Kalifornier nach Beschwerden über den Innenraum ihrer Fahrzeuge mitten im Produktzyklus den Zulieferer. Ein Zeichen von Flexibilität, aber auch von mangelnder Vorausplanung. Dudenhöffers Einschätzung: Tesla sei äußerst innovativ, vernachlässige aber grundlegende Prinzipien der Automobilproduktion.

Ein klassisches Unternehmen wie VW ist anders aufgestellt. Die Wolfsburger, die weltweit rund 100 Werke in Betrieb haben, seien „Experten für Industrialisierung“, so Dudenhöffer. Sie hätten ein ausgefeiltes Konzept, „wer wann was produziert“. Das Unternehmen unterhält ganze Abteilungen, die sich ausschließlich der Suche nach Fehlern und ihrer anschließenden Beseitigung widmen. Es verfügt über große Erfahrung in der Planung der Auslastung von Produktionskapazitäten sowie der Kalkulation anfallender Produktionskosten. Und es hat eine Belegschaft, die sich durch Erfahrung und langjährige Betriebszugehörigkeit auszeichnet. Bei Tesla hingegen herrscht in allen Unternehmensbereichen eine starke Fluktuation – zuletzt klagten Mitarbeiter über unerfahrene Kollegen in der Qualitätskontrolle.

Noch ist das Unternehmen aus Silicon Valley den etablierten Autoherstellern beim Bau von Elektroautos weit voraus. Experten beziffern den Wissensvorsprung auf rund fünf Jahre. Die Tesla-Batterien verfügen mit 400 bis 500 Kilometer über die höchste Reichweite. Sie sind außerdem langlebiger als die der Konkurrenz. Tesla-Kunden können Zusatzleistungen wie etwa eine höhere Motorleistung für einen begrenzten Zeitraum mobil auf die Software ihrer Wagen aufspielen lassen. Alle Tesla-Autos sind miteinander vernetzt, sodass relevante Informationen, beispielsweise die Änderung einer Straßenführung, von einem Wagen an alle anderen weitergegeben werden. Die von dem Unternehmen eingerichtete Lade-Infrastruktur auf Autobahn-Raststätten und in größeren Städten bezeichnet Stefan Bratzel vom Auto-Institut der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach als „sehr umfangreich“. In Forschung und Entwicklung investiert Tesla knapp 1,4 Milliarden Dollar im Jahr, was rund einem Achtel des Umsatzes entspricht.

VW will von 2018 bis 2024 etwa 34 Milliarden Euro in die Entwicklung seiner Elektro-Fahrzeuge stecken. Bis 2025 sollen die zwölf Marken, die zum Gesamtkonzern gehören, 50 verschiedene E-Modelle auf den Markt gebracht haben. Ab 2030 sollen alle 300 erhältlichen Modelle auch in der E-Version erhältlich sein. Derzeit wird der Standort Zwickau komplett auf den Bau von E-Autos umgestellt. Ab 2022 sollen insgesamt 16 Standorte E-Fahrzeuge produzieren. Vorstands-Chef Matthias Müller hat das Ziel ausgegeben, in naher Zukunft drei Millionen E-Autos pro Jahr zu produzieren.

Um an die notwendigen Batterien zu gelangen, ist VW Kooperationen mit Herstellern in Europa und China eingegangen. Bisher haben die Wolfsburger Aufträge in Höhe von 20 Milliarden Euro erteilt, unter anderem an Samsung sowie den chinesischen Hersteller Contemporary Amperex. Insgesamt soll das Auftragsvolumen für Batterien in den nächsten Jahren 50 Milliarden Euro betragen. Womöglich wird VW in Zukunft auch eigene Batterien herstellen. Im Werk Salzgitter wird derzeit die Forschung im Bereich Batteriezellen ausgebaut.

Teslas Problem heißt nicht zuletzt Elon Musk. Der 46-Jährige ist ein äußerst kreativer und innovativer Tüftler und Visionär. Er führt aber auch ein eisernes Regiment und trifft einsame Entscheidungen. So setzte er – gegen den Rat der Ingenieure – die Flügeltüren beim SUV Model X durch. Der erhielt dadurch ein rasanteres Aussehen, allerdings verzögerte sich seine Produktion um mehrere Monate und die Produktionskosten stiegen enorm. Auch VW gilt als Unternehmen mit einer vergleichsweise straffen Hierarchie. Der Vorstand muss bei seinen Entscheidungen jedoch viele unterschiedliche Interessen berücksichtigen, etwa die des mächtigen Betriebsrats.
Teslas Zukunft wird stark davon abhängen, ob es dem Unternehmen gelingt, seine Produktionsprobleme in den Griff zu bekommen. Noch profitieren die Kalifornier stark von ihrem Image als Innovationsschmiede der Superlative. Sollten die Probleme bei der Produktion des Model 3 jedoch anhalten, dürften die Investoren unruhig werden. Und nur von denen lebt Tesla – Gewinn gibt es keinen zu verzeichnen. 2017 belief sich der Verlust bei einem Umsatz von 11,8 Milliarden Dollar auf 2,24 Milliarden Dollar. Für die Autobauer aus Wolfsburg wird die Herausforderung in erster Linie darin bestehen, die Elektromobilität als Leitgedanken in den Köpfen zu verankern und den Wandel im Unternehmen zu beschleunigen.