Studie: Bürger, Politik und Wirtschaft sind nicht auf den demografischen Wandel vorbereitet

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25.08.2019 17:44
Die DZ Bank untersucht in einer Studie die Auswirkungen der Alterung der Gesellschaft. Diese werde das wirtschaftlich-soziale Gefüge des Landes ins Wanken bringen.
Studie: Bürger, Politik und Wirtschaft sind nicht auf den demografischen Wandel vorbereitet
Figuren von Menschen in verschiedenem Alter sind an dem Gebäude des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Berlin auf eine Scheibe aufgeklebt. (Foto: dpa)

Die DZ Bank, das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken, schreibt in einer Medienmitteilung:

Der demografische Wandel wirkt sich gravierend auf den Arbeitsmarkt, das Sozialsystem und den Wohnungsmarkt in Deutschland aus – ohne, dass Regierung, Wirtschaft und Bürger ausreichende Vorsorge getroffen hätten. In einer heute vorgestellten Studie beleuchten die Experten des DZ BANK Research die Brisanz des Altersstrukturwandels. Im Fokus stehen Lösungsansätze wie eine verpflichtende Altersvorsorge und Initiativen für bedarfsgerechten Wohnungsbau sowie die Effekte der Automatisierung der Arbeit.

Die deutsche Bevölkerung altert – und schrumpft: Bis 2060 dürfte die Einwohnerzahl um rund 5 Mio. Personen auf 78,2 Mio. sinken. Kommen heute noch 31 Menschen im Rentenalter auf 100 Menschen im Erwerbstätigenalter, werden es 2060 über 50 sein. Den stärksten Schub erfährt der Altersstrukturwandel bereits in rund zehn Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen. Daraus ergeben sich enorme wirtschaftlich-gesellschaftliche Herausforderungen wie steigender Fachkräftemangel, ein sinkendes Rentenniveau sowie höherer Druck auf den bereits heute knappen Wohnraum in Ballungszentren.

„Bisherige Reformschritte, wie die Riester-Rente oder die Rente mit 67, greifen angesichts der rasant alternden Gesellschaft zu kurz. Stattdessen braucht Deutschland strukturelle Konzepte, um die Folgen der Überalterung abzufedern. Wir müssen die steigenden Lasten für Unternehmen und Bürger entschlossen anpacken, und dürfen sie nicht einfach auf die nachfolgenden Generationen schieben“, so Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ BANK.

Arbeitsmarkt: Löst die Digitalisierung den Fachkräftemangel?

Trotz des späteren Renteneintritts stehen künftig immer mehr Menschen im Rentenalter immer weniger Erwerbstätigen gegenüber. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell niedrig bei 5,0 Prozent, doch die Zahl offener Stellen beläuft sich im ersten Quartal auf fast 1,4 Millionen. Besonders mittelständische Unternehmen sorgen sich wegen fehlenden Personals. In unserer jüngsten Mittelstandsumfrage nannten über 80 Prozent der befragten Unternehmen den Fachkräftemangel als Problem. Hoher Bedarf herrscht besonders im Transportbereich, dem Baugewerbe oder der Pflege – wiederum Branchen, die für die Bewältigung der demografischen Herausforderungen essentiell sind.

Die Digitalisierung und Automatisierung wecken die Hoffnung, den Fachkräftemangel zu lindern, denn neue Technologien können Arbeit produktiver gestalten. Längst werden Fertigungsschritte in Fabriken durch Roboter getätigt, die künftig noch „intelligenter“ werden und mehr Tätigkeiten übernehmen sollen. Gerade in Berufen, in denen Personalmangel herrscht, dürfte sich die Entwicklung neuer Automatisierungstechnologien lohnen. Diese stoßen jedoch auch an Grenzen. „Personalmangel wird sich durch Technik allein nicht lösen lassen“, so Bielmeier. Vielmehr wird sich die Arbeitskräftenachfrage mit den neuen technischen Möglichkeiten verändern: Standardisierte Arbeiten können künftig automatisiert erfolgen. Die völlige Automatisierung von Berufen wird aber die Ausnahme bleiben. Vor allem in der Pflege und in sogenannten „MINT“-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) dürfte sich der bestehende Mangel sogar verschärfen.

Den DZ BANK-Ökonomen zufolge versuchen Unternehmen Fachkräfte zu werben und zu halten, indem sie ihnen höhere Flexibilität, familienfreundliche Bedingungen und Bildungsmöglichkeiten anbieten. Auch das von der Bundesregierung beschlossene Fachkräfteeinwanderungsgesetz sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, um das Angebot an Arbeitskräften auszuweiten.

Soziale Sicherung: Brauchen wir eine verpflichtende private Altersvorsorge?

Bis zum Jahr 2025 steigt die Zahl der Personen über 67 Jahren um 7,5 Prozent. Doch die Herausforderungen treten erst danach auf – im Jahr 2035 wird die Gruppe der über 67-Jährigen um ganze 29,7 Prozent gewachsen sein. „Die jüngste Rentenreform, deren Ziele auf 2025 ausgerichtet sind, greift angesichts dieses sprunghaften Anstiegs mit dem Renteneintritt der Babyboomer zu kurz“, so Bielmeier. „Konzepte wie die Mütterrente oder die bedingungslose Grundrente schaffen nur Anspruch auf Rentenleistungen, klären aber nicht die Frage, wer zahlen soll und kann.“

Mit der wachsenden Altersvorsorgelücke bei vielen Bürgern ergeben sich den Research-Experten zufolge ähnlichen Probleme wie bei der Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland. Angesichts der sich zuspitzenden Lage erscheint daher eine Pflicht zur Vorsorge sinnvoll – ab bestimmten Einkommensgrenzen und bei maßvoll angesetzten Vorsorgeniveau. „Die Bürger dürfen nicht gezwungen werden, für eine Luxus-Rente zu sparen. Ziel sollte sein, einen würdigen Lebensstandard im Alter zu sichern“, erklärt DZ BANK-Ökonom Michael Stappel. Idealerweise beginnen die Bürger möglichst früh mit einer kapitalgedeckten Altersvorsorge und achten dabei auf eine ausgewogene Portfoliostruktur der Anlagemittel.

Wohnungsmarkt: Entspannt sich der Wohnungsmangel durch den Bevölkerungsrückgang?

Expertenschätzungen zufolge werden jährlich rund 400.000 neue Wohnungen in Deutschland benötigt. 2018 wurden jedoch nur 286.000 fertiggestellt. Man könnte annehmen, die sinkende Bevölkerungszahl – 2060 leben etwa 5 Mio. weniger Menschen in Deutschland als heute – sollte diese Wohnungsknappheit auf lange Sicht lindern. Laut dem DZ BANK-Research ist das Gegenteil wahrscheinlich: In einer alternden Gesellschaft verändern sich auch die Wohnbedürfnisse. Die Zahl der kleinen (Senioren-)Haushalte steigt ebenso wie der Pro-Kopf-Flächenbedarf. Zudem erhöht die Urbanisierung den Druck in Ballungsräumen.

„Die Mietpreisbremse oder der Mietendeckel lösen das Problem des fehlenden Wohnraums nicht, sondern schrecken eher Investoren ab und verursachen Investitions- und Sanierungsstau“, erläutert Stappel. Stattdessen gilt es, den Bau neuer Wohnungen anzukurbeln, indem Bauvorschriften entrümpelt, öffentlicher Baugrund zur Verfügung gestellt und Baugebiete nachverdichtet werden.

 



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