Politik

Löhne steigen in China um 100 Prozent und sinken in Europa

Lesezeit: 5 min
10.03.2017 23:02
Die Löhne in China und in Indien steigen, während sie in Südeuropa sinken. Die Folge: Die Preise werden weltweit steigen. Damit steigt der Druck auf die EU. Investitionen gehen nämlich in Länder mit niedriger Steuerlast.
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Der jüngste Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zeigt eine dramatische Entwicklung auf: In den vergangenen Jahren sind die Löhne in China um 100 Prozent angestiegen, in Indien um 60 Prozent, in den anderen Billiglohnländern um 20 bis 40 Prozent. Die Löhne in China nähern sich dem Niveau, das in den schwächeren europäischen Volkswirtschaften üblich ist: Dies gilt nicht nur für die ehemals kommunistischen Staaten in Osteuropa. Portugal und in besonders großem Ausmaß Griechenland haben in den vergangenen Jahren einen dramatischen Rückgang der Reallöhne hinnehmen müssen. Zur Illustration: Der Stundenlohn in China ist von 1,10 auf 3,35 Euro angestiegen, der Vergleichswert in Portugal ist von 5,90 auf 4,20 gesunken.

Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass die Löhne in vielen Regionen Südamerikas heute niedriger sind als in China.

Die Konsequenz: Die Lage verändert sich grundlegend. Die Auslagerung von Produktionen in Billiglohnländer wird immer weniger attraktiv. Die „billigen“ Länder werden immer teurer. Die Preise steigen weltweit und sorgen für dramatische Veränderungen.

Auch im Niedrigstlohnland Myanmar tobt eine Protestwelle

Allerdings: Es gibt noch immer Länder, in denen extrem niedrige Löhne gezahlt werden. Eines dieser Länder ist Myanmar, auch als Birma oder Burma bekannt. In Rangun, dem industriellen Zentrum von Myanmar, begann vor kurzem eine Protestwelle, weil die Arbeiter, vorwiegend Frauen, die geringe Bezahlung nicht mehr akzeptieren. Der Monatslohn liegt bei etwa 60 Euro, womit auch in Myanmar der Lebensunterhalt nicht zu finanzieren ist. Der gesetzliche Mindestlohn beträgt etwa 2,50 Euro pro Tag, gefordert wird eine Anhebung auf rund 3,85 Euro. Die tägliche Arbeitszeit liegt bei 14 Stunden an sechs Tagen in der Woche. Der nun ausgebrochene Konflikt entzündete sich an der Weigerung einer Fabriksleitung, die über die Normalarbeitszeit hinaus geleisteten Überstunden zu bezahlen.

Die Fabrik produziert für die Textilkette H&M, wie die meisten der 400 Produktionsstätten internationale Firmen beliefern. H&M, wie alle Unternehmen mit extrem günstigen Preisen, ist in den vergangenen Jahren unter Druck geraten: Man konnte angesichts der gestiegenen Löhne in einigen Entwicklungsländern die Preise nicht halten. Die Waren wurden merklich teurer. Die Folge: Die Ketten machten sich auf die Suche nach Ländern, in denen noch billig zu produzieren war. Die Zahl wird immer kleiner. Myanmar ist mit 60 Euro Monatslohn noch besonders attraktiv, in Kambodscha herrschen ähnliche Verhältnisse, für Vietnam weist die ILO aber bereits einen Monatslohn von 190 Euro aus, somit 7,90 Euro pro Tag.

Die Rahmenbedingungen ändern sich laufend und rasch

In bereits absehbarer Zeit wird es kein Land mehr geben, in dem noch zu minimalen Löhnen produziert werden kann. Die Konsequenzen für die Weltwirtschaft sind dramatisch. Zu beachten sind aber die Variablen:

- Noch sind die Löhne in allen Entwicklungsländern deutlich niedriger als in den Industriestaaten. Dies gilt auch für China, trotz der spektakulären Steigerung. Somit befindet sich die Weltwirtschaft in einer Übergangsphase.

- Der Erfolg der aufstrebenden Länder sorgt für einen Aufwertungsdruck, der die Waren zusätzlich verteuert. Die Staaten versuchen die Währungskurse niedrig zu halten, um die Exporte zu erleichtern.

- Der höhere Entwicklungsgrad lässt den Bedarf an Infrastruktur und an Sozialleistungen steigen. Höhere Steuern und Abgaben sind die Folge, die ebenfalls die Preise in die Höhe treiben. Aber: Die Staatsquoten sind noch weit von dem Niveau entfernt, das in Europa üblich ist.

Die erste Konsequenz: Weltweit steigen die Preise

Die Produktion von Textilien, Elektronik und verschiedenen, sonstigen Konsumgütern in den Billiglohnländern hat in den Industriestaaten die Preise seit über dreißig Jahren künstlich niedrig gehalten. Diese Rente geht nun Schritt für Schritt verloren. Die unvermeidliche Folge ist ein Anstieg der Preise weltweit.

Unweigerlich sinkt die Kaufkraft der Privathaushalte, wodurch mehrere Effekte entstehen:

- Ein geringeres verfügbares Nettoeinkommen bedeutet eine Konsum- und somit eine Wirtschaftsbremse, die alle Bereiche trifft.

- Der Druck der Arbeitnehmer auf die Betriebe, die Löhne anzuheben, steigt unweigerlich.

- Höhere Löhne müssen in den Preisen untergebracht werden, sodass eine weitere Belastung des Konsums eintritt.

- Die Firmen reduzieren, um die Kosten in den Griff zu bekommen, die Belegschaften.

- Die Zahl der Arbeitslosen steigt, die Wirtschaft wird zusätzlich geschwächt, die Spirale dreht sich nach unten.

Für die EU bedeutet die Entwicklung eine Herausforderung

Es wird vor allem eng für Länder, die eine hohe Steuerquote aufweisen. Wenn, wie in der EU, der Staat etwa 50 Prozent der Wertschöpfung für sich in Anspruch nimmt, bleibt den Privathaushalten von vornherein nur die Hälfte der Einkommen netto zur Verfügung. Unter diesen Umständen ist naturgemäß die Kaufkraft-Stützung durch billige Waren aus den Entwicklungsländern von größter Bedeutung. In Ländern, in denen der Staat nur zwischen 30 und 40 Prozent der Einkommen kassiert wie in den USA, in Japan oder der Schweiz sind die Auswirkungen auch nicht zu unterschätzen, aber weniger dramatisch. Die hohen Steuern und Abgaben erweisen sich nicht nur als Konsumbremse, sie erschweren die Investitionstätigkeit der Unternehmen und somit die Möglichkeit, die ständig wachsenden Herausforderungen durch immer effizientere Produktionen und Innovationen zu bewältigen.

Die EU-Staaten müssen zur Kenntnis nehmen: Wenn die Ausgaben der öffentlichen Hände und der Sozialversicherungen nicht drastisch reduziert werden, haben die Privathaushalte keinen Spielraum um die unvermeidliche Teuerungswelle zu verkraften und die Betriebe geringere Chancen im Wettbewerb zu bestehen. Die Folge wäre eine extreme Belastung der ohnehin unter Wachstumsschwäche leidenden Wirtschaft. Leider muss man angesichts der praktizierten Politik befürchten, dass Europa in diese Falle stolpert.

Die widersprüchlichen Folgen der Globalisierung

Die Globalisierung hat in den vergangenen dreißig Jahren mehrere Veränderungen ausgelöst:

- Viele Produktionen wurden aus den traditionellen Industriestaaten in Billiglohnländer verlagert. Dieser Transfer bedeutete eine Vernichtung von Arbeitsplätzen.

- Unternehmen, die sich der Entwicklung gestellt haben, konzentrierten sich auf die Herstellung hochwertiger Produkte, für die hohe Preise gezahlt werden, die auch die Lohnkosten in Industriestaaten decken.

- Mit dieser Geschäftspolitik wurde eine enorme Wettbewerbsfähigkeit erreicht. Ländern, in denen diese Herausforderungen breit angenommen wurden, wie etwa Deutschland und Österreich, hat die Globalisierung sogar genützt.

- Firmen, Staaten, Regionen, die traditionelle Strukturen aufrechterhalten haben, sind gescheitert.

- Gewinner der Globalisierung waren die Entwicklungsländer: In diesen Regionen wurde eine Industrie aufgebaut, die nun die Basis für erfolgreiche Volkswirtschaften bildet.

- Diese Volkswirtschaften sind heute nicht mehr nur kostengünstige Werkstätten, sondern attraktive und kaufkräftige Märkte. Die Belastungen der Industriestaaten erweisen sich nun als Investitionen in die Schaffung eines großen, globalen Marktes, der allen Chancen bietet.

- Heute macht der Anstieg der Lohnkosten in China die Verlagerung von Fabriken in Länder mit geringeren Löhnen zum Thema. Nur ist China ein so attraktiver Markt, der zudem von der Politik gegenüber Importe abgeschottet wird, dass die Produktion im Land weiter attraktiv bleibt. Eine ähnliche Entwicklung ist auch in den anderen Entwicklungsländern absehbar.

Besonderheiten in China

Derzeit wird in China ein großes, öffentliches Programm zur Förderung des Einsatzes von Robotern in den Unternehmen durchgeführt. Das ehemalige Billiglohnland unternimmt alle Anstrengungen um die Kosten durch Automation zu senken.

Dabei geht es nicht allein um die Wettbewerbsfähigkeit. Im Gefolge der lange betriebenen Ein-Kind-Politik fehlt es nun an Nachwuchs. In diesem Sinne fordert auch die Regierung neuerdings die Bevölkerung auf, doch für einen Baby-Boom zu sorgen.

Trumps Anti-Globalisierungskampagne kommt zur Unzeit

Der neue Präsident der USA, Donald Trump, profiliert sich als Bekämpfer der Globalisierung und verlangt, dass die Unternehmen Produktionen aus den Billiglohnländern in die USA verlagern. Betrieben, die diese Forderung nicht erfüllen, sollen Strafsteuern aufgebürdet werden.

Diese Politik wäre vor dreißig Jahren verständlich gewesen, als die Abwanderung der Betriebe in die Billiglohnländer begann. Die Bekämpfung der Globalisierung wäre auch damals falsch gewesen, weil sie den Aufbau einer globalen Wirtschaft verhindert hätte, die nun allen bisher ungeahnte Chancen eröffnet. Jetzt, da sich die Relationen einzuspielen beginnen, ist jeder Eingriff in den Markt nur störend und bremsend.

Derzeit zeichnet sich das Entstehen einer weltweit vergleichbaren Kostenstruktur ab. Noch ist es nicht so weit, aber in absehbarer Zeit wird man überall auf der Welt unter vergleichbaren Bedingungen produzieren können. Somit werden die Unternehmen bei der Entscheidung über die Errichtung von Fabriken das Zusammenwirken aller entscheidenden Faktoren berücksichtigen: Lohnkosten, Qualifikationen der Mitarbeiter, Nähe zu den Märkten und Transportkosten, Steuern, Umweltaspekte und sonstige Punkte bis hin zur Frage, ob die Standorte für Manager und Spitzenkräfte eine attraktive Lebensqualität bieten.

Wie Europa dringend gefordert ist, die Steuerlast zu reduzieren, um den Kontinent attraktiv zu machen, müssten die USA ihr Land für die nun tatsächlich globale Wirtschaft öffnen. Mit über 320 Millionen Einwohnern sind die USA der interessanteste Markt weltweit, zu dem Menschen und Unternehmen von sich aus streben. Die USA haben somit in der globalisierten Welt die größten Assets. Mit Protektionismus, Exportbegünstigungen und Importbeschränkungen, Schikanen an den Grenzen, Abschiebungen von Mexikanern, die zu günstigen Bedingungen arbeiten wollen, und die Verweigerung von Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen sogar für internationale Spitzenkräfte in Silicon Valley vertreiben die USA die Menschen und die eigenen Chancen.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF. 

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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