Politik

Nachdenklicher Brief eines Abgeordneten zur Beleuchtung des Brandenburger Tors

Lesezeit: 1 min
04.04.2017 18:21
Der linke Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko hat einen Offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister von Berlin geschrieben, aus dem man viel über die deutsch-russische Geschichte und Gegenwart lernen kann.
Nachdenklicher Brief eines Abgeordneten zur Beleuchtung des Brandenburger Tors

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

[vzaar id="9781386" width="600" height="338"]

Offener Brief an den Regierenden Bürgermeister von Berlin

Berlin, 04.04.2017

Sehr geehrter Herr Müller,

am 3. April hat ein Anschlag in einem Zug der Metrolinie 2 in Sankt Petersburg mindestens 14 Menschen in den Tod gerissen und zahlreiche verletzt. Ich verurteile diese abscheuliche Tat aufs Schärfste und spreche den überlebenden Opfern sowie den Angehörigen der Toten mein Mitgefühl und Beileid aus.

Verschiedene Terroranschläge haben im letzten Jahr dazu geführt, dass das Brandenburger Tor in den jeweiligen Nationalfarben des betroffenen Landes angestrahlt wurde, bzw. im Fall des Anschlags auf einen Nachtclub in Orlando (USA) in Regenbogenfarben.

Unabhängig von der Debatte darüber, welche Form des Gedenkens angemessen ist, halte ich Bekundungen des Mitgefühls mit den Opfern derartiger Anschläge grundsätzlich für wichtig und richtig. Zugleich habe ich schon zuvor kritisiert, dass durch die selektive Beleuchtung nach manchen Anschlägen – und nach anderen nicht – eine Hierarchisierung der Opfer entsteht. Die meisten Leidtragenden vor allem in nichteuropäischen Staaten kommen in dieser Form des Gedenkens genauso wenig vor, wie die zivilen Opfer westlicher Militärinterventionen.

Auch anlässlich des Anschlags in Sankt Petersburg wurde das Brandenburger Tor nicht speziell beleuchtet. Medienberichten zufolge haben Sie veranlasst, dass dies nur noch geschehen solle, wenn Anschläge in Städten stattfinden, die Städtepartnerschaften mit Berlin unterhalten. In den Fällen von Orlando und Jerusalem hingegen sei gegen diese Regel verstoßen worden, weil zu diesen Städten „besondere Beziehungen“ bestünden.

Ich verstehe, dass angesichts des Ausmaßes des Leides in der Welt nur schwer aller Opfer gedacht werden kann. Dass vor dem Hintergrund der angeschlagenen deutsch-russischen Beziehungen und der Geschichte dieser Stadt aber ausgerechnet Sankt Petersburg ausgeklammert wird, hat für mich einen bitteren Beigeschmack. Begründet die Leningrader Blockade zwischen 1941 und 1944 keine ausreichend „besondere“ Beziehung zu dieser Stadt? Mehr als eine Million Menschen fielen diesem deutschen Kriegsverbrechen zum Opfer.

Es scheint mir in dieser Frage politisches und menschliches Fingerspitzengefühl notwendig. Ich möchte Sie von daher bitten, Ihre Entscheidung zu überdenken und den Opfern und Angehörigen von Sankt Petersburg entgegenzukommen, indem das Brandenburger Tor ein letztes Mal zum Gedenken beleuchtet wird.

Um formellen Erwiderungen vorwegzugreifen: Auch wenn keine Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Sankt Petersburg besteht, so gibt es sehr wohl eine solche zwischen Berlin-Mitte und dem Petrogradskij Rajon, einem Stadtteil Sankt Petersburg, der nicht weit vom Anschlagsort entfernt ist.

Mit freundlichen Grüßen

Andrej Hunko

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland Brandbrief an Merkel: Deutschland spielt mit dem Verlust seiner mittelständischen Basis

Vertreter des Mittelstands warnen in einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Merkel vor einer mutwilligen Zerstörung der wirtschaftlichen...

DWN
Politik
Politik 2021: Jahr der Wahlen - oder der Wählertäuschungen?

2021 ist das Jahr der großen Wahlen. Doch eigentlich ist es egal, für wen sich die Wähler entscheiden, schreibt DWN-Gastautor Henrik...

DWN
Deutschland
Deutschland Flugsicherung läuft gegen geplante Abtretung von Teilen des deutschen Luftraums Sturm

Die Deutsche Flugsicherung sowie die Gewerkschaft der Flugsicherung laufen gegen Pläne der Beratungsgesellschaft Deloitte Sturm.

DWN
Politik
Politik Jens Spahn: Ein Mann und seine Abenteuer

Die bisherige Karriere von Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn ist aufregend verlaufen. Die DWN zeichnen die wichtigsten Stationen...

DWN
Politik
Politik Corona-Überraschung: Funktionär der Kommunistischen Partei China ist Mitglied der Leopoldina

Ein Top-Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas ist seit Juli 2020 auch Mitglied der Leopoldina, die die Bundesregierung in der...

DWN
Finanzen
Finanzen Höhere Inflation im Anmarsch - ein gutes Omen für Gold

Während viele andere Geldanlagen zuletzt starke Gewinne verzeichneten, zeigte Gold eine auffällige Schwäche. Doch dies dürfte sich nun...

DWN
Politik
Politik Russen glauben mehrheitlich, das Corona-Virus sei eine von Menschen geschaffene Biowaffe

Eine repräsentative Umfrage hat ergeben, dass zwei Drittel der Russen glauben, das Virus sei eine Biowaffe, und zwei Drittel sich nicht...

DWN
Finanzen
Finanzen Bremer Greensill-Bank in Schieflage, Bafin schickt Sonderbeauftragten

Die Bremer Greensill-Bank ist in Turbulenzen geraten. Das Geldhaus gehört zu einem britisch-australischen Konzern, der seinerseits derzeit...