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Proteste gegen Stellenabbau bei Siemens-Hauptversammlung

Lesezeit: 3 min
31.01.2018 11:00
Im Zuge der Hauptversammlung von Siemens kam es zu Protesten gegen den geplanten Stellenabbau.
Proteste gegen Stellenabbau bei Siemens-Hauptversammlung

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Im Zuge der Hauptversammlung demonstrieren Siemens-Beschäftigte gegen den Stellenabbau in der Kraftwerks-Sparte. Rund 250 Demonstranten aus Erfurt, Offenbach und anderen von der Schließung bedrohten Werken säumten den Weg zur Olympiahalle und forderten auf Plakaten „Mensch vor Marge“ und „Mit Siemens spekuliert man nicht!“.

„Wir haben die Gewinne hier erwirtschaftet. Durch uns ist Siemens stark geworden“, sagt Michael Basner aus Berlin. „Da ist es unverschämt, dann zu den Mitarbeitern zu sagen, die sollen gehen. Nur weil sie noch mehr Gewinn machen wollen“, ergänzt Petra Lagler aus Erlangen. Kai Höfchen sagt, er sei mit dem Fahrrad aus Görlitz nach München gekommen, um Konzernchef Joe Kaeser die Sorgen der Belegschaft zu übermitteln: „Wir hoffen auf ihn, ganz einfach.“

Während Mitarbeiter vor der Halle in München und in Frankfurt demonstrierten, äußerten Anteilseigner Verständnis.

„Siemens hat sich geändert, die Zeiten haben sich geändert“, sagte Daniela Bergdolt von der Aktionärsvereinigung DSW. Früher habe der Konzern Probleme oft ausgesessen und zu spät reagiert. Diesmal sei das anders. Gerhard Cromme, der am Mittwoch nach elf Jahren als Aufsichtsratschef ausschied, mahnte: „Siemens darf nie wieder einen Paradigmenwechsel verpassen.“

Dem Werk im ostsächsischen Görlitz will Kaeser aber eine neue Perspektive eröffnen – unter dem Dach von Siemens als Teil eines „Industriekonzepts Oberlausitz“. „Da werden wir in Gottes Namen für diese 600 bis 700 Leute eine Perspektive finden“, sagte er am Rande des Aktionärstreffens. Personalchefin Janina Kugel sagte, die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern sollten bis zum Spätsommer abgeschlossen sein. Niemand habe ein Interesse, dass sie sich länger hinzögen als nötig. Kaeser empfing vor der Versammlung Beschäftigte aus Görlitz, die gegen die Schließung protestierten. Einige waren die mehr als 500 Kilometer lange Strecke nach München mit dem Fahrrad gefahren. „Das ist auch wie so ein Todesstoß für unsere Region“, sagte Heiko Haberl aus Görlitz. „Und das ist schon hart.“

Petra Lagler aus Erlangen bezeichnete den Stellenabbau als „unverschämt – nur weil sie noch mehr Gewinn machen wollen“. DSW-Vertreterin Bergdolt forderte Siemens auf, Alternativen zu finden. Fondsmanager Marcus Poppe von der DWS begrüßte die Pläne: „Von Siemens zu verlangen, langfristig Verluste mit Gewinnen aus anderen Konzernbereichen auszugleichen, ist keine nachhaltige Lösung.“ Siemens müsse aber mit den Mitarbeitern fair umgehen. „Überzogene Gewinnerwartungen an die Sparte sind daher genauso falsch wie der Versuch Einzelner, politisches Kapital aus dem Schicksal der Betroffenen zu schlagen.“

Siemens-Chef Joe Kaeser hat den geplanten Abbau von 6.900 Stellen bei dem Münchner Industriekonzern verteidigt. Der Gewinneinbruch in der Kraftwerks-Sparte Power & Gas zeige, dass der Handlungsbedarf „notwendig ist, ja sogar dringlicher geworden ist“, sagte Kaeser am Mittwoch vor der Hauptversammlung in München. Der Umsatz in der Sparte war im ersten Quartal um 20 Prozent, der operative Gewinn sogar um die Hälfte eingebrochen.

Der Einbruch im Markt für konventionelle Kraftwerke, für die Siemens große Gas- und Dampfturbinen liefert, sei laut Kaeser nicht nur eine vorübergehende Eintrübung.

„Behauptungen, dass unsere Werke in Offenbach, Erfurt, Mülheim oder auch Görlitz voll ausgelastet und sogar profitabel seien, sind ein Mythos oder Stimmen aus der Vergangenheit“, sagte Kaeser. „Mit der Realität heute haben sie jedenfalls nichts zu tun.“

Görlitz und Leipzig sollen geschlossen, Erfurt nach Möglichkeit verkauft werden.

Personalvorstand Janina Kugel sagte, die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern über den Stellenabbau hätten inzwischen begonnen. „Wir befinden uns damit in einem geordneten Prozess, der auf eine gute Einigung hoffen lässt“, sagte sie. Zum Stand der Gespräche wollte sie sich nicht äußern.

Das Ergebnis aus dem industriellen Geschäft bei Siemens war im ersten Quartal (zum 31. Dezember) des Geschäftsjahres 2017/18 um 14 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro gesunken, teilte der Industriekonzern mit. Unter dem Strich stand jedoch ein um zwölf Prozent höherer Gewinn von 2,2 Milliarden Euro. Er wurde durch den 655 Millionen Euro schweren Verkauf der restlichen Aktien an der ehemaligen Lichttechnik-Tochter Osram und erste positiven Effekte der US-Steuerreform begünstigt.

„Siemens ist also insgesamt in einer sehr guten und robusten Verfassung“, sagte Vorstandschef Joe Kaeser. Der Konzern nehme auch der Konkurrenz Marktanteile ab, vor allem in der „Digitalen Fabrik“. Der Auftragseingang stieg von Oktober bis Dezember um 14 Prozent auf 22,5 Milliarden Euro und übertraf damit deutlich die Erwartungen von Analysten. Ohne die Übernahme des spanischen Windkraft-Konzerns Gamesa und negative Währungseffekte hätte der Zuwachs bei sieben Prozent gelegen. Das trieb die Siemens-Aktie vorbörslich um 1,4 Prozent nach oben. Auch der Umsatz wurde von ungünstigen Wechselkurseffekten beeinträchtigt. Er stieg trotzdem um drei Prozent auf 19,8 Milliarden Euro.

Der bevorstehende Börsengang der Medizintechnik-Sparte Healthineers stieß bei Aktionären auch auf Kritik. „Warum soll die Ertragsperle Healthineers gerade jetzt an die Börse gebracht werde, wo das Geschäft dort glänzend läuft und weite Teile des restlichen Geschäfts von Siemens unter Druck stehen“, fragte Portfoliomanager Ingo Speich von Union Investment. Den Altaktionären werde ein „Juwel aus der Siemens-Krone gebrochen“. Dabei brauche Siemens das Geld - einen hohen einstelligen Milliardenbetrag - vorerst nicht. „Geben sie uns lieber eine Aktie, wenn sie nicht wissen, was sie mit dem Geld von Healthineers machen können“, sagte Hans-Martin Buhlmann vom Aktionärsverein VIP. „Beim Stapellauf des Luxusliners wollen wir nicht nur Spalier stehen und Beifall klatschen, sondern mit an Bord sein“, forderte Deka-Fondsmanager Winfried Mathes. Siemens will die Mehrheit an Healthineers behalten.

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