Das Volk als Kulisse: Wie Spekulanten mit dem Brexit Kasse machten

 

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25.06.2018 23:57
Spekulanten haben widersprüchliche Brexit-Umfragen genützt, um hunderte Millionen bei Wetten zu gewinnen. Der Vorfall zeigt, wie ein Volks-Entscheid zur Kulisse im globalen Finanz-Kasino verkommen kann.
Das Volk als Kulisse: Wie Spekulanten mit dem Brexit Kasse machten

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In einer exzellent recherchierten Enthüllung zeigt der Nachrichtendienst Bloomberg, wie Spekulanten in Zusammenarbeit mit Meinungsbefragungs-Instituten beim Brexit Kasse gemacht haben. Sie haben die Öffentlichkeit in die Irre geführt und die Verwirrung genutzt, um Kurs-Wetten zum britischen Pfund zu platzieren.

Der Vorfall zeigt, dass sich politische Prozesse hervorragend eignen, um mit Wetten hunderte Millionen zu verdienen. Die Tatsache, dass es sich um einen Volksentscheid mit weitreichenden Konsequenzen handelt, ist in diesem Zusammenhang nebensächlich. Der politische Wille, den ein Referendum zum Ausdruck bringen soll, ist vor diesem Hintergrund nicht mehr als ein unerheblicher Nebenaspekt. Der Vorgang zeigt, dass politische Prozesse mitunter lediglich eine Kulisse für das Spiel-Kasino von Spekulanten auf den globalen Finanzmärkten sind.

Bloomberg hat den Vorgang akribisch dokumentiert - und liefert ein Lehrstück über das Zusammenspiel von Politikern und Spekulanten.

Schon die Chronologie ist bemerkenswert: In der Nacht des 23. Juni 2016 – der Wahlnacht zur Frage des Austritts Großbritanniens aus der EU – machte Nigel Farage nur wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale eine bemerkenswerte öffentliche Aussage, die vom Sender Sky übertragen wurde: „Es war eine außergewöhnliche Kampagne, die Wahlbeteiligung ist offensichtlich außergewöhnlich hoch und es sieht so aus, als ob die ‚Remain‘-Kampagne das Rennen machen wird. UKIP und ich werden nicht verschwinden und die Partei wird in Zukunft nur noch stärker werden“, zitiert Bloomberg Farage.

Kurz danach erschien der Leiter der politischen Analyse des privaten Meinungsforschungs-Unternehmens YouGov, Joe Twyman, im Sky-Programm. Ihm zufolge sei es am Wahltag zu einem Umschwung in Richtung eines Verbleibs in der EU gekommen. Twyman sagte: „Wir erwarten nun, dass das Vereinigte Königreich Teil der Europäischen Union bleibt. Es sind derzeit 52 Prozent für den Verbleib, 48 Prozent für einen Austritt und es ist immer noch eng und noch zu früh, um das definitiv zu wissen – aber basierend auf den Zahlen, die wir sehen, basierend aus den Trends die geschehen sind und basierend auf historischen Erfahrungen denken wir, dass das ‚Remain‘-Lager in der stärksten Position ist“.

Die nächtlichen Äußerungen Farages und die neuesten Prognosen von YouGov wurden etwa 4 Minuten nach Schließung der Wahllokale getätigt. Sie waren im Rückblick betrachtet nicht nur falsch, sondern sie fanden zudem zu einer Zeit statt, in der das Endergebnis des Referendums noch lange nicht absehbar war, weil erste einigermaßen verlässliche Ergebnisse erst zwei Stunden später bekannt wurden. Sie führten weltweit zu Schlagzeilen, die ein Scheitern der Austrittsbewegung und einen Verbleib Londons in der EU signalisierten.

Die britische Mail Online titelte beispielsweise unter Bezug auf die Aussagen Farages kurz nach 22 Uhr: „Breaking News: UKIP-Führer Nigel Farage gesteht sensationellerweise seine Niederlage nur Sekunden nach Schließung der Wahllokale ein, während letzte Prognosen für das historische Referendum ‚Remain‘ bei 52 Prozent und ‚Leave‘ bei 48 Prozent sehen.“

Die Nachrichten führten dazu, dass das britische Pfund an den Devisenmärkten gegenüber dem Euro und anderen Währungen stark zulegte – nur Stunden, bevor es einen der schwersten Währungszusammenbrüche seit Bestehen des modernen globalen Finanzsystems hinlegen sollte. „Billionen Dollar an Anlagewerten sollten schon bald aus den Büchern getilgt werden müssen, aber nur noch nicht jetzt“, schreibt Bloomberg.

„Um 22.52 Uhr abends stieg das Pfund über die Marke von 1,50 Dollar und erreichte damit den höchsten Stand in sechs Monaten. Einige Minuten später erschien Ed Conway, der Wirtschaftsleiter von Sky News vor einem riesigen Bildschirm, der den Kursanstieg zeigte. Conway erklärte, dass das Pfund die Prognosen der Meinungsforschungsinstitute seit Monaten zuverlässig abbildete. „Egal ob sie in London auf der Couch saßen oder an einem Handelstisch in Chicago – Leute, die Sky schauten oder die Schlagzeilen dieser Nacht lasen hatten jeden Grund anzunehmen, dass die Befürworter des Verbleibs in der EU gewinnen werden. Doch nicht alle hatten dazu Grund,“ schreibt Bloomberg.

Recherchen von Bloomberg kommen zu dem Schluss, dass interessierte Spekulanten zusammen mit Meinungsforschungs-Unternehmen die wahren Entwicklungen an den Wahlurnen früher als die Öffentlichkeit erkannten und mit Wetten auf einen sinkenden Pfundkurs immense Gewinne einfuhren. Bloomberg schreibt:

„Hinter den Kulissen hatte eine kleine Gruppe an Leuten ein Geheimnis – und Milliarden von Dollar standen auf dem Spiel. Hedgefonds, die mit Wetten an diesem Tag hohe Gewinne machen wollten, hatten YouGov und mindestens fünf weitere Meinungsforschungs-Unternehmen angeheuert – inklusive Farages favorisiertem Meinungsforscher. Deren Dienste am Wahltag und in den Tagen davor variierten aber sie verkauften den Hedgefonds kritische, fortgeschrittene Informationen inklusive Daten, deren Veröffentlichung illegal gewesen wäre. Einige Hedgefonds wurden durch die privaten Umfrageergebnisse darin bestärkt, dass die meisten Briten für einen Austritt gestimmt hatten oder zumindest dass das Resultat viel knapper war, als es die Öffentlichkeit glaubte – die Umfrage-Unternehmen lieferten Informationen, während noch abgestimmt wurde und Stunden vor Veröffentlichung der ersten offiziellen Hochrechnungen. Diese Hedgefonds waren in der perfekten Position, um mit Wetten auf einen Kurseinbruch des Pfunds ein Vermögen zu generieren. Andere wiederum erfuhren das wahrscheinliche Resultat und marktrelevante Umfragen bevor sie veröffentlicht wurden und erhielt daher die Gelegenheit zu einem sicheren Geschäft."

Hedgefonds versuchen immer, möglichst früh an Informationen über Ereignisse zu gelangen, über die sie Wetten abschließen können. Das Gesetz Großbritanniens verbietet jedoch die Veröffentlichung der Ergebnisse von Wählerbefragungen, solange die Wahllokale noch geöffnet sind. Während einige der von Bloomberg recherchierten Vorgänge in einem Graubereich stattfanden, ist das Gesetz klar: Es wäre unrechtmäßig gewesen, wenn vor Schließung der Wahlokale „ein Teil der Öffentlichkeit“ jene Daten gesehen hätte, welche die privaten Umfrage-Unternehmen den Hedgefonds verkauft hatten.

Eine besondere Position in diesem Netzwerk zwischen Hedgefonds und Umfrage-Unternehmen nimmt der Brexit-Vorkämpfer Farage ein. Farage ist nicht nur ein ehemaliger Rohstoff-Händler, sondern arbeitete auch noch als Währungsspekulant, nachdem er in die Politik eingetreten war. „Er hat der Welt zweimal am Wahlabend erklärt, dass die Austrittskampagne wahrscheinlich verloren hat, obwohl er Informationen hatte, die darauf hindeuteten, dass seine Seite gewann. Er hat zudem widersprüchliche Angaben dazu gemacht, wer ihm diese sehr wertvollen Informationen gegeben hatte“, schreibt Bloomberg.

Bloombergs Rechercheergebnisse basieren zum Teil auf Interviews mit mehr als 30 kenntnisreichen aktuellen und ehemaligen Führungskräften vom Umfrageunternehmen, Beratern und Händlern, von denen fast alle nur unter der Bedingung sprachen, dass sie aufgrund von Vertraulichkeitsvereinbarungen nicht namentlich genannt werden.

Diesen Meinungsforschern zufolge war der Brexit einer der profitabelsten Einzeltage in der Geschichte des Devisenhandels. Einige Hedgefonds, die sie anheuerten, nahmen Hunderte von Millionen Dollar ein, während die Branche insgesamt vom Chaos auf den globalen Finanzmärkten getroffen wurde, dass sich an den Austritt anschloss. Obwohl Vertraulichkeitsvereinbarungen es schwierig gemacht haben, die Identitäten vieler Hedgefonds zu ermitteln, die exklusive oder syndizierte Umfragen kauften, waren mindestens ein Dutzend von ihnen involviert und möglicherweise noch viele mehr.

Das Umfrage-Unternehmen, welches wahrscheinlich die meisten Kunden hatte, wird von Farages Freund Damian Lyons-Lowe geleitet und heißt Survation. Dessen Informationen wurden an eine Vielzahl von Kunden geliefert und sahen die Mehrheit für einen Austritt korrekt voraus, wie Farage und andere Personen sagten. In einem Interview mit Farage sagte Bloomberg, dass ihm die Ergebnisse von Survation vor mindestens einem der beiden Fernsehauftritte in der Wahlnacht bekannt waren. Er wäre also in der Lage gewesen, die Informationen in die Märkte einzuspeisen.

Doch Survation war bei weiten nicht das einzige Meinungsforschungs-Unternehmen, dass gute Geschäfte machte. Auch YouGov arbeitete mit mindestens einem Hedgefonds zusammen und kassierte von diesem Gebühren in Gesamthöhe von etwa einer Million Pfund. Die Kooperation wurde von YouGov-Mitarbeitern „Operation Pomgranate“ genannt und gab dem Hedgefonds Gelegenheit, auf einen Anstieg des Pfund zu wetten, lange bevor YouGov-Chef Twyman mit seiner – letztendlich irreführenden – Information auf Sky auftrat.

Bemerkenswert ist zudem, dass YouGov die neueste Prognose am Wahlabend Sky unentgeltlich zur Verfügung stellte. Wie drei namentlich nicht genannte Quellen gegenüber Bloomberg sagten, soll der beteiligte Hedgefonds hohe Gewinne mit Wetten auf einen steigenden Pfundkurs eingefahren haben.

Die Umfrage-Unternehmen verkauften ihre Erkenntnisse demnach an Hedgefonds, während sie der Öffentlichkeit ebenfalls Umfrageergebnisse „kostenlos“ zur Verfügung stellten. Dies wirft unweigerlich die Frage auf, ob die Umfrageergebnisse stets die gleichen waren und nur zeitlich früher den Hedgefonds zur Verfügung gestellt wurden – oder ob den Hedgefonds andere Einschätzungen verkauft wurden als der breiten Öffentlichkeit.

Da die allermeisten Umfrage-Unternehmen in den Wochen vor dem Referendum eine Führung des Remain-Lagers diagnostizierten und damit die Stimmung in der Bevölkerung grundlegend falsch einschätzten, wurde eine Untersuchungskommission eingerichtet. Deren im April vorgestellter Abschlussbericht beleuchtet das Verhältnis zwischen Hedgefonds und Umfrage-Unternehmen jedoch nicht.

Wie relevant die Prognosen der Unternehmen für die realen politischen Gegebenheiten in Großbritannien ist, zeigt eine Episode aus dem Jahr 2014, als in Schottland ein Referendum zur Frage der Unabhängigkeit von Großbritannien abgehalten wurde. Damals sah eine YouGov-Umfrage zwei Wochen vor Abhaltung der Wahl die nach Unabhängigkeit strebenden Nationalisten vorne. Daraufhin kam es zu deutlichen Kursverlusten des Pfund sowie am britischen Aktienmarkt zu einem Abverkauf. „Die schockierte Regierung reagierte darauf wenige Tage vor dem Referendum mit dem Versprechen, den Schotten künftig größere Autonomie zuzugestehen, falls sie im Vereinigten Königreich bleiben – ein Schritt, welcher als ‚das Gelöbnis‘ in die Geschichte eingegangen ist.“ Nach dem Referendum stellte sich die YouGov-Prognose als falsch heraus.

Zwei von Bloomberg befragte Quellen geben an, dass in den Tagen vor dem Schottland-Referendum zahlreiche Hedgefonds bei YouGov anriefen und darum baten, künftige Prognosen in Zukunft eine halbe Stunde oder eine Stunde vor der Veröffentlichung zu erhalten. Weil allein schon der Inhalt der Umfragen die Märkte kurzfristig bewegt und lukrative Wetten zulässt, war die inhaltliche Qualität der Meldung für die Hedgefonds letztendlich unwichtig. Die Händler mussten nur die Ergebnisse kennen, bevor sie veröffentlicht werden, um attraktive und vor allem relativ sichere Wetten an den Terminmärkten abzuschließen. Den Zeugen zufolge boten Hedgefonds YouGov damals große Summen, wenn sie die Prognosen künftig selbst in Auftrag geben und die Ergebnisse einsehen könnten. Während YouGov die Avancen ablehnte, sollen Survation und mindestens ein weiteres Prognose-Unternehmen diese Angebote angenommen haben.

Namentlich nicht genannten Quellen zufolge soll Survation bereits im Jahr 2014 unter anderem Prognosen und Wählerbefragungen an die Hedgefonds Brevan Howard Asset Management, Tudor Investment Corporation und Nomura Holdings verkauft haben.

Der bekannte Politik-Experte und Fernsehkommentator John Curtice sagte Bloomberg, dass er dem Umfrage-Unternehmen ICM in den vergangenen Jahren dabei geholfen hat, ein Modell zur Interpretation der Befragungen von Wählern zu entwickeln. Auftraggeber von ICM sei der Hedgefonds Rokos Capital Management gewesen. Dieser nutzte die Daten von ICM dazu, eine Anlagestrategie für Referenden und Parlamentswahlen zu entwickeln. Ein Mitarbeiter von Curtis soll zudem Survation beim Aufbau eines Analyse-Modells zur Interpretation von Wählerbefragungen geholfen haben.

In Großbritannien ist es verboten, die Ergebnisse von Wählerbefragungen vor 22 Uhr zu veröffentlichen. „Veröffentlichen“ wird dabei so definiert, dass der Öffentlichkeit oder Teilen der Öffentlichkeit Daten in welcher Form und durch welche Hilfsmittel auch immer zugänglich gemacht werden. Während die Führung von YouGov zumindest im Jahr 2015 noch diskutierte, ob einzelne Hedgefonds als „Teil der Öffentlichkeit“ gelten, waren andere Umfrage-Unternehmen weniger zögerlich.

Sicher ist, dass im Vorfeld des Brexit-Referendums 2016 folgende Umfrage-Unternehmen Daten für Hedgefonds erhoben und an diese zum Zweck von Finanzwetten weitergaben: YouGov, Survation, ICM, BMG und ComRes.

Doch auch in die Politik bestanden Verbindungen der Umfrage-Unternehmen. „Das Unternehmen Populus führte eine Wählerbefragung für Michael Ashcroft, den Milliardär und früheren Vize-Vorsitzenden der Konservativen Partei durch. Ashcroft, welcher eine Bank in Belize führt, vergibt regelmäßig Aufträge für Umfragen, welche er später veröffentlicht, so wie er es auch beim Brexit gemacht hat. Andrew Cooper, der Gründer von Populus und frühere Strategiechef für David Cameron, gab ebenfalls zu, ein Modell entwickelt zu haben, dass es einem Kunden aus der Finanzwelt ermöglichte, Handelsgeschäfte basierend auf den Umfrageergebnissen zu kalibrieren, wollte den Namen des Kunden aber nicht nennen“, schreibt Bloomberg.

Zwei Büchern zu den Vorgängen der Brexit-Wahlnacht – „The Bad Boys of Brexit“ von Arron Banks und „All Out War: The Full Story of How Brexit Sank Britain’s Political Class“ von Tim Shipman – zufolge hatte Farage schon vor 21.40 Uhr Kenntnis vom Ergebnis der Wählerbefragung durch Survation bekommen.

Farage dementiert dies, hat sich aber mehrfach widersprochen, was seine auf Sky ausgestrahlte Prognose in der Nacht des 23. Juni 2016 betrifft. Bloomberg schreibt:

„Farage erzählte Bloomberg jedoch immer wieder, dass er die Ergebnisse von Lyons-Lowes Umfrage nur „Minuten“ erfuhr, nachdem seine Einschätzung um kurz nach 22 Uhr von Sky ausgestrahlt wurde. „Das wäre, das wäre - wenn er und ich vor 10 Uhr gesprochen hätten - wäre das auf jeder Ebene falsch gewesen. Falsch für mich, falsch für ihn, es wäre einfach falsch gewesen“, sagte Farage. Doch nachdem er gesagt hatte, dass er die Ergebnisse von Lyons-Lowe bekommen hatte, änderte Farage seine Geschichte und sagte, dass er sie nicht persönlich von Lyons-Lowe sondern von einem Mitarbeiter von Survation bekommen hatte. In einem weiteren Telefoninterview änderte Farage erneut seine Geschichte, um schließlich zu sagen, dass er tatsächlich mit Lyons-Lowe telefoniert hatte. Er sagte Lyons-Lowe deutete an, dass Großbritannien für den Austritt gestimmt habe, aber habe ihm keine spezifischen Daten mitgeteilt. Farage auch sagte, dass er damals nicht glaubte, was Lyons-Lowe ihm gesagt hatte, und dass ein anderer Kontakt, den er nicht nennen wollte, erwähnte, dass eine andere Umfrage zeigen würde, dass die Befürworter eines Verbleibs in der EU gewinnen würden.“

Es bleibt jedoch bis heute unklar, warum Farage in einem zweiten Interview in der Wahlnacht – rund 70 Minuten nach dem Auftritt bei Sky – erneut von einem Sieg der Remain-Kampagne sprach, nachdem er die überraschende Einschätzung von Survation bereits kannte. Zur Press Association sagte Farage: „Ich weiß es nicht, aber ich denke, dass Remain es schaffen wird, ja. Der Grund dafür wird die massive Wahlbeteiligung sein.“

Auf die Frage, ob er nervös sein, sagte er: „Es ist ein ruhiges und rationales Gefühl. Wenn ich falsch liege, dann wäre ich jetzt sehr aufgeregt. Aber das was wir jetzt sehen ist, das, was sich bereits angedeutet hat und was ich durch einige meiner Freunde in den Finanzmärkten weiß, die einige große Befragungen durchgeführt haben.“

Allein Bloomberg sandte in dieser Nacht mehrere Schlagzeilen des Interviews an seine mehr als 300.000 Kunden aus der Finanzindustrie auf der ganzen Welt. In den vier Tagen vor dem Referendum sahen sowohl YouGov, Survation, ComRes und BMG das Remain-Lager deutlich vorne – zumindest geht dies aus den veröffentlichten Prognosen hervor. Populus gab noch am Wahltag einen Vorsprung für das Remain-Lager in Höhe von etwa 10 Prozent heraus. „Keines der Unternehmen gab öffentlich bekannt, dass sie gleichzeitig für Hedgefonds arbeiteten, die massiv daran verdienen würden, falls die Prognosen falsch sind“, schreibt Bloomberg.

Rokos – welche mit ICM und John Curtice zusammengearbeitet hatten – machte innerhalb eines Tages rund 100 Millionen Dollar Gewinn – was in etwa drei Prozent des Unternehmenswertes entspricht. Der Fonds Brevan Howard, welcher Daten unter anderem von ComRes nutzte, fuhr allein am 24. Juni einen Gewinn von 160 Millionen Dollar ein. Capstone Investment Advisors machte einen Gewinn von rund 1,7 Prozent des gesamten Unternehmenswertes. Odey Asset Management erwirtschaftete einen Gewinn von rund 300 Millionen Dollar. Crispin Odey, der Gründer des Fonds, war einer der wichtigsten Geldgeber des Brexit-Lagers. Weitere Hedgefonds, welche namentlich nicht genannten Quellen zufolge an Umfragen und Prognosen im Vorfeld des Referendums interessiert waren, sind Arrowgrass Capital Partners, Element Capital, Maven, PointState TSE Capital Management, North Asset Management, SPX Capital und Vigilant.

David Cameron erklärte kurze Zeit nach dem Referendum seinen Rücktritt. Er wirkte gelöst, fast heiter. Wenige Wochen vor dem Referendum hatten die PAnama-Papers enthüllt, dass Camerons Vater einenn Investmentfonds in Panama unterhalten hatte. Der Fonds bestand auch nach dem Tod von Camerons Vater weiter. Zur Frage, ob in dem weiterhin existierenden Fonds auch Privatvermögen der Familie Cameron steckt, sagte eine Cameron-Sprecherin der Süddeutschen Zeitung, das sei "Privatsache".

Nigel Farage erklärte nach dem Referendum seinen Rücktritt als UKIP-Chef. Er begründete seinen Rücktritt mit dem Wunsch, dass er "sein Leben zurückhaben" wolle. Bis zum heutigen Tag bezieht Farage als Mitglied des EU-Parlaments von den Steuerzahlern in der EU ein Gehalt. Er beschäftigte seine damalige Frau als seine Sekretärin und bezahlte sie ebenfalls aus EU-Geldern. 2018 kürzte ihm das EU-Parlament sein Gehalt, weil eine Untersuchung ergab, dass Farage einen Sekretär aus EU-Geldern bezahlte, obwohl dieser in London für UKIP arbeitete, wie der Guardian berichtet.

In einem Interview im Jahr 1999 sagte Farage laut Daily Telegraph, dass man, wenn man es geschickt anstellt, bei der EU mehr verdienen könne als bei Goldman Sachs.

Nach seinem Rückzug aus der nationalen Politik Farage, er wolle auch andere Länder von den Vorteilen eines EU-Austritts überzeugen.

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