Gemischtes

China: Dem Vorreiter der Elektromobilität droht ein Startup-Massensterben

Lesezeit: 3 min
23.06.2019 18:38
Die chinesische Regierung fährt die staatlichen Subventionen für Elektroautos drastisch herunter. Der jungen Branche droht ein Massensterben.
China: Dem Vorreiter der Elektromobilität droht ein Startup-Massensterben
Besucher der Automesse "Auto Shanghai" betrachten ein Nio eT des E-Auto-Start-Ups Nio.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Auf der Suche nach Anlagechancen klopften der Investor Wei Qing und sein Team von Sailing Capital unlängst bei mehr als 20 chinesischen Startups für Elektroautos an. Doch letztlich investierte die Beteiligungsgesellschaft in keine dieser Firmen. Es gebe zu viele Unsicherheiten - angefangen von der Phase, in der ein Unternehmen seine Pläne vorstelle, über die Produktion von Prototypen bis hin zur Massenfertigung, winkte Sailing Capital-Direktor Wei ab. Vermutlich würden nur wenige Startups überleben, lautete seine Analyse.

Stattdessen steckte die Investmentgesellschaft das Geld lieber in einen Zulieferer für E-Fahrzeuge. So wie Wei denken immer mehr Kapitalgeber in China. Deswegen wird es für neue Elektroauto-Produzenten in der Volksrepublik zusehends schwieriger, Geldgeber zu finden.

Die Rückschläge, die der Elektroauto-Pionier Tesla auf dem Weg aus den roten Zahlen einstecken musste, und der Umsatzschwund beim aufstrebenden chinesischen Rivalen Nio lassen Investoren vorsichtiger werden. Auf die Stimmung drückt zudem, dass die Regierung in China die Fördergelder für die umweltfreundlichen Modelle zusammenstreicht und diese ab 2020 auslaufen lassen will. Auch Banken zeigen sich bei neuen E-Herstellern eher zugeknöpft. Ein in Hongkong ansässiger Banker berichtete, er sei von mindestens einem Dutzend Produzenten auf der Suche nach frischem Kapital angesprochen worden. Die meisten habe er abgewiesen, weil sie ihn nicht überzeugt hätten.

Die Zurückhaltung der Geldgeber hat die Investitionen bis Mitte Juni auf nur noch 13 Prozent der Summe einbrechen lassen, die im vergangenen Jahr noch eingeworben wurde. Bislang haben die Firmen in China laut dem Daten-Anbieter PitchBook lediglich 783 Millionen Dollar an frischem Geld eingesammelt. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es sechs Milliarden Dollar, im Gesamtjahr dann 7,7 Milliarden Dollar.

Um die hohe Luftbelastung in den chinesischen Großstädten in den Griff zu bekommen und der eigenen Autoindustrie gleichzeitig auf die Sprünge zu helfen, hat die Regierung in Peking ehrgeizige Vorgaben für umweltschonende Fahrzeuge gemacht - so genannte New Energy Vehicles (NEV) - zu denen neben E-Autos auch Hybrid-Wagen und solche mit Brennstoffzelle gehören. Deren Anteil soll bis zum Jahr 2025 auf ein Fünftel der gesamten Auto-Verkäufe steigen, bislang sind es lediglich fünf Prozent.

Das ambitionierte Wachstumsziel hat eine Fülle von Elektroauto-Startups hervorgebracht, die nicht nur untereinander, sondern auch mit ausländischen Herstellern wie dem defizitären Branchen-Pionier Tesla konkurrieren. Tesla kämpft selbst damit, seine Produktionsziele zu erreichen und nach jahrelangen Verlusten profitabel zu werden, kann sich bislang aber problemlos Kapital beschaffen.

In der Volksrepublik haben sich mittlerweile rund 330 Elektrofahrzeugfirmen für die eine oder andere Art von Unterstützung durch die Regierung beworben, wie aus offiziellen Daten hervorgeht. Dabei liegt die Zahl der etablierteren Startups nur bei etwa 50. Weil die Kritik zunimmt, dass sich einige Firmen zu sehr auf die staatlichen Mittel verlassen, machte sich Peking daran, die Zuschüsse abzubauen und verlangt nun strengere Voraussetzungen. Das sorgte für Bremsspuren in der Branche, denn dadurch stiegen die Preise. In einem wegen des Handelsstreits mit den USA insgesamt schrumpfenden Pkw-Markt in China kletterte der Absatz von alternativ angetriebenen Fahrzeugen zuletzt zwar noch. Das Plus war im Mai mit 1,8 Prozent aber gering. Im April legten die NEV-Zulassungen noch um gut 18 Prozent zu, 2018 lag der Zuwachs noch bei 62 Prozent.

Wegen der schwindenden Wachstumsaussichten wird die Luft für Startups immer dünner, ihren Kapitalbedarf zu decken. Deswegen werde es für die Hersteller immer wichtiger, die Kosten im Zaum zu halten, betont Daniel Kirchert, Chef des E-Auto-Herstellers Byton. Das Unternehmen aus Nanjing ist eines der wenigen, das sich in einer laufenden Finanzierungsrunde Chancen ausrechnet, 500 Millionen Dollar an frischem Kapital einzusammeln.

Zu denen, die ebenfalls einigermaßen problemlos an Geld kommen, zählt auch die vom kapitalkräftigen chinesischen Google-Rivalen Baidu unterstützte Firma WM Motor Technology, die PitchBook zufolge im März 446 Millionen Dollar einsammelte. Eine andere Lösung hat der Elektroautobauer Nio gefunden: Die staatliche Investmentfirma E-Town Capital will rund 1,4 Milliarden Dollar in ein Joint-Venture mit Nio stecken, das für den Bau einer eigenen Fabrik eingesetzt werden soll.

Angesichts geschrumpfter Umsätze, eines mageren Ausblicks und der gekürzten Fördermittel hat Nios Aktienkurs in diesem Jahr 60 Prozent eingebüßt. Dazu hat auch beigetragen, dass der Ruf des Unternehmens ramponiert ist, nachdem drei Fahrzeuge in Brand geraten sind. "Nio ist wahrscheinlich das Beste unter den chinesischen Elektroauto-Startups. Schauen Sie, wo es jetzt steht - wie können wir uns da wohl fühlen, für andere E-Auto-Startups Schecks auszustellen?", fragt ein Investor.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik „Das Bündnis Sahra Wagenknecht gefährdet die Linkspartei in ihrer Existenz“
24.02.2024

Eine neue Figur ist auf das politische Schachbrett gekommen: das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Wie diese neue Partei die politischen...

DWN
Finanzen
Finanzen EU-Vermögensregister und Bargeldbeschränkungen: Risiko für Anleger
23.02.2024

Das EU-Vermögensregister gehört derzeit zu den größten Risiken für Anleger. Daher ist es wichtig, sich jetzt zu überlegen, wie man...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Die deutsche Wirtschaftskrise ist eine Chance für Start-ups
24.02.2024

Die Berliner Unternehmerin Julia Derndinger spricht im exklusiven DWN-Interview über den aktuellen Zustand der deutschen Gründerszene,...

DWN
Technologie
Technologie Googles KI generiert nach zu viel Diversität keine Bilder von Leuten
24.02.2024

Google lässt seine KI-Software Gemini vorerst keine Bilder von Menschen mehr erzeugen, nachdem sie Nutzern nicht-weiße Nazi-Soldaten und...

DWN
Politik
Politik Dringend: Deutschlands Wirtschaft fordert Steuerreform
24.02.2024

Führende Industrieverbände fordern steuerpolitische Reformen: Sie präsentieren ein Spektrum an Maßnahmen, von der Senkung der...

DWN
Politik
Politik UN-Chef Guterres: Höchste Zeit für Frieden in der Ukraine
24.02.2024

Zwei Jahre nach Kriegsbeginn in der Ukraine hat UN-Generalsekretär António Guterres ein Ende der Kämpfe verlangt - und eindringlich vor...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Regeln für den Onlinehandel in der EU - was jetzt zu beachten ist!
24.02.2024

Wer Onlinehandel betreibt, läuft Gefahr, in eine Abmahnfalle zu geraten. Dies kann aus Unwissenheit passieren oder wenn Fehler...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Können Kasachstan und Aserbaidschan russische Energie ersetzen?
23.02.2024

Aserbaidschan und Kasachstan sollen als Folge des Ukrainekrieges zu wichtigen Energieversorgern Deutschlands und der EU werden. Doch wie...