Finanzen

Deutsches Banking, quo vadis?

Lesezeit: 6 min
30.06.2019 08:08
Obwohl die deutsche Wirtschaft weltweit unter den Top 5 zu finden ist, spielt das Land im Finanzsektor eine kaum wahrnehmbare Rolle.
Deutsches Banking, quo vadis?
Illustration: Timo Würz
Foto: Julia Jurrmann

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Die gescheiterte Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank hat die deutschen Banker und Politiker innehalten lassen. Zweifellos fragen sich auch Unternehmer, was genau geschah.

Eine oft gestellte Frage ist, warum Deutschland kein eigenes großes internationales Bankgeschäft hat, wenn man bedenkt, dass die deutsche Wirtschaft die viertgrößte der Welt ist. Ein Kommentator sagte kürzlich: „Deutsche Banken spielen derzeit keine große globale Rolle“. Auch wenn man bedenkt, dass Deutschland die EU nach dem Brexit fast vollständig dominieren wird und dass es die Eurozone sowieso dominiert – egal was andere sagen.

Deutschland hat nur eine einzige sehr große Bank in den Top 25 der Welt: die Deutsche Bank. Wenn man die chinesischen Banken ausnimmt, sind die nicht-chinesischen Banken unter den Top 25 nur 18 Megabanken. Die USA haben vier, Japan vier, Frankreich vier, Großbritannien drei. Die Position der Banken in den Top 25 basiert auf deren Vermögenswerten und spiegelt tendenziell die Größe der Volkswirtschaften wider – und nicht unbedingt die internationale Qualität, wobei beispielsweise Schweizer Banken im Vergleich zur Größe ihrer Wirtschaft als sehr international gelten dürften. Eine weitere Definition für „international“ wäre die Anzahl der Länder, in denen es Niederlassungen, Tochtergesellschaften und Repräsentanzen gibt – und natürlich das Spektrum der angebotenen internationalen Dienstleistungen.

Die Gründe dafür, dass Deutschland nicht stärker vertreten ist, scheinen für mich eine Kombination aus Geschichte, Denkweise und Fachwissen zu sein.

Wenn man über die Geschichte nachdenkt, gibt es eine Reihe von offensichtlichen Dingen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es den Verlust der Kolonien und die schreckliche Inflationskrise der Weimarer Republik, dann nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau des Landes. Viele Leser werden es wissen: Der berühmte Ökonom John Maynard Keynes war so angewidert vom Bestreben Frankreichs, Deutschland mit Reparationen zu bestrafen (und auch von den Amerikanern), dass er das meisterhafte Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedens“ schrieb.

Darin sagte er voraus, dass Deutschland unmöglich in der Lage wäre, die Reparationen zu zahlen, was zu einer hohen Inflation und möglicherweise zu einer extrem nationalistisch diktatorischen Reaktion führen würde. Beide Befürchtungen waren berechtigt. Glücklicherweise war Keynes in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs Churchills Berater und hielt den Amerikaner Morgenthau davon ab, Deutschland in eine Agrarwirtschaft zurückzuversetzen. Churchill glaubte, dass Deutschland und Japan vernünftig behandelt und zur Demokratie ermutigt werden sollten. Die unmittelbare Folge war jedoch, dass die Amerikaner sich bei der Auflösung der Großbanken durchgesetzt haben, „weil sie die Nazis unterstützt hatten“.

Dies bedeutete, dass die drei Nationalbanken Deutsche Bank, Commerzbank und Dresdner Bank in 30 Banken in den Bundesländern aufgespalten wurden, die nicht außerhalb ihrer jeweiligen Ländergrenzen arbeiten durften. Die Briten waren dagegen, weil sie glaubten, dass es die wirtschaftliche Erholung verlangsamen würde. Die Regelung wurde 1952 teilweise und 1957 vollständig aufgehoben. Meiner Meinung nach hat dieser gesamte historische Hintergrund dazu beigetragen, dass die deutschen Banken bei der Internationalisierung vorsichtig wurden.

Darüber hinaus bedeutete die Notwendigkeit starker Einwanderung von Fabrikarbeitern, den Gastarbeitern, dass der Schwerpunkt der Geschäfte stark im eigenen Land lag.

Vergleicht man dies mit den Erfahrungen der britischen und amerikanischen Banken, so war die Erfahrung ganz anders. Die Briten waren im gesamten Empire und Commonwealth Vorreiter bei der Etablierung des Privatkundengeschäfts in vielen verschiedenen internationalen Szenarien. Im Gegensatz zu Deutschland war die britische Gewohnheit, ins Ausland zu schauen, sehr stark ausgeprägt. So wurde die noch heute bestehende Expertise i Finanzfragen aufgebaut. Nach dem Prozess der Dekolonisation blieb die Expertise im Bankwesen sowie im Rechts- und Rechnungswesen über die Londoner Finanzinstitute und Rohstoffmärkte erhalten. All das schnell und erfolgreich aufzubauen, ist extrem schwierig.

In den USA beschränkten die Bankengesetze die Banken nach 1945 viele Jahre lang auf das eigene Staatsgebiet. Die Hegemonie der USA in Finanzwesen und Handel in den Nachkriegsjahren ermöglichte es den Großbanken zu expandieren, indem sie den internationalen Raum betraten.

Wir sollten auch nicht den enormen Gewinn an internationalr  Expertise vergessen, welche jüdische Bankiers Deutschland gegeben hatten, bevor sie vertrieben wurden. Natürlich brachten diejenigen, die es schafften auszuwandern, ihr Fachwissen nach Großbritannien und in die USA mit – teilweise auch nach Frankreich.

Wir alle wissen, dass diese nach innen gerichtete Haltung dadurch gefördert wurde, dass die deutsche Außenpolitik sehr passiv und in gewisser Weise schwach war. Die verständliche Zurückhaltung davor, im Ausland wirtschaftlich expansiv zu sein, abgesehen von der Unterstützung der deutschen Industrie beim Bau von Tochterfabriken, entsprach offensichtlich diesem Ansatz. Dieser Fokus nach innen wurde auch durch die Bedürfnisse der deutschen Industrie verstärkt, dass Menschen in großer Zahl aus Südeuropa und der Türkei angezogen werden, statt auszuwandern.

Man könnte meinen, dass die Einführung des Euro eine internationalisierende Wirkung auf die deutschen Banken gehabt hätte. Dies ist jedoch nicht der Fall gewesen. Einer der Gründe ist der übertriebene Optimismus und Politiker, die vorpreschten, ohne auf Kritiker zu hören – von denen es viele innerhalb und außerhalb Deutschlands gab. Einige Quellen haben berichtet, dass Präsident Mitterand der deutschen Wiedervereinigung nur zustimmen wollte, „wenn der deutsche Bundeskanzler die Mark für den Euro opfert“. Dieser zynische Schritt Frankreichs, einen Teil der deutschen Wirtschaftskraft zu erlangen, hat Konsequenzen für den Bankensektor gehabt. In der Tat bedeutete das unterm Strich, dass sie den Euro abgesichert haben – ob es den Deutschen nun gefallen hat oder nicht.

Wir haben also eine Reihe von Folgen, von denen die schwierigste war, das  Versprechen an die skeptische deutsche Nation zu erfüllen, dass der Euro so gut sein werde wie die D-Mark. Der Eindruck der Eurozone, dass „ein Leitzins für alle passt“, wurde von vielen Experten kritisiert und führte dann zu den verschiedenen Schuldenkrisen, die aufgetreten sind und weiterhin auftreten können. Er führte auch zu verhassten Sparmaßnahmen in vielen Ländern und einem Exportboom für Deutschland.

Die Griechenlandrettung wird von vielen nur als ein Ringelspiel angesehen, um den deutschen und französischen Banken zu helfen, die schlechte Forderungen an griechische Kreditnehmer verliehen hatten. Die Probleme der Deutschen Bank stehen dazu in einem gewissen Zusammenhang. Ich frage mich wirklich, ob dies aufgrund von Mangel an internationaler Banking-Erfahrung und an Durchblick geschah. Die Hoffnungen, dass der Euro zu einer der wichtigsten weltweiten Reservewährungen avanciert, wurden vor allem wegen der mit seiner Zukunft verbundenen Risiken eher enttäuscht. Kann Frankfurt wirklich all die nötigen Talente anziehen? Ich bin sicher, dass es ein angenehmer Ort zum Leben ist, aber Frankfurt kann es mit London oder New York nicht aufnehmen.

Wir müssen auch die Struktur des deutschen Bankensektors mit seinen drei Säulen in den Problemmix einbeziehen. Diese war zwar wahrscheinlich durch den Wettbewerb gut für mittelständische Unternehmen, die für den Aufschwung in Deutschland nach 1945 so wichtig waren, aber dennoch hat sie den Fokus der Großbanken auf Deutschland konzentriert. Es gibt auch eine Reihe von Anzeichen dafür, dass größere Banken nicht unbedingt besser sind – eben insbesondere für mittelständische Unternehmen.

Auch wenn der unbestreitbare Erfolg der deutschen Industrie für alle sichtbar ist, zieht sie einige der besten Köpfe in das verarbeitende Gewerbe, die sonst in London, New York und Boston vom Finanzsektor angezogen würden. Um zwei oder drei große internationale Banken zu haben, muss jedes Land die besten jungen Absolventen der besten Universitäten gewinnen.

Wenn man sich jedoch die Frage stellt, warum Deutschland keine große internationale Bankenbranche hat, muss man sich auch fragen, ob es eine solche braucht. Sicherlich ist Spezialisierung in unserer globalisierten Welt der Weg vorwärts – also genau der Prozess, den Adam Smith in seinem berühmten Werk The Wealth of Nations (vollständiger Titel: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations) beschrieben hat. Wobei Spezialisierung zu Effizienzsteigerungen führt, die wiederum niedrigere Kosten, bessere Qualität und Innovation nach sich ziehen.

Deutschland war sehr erfolgreich, weil es bei der herstellenden Industrie führend in Europa gewesen ist, also sollte es vielleicht dabei bleiben und internationale Bankdienstleistungen dort in Anspruch nehmen, wo sie am besten erbracht werden – also wahrscheinlich in New York und London. Natürlich war es ein Streitpunkt, der wohl auch zu den Dingen gehört, die zum Brexit-Votum beigetragen haben, dass es in der EU auch nach 40 Jahren keinen völlig freien Markt für Finanzdienstleistungen gibt. Das ist die Stärke des Vereinigten Königreichs, während es zum Nutzen Deutschlands einen völlig freien Markt für Produkte und zum Vorteil Frankreichs für die Landwirtschaft gibt.

Wahrscheinlich wäre Folgendes ratsam: „Deutschland, verschwende keine Zeit mit dem Versuch, einen weltweit führenden Anbieter im internationalen Bankgeschäft aufzubauen. Behalte das sehr effektive, lokal ausgerichtete Bankgeschäft und halte dich an das, worin du gut bist. Und schließlich: Sei sehr vorsichtig im Hinblick auf die Gefahren, die dem Euro-Währungssystem innewohnen, denn du giltst als dessen Garant.“

***

Keith Miles ist ein pensionierter Finanzdirektor, der u a. für den renommierten Londoner Think Tank „The Institute of Economic Affairs“ gearbeitet hat. Er hat zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften über Unternehmen, Wirtschaft und Politik veröffentlicht.

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