Politik

EU im Abseits: Trump bevorzugt London und Peking – Brüssel droht der strategische Bedeutungsverlust

Während Washington und London Handelsabkommen schließen und die USA gegenüber China überraschend Konzessionen zeigen, steht die EU ohne Fortschritte und mit wachsender Frustration in der Warteschleife. Die strategische Isolation Brüssels nimmt bedenkliche Züge an.
12.05.2025 17:14
Lesezeit: 2 min

Brüssels Verhandlungsstrategie gescheitert

Trotz monatelanger Verhandlungen und weitreichender Zugeständnisse bleibt die Europäische Union im transatlantischen Dialog faktisch außen vor. US-Präsident Donald Trump zeigt offen seine Präferenzen: Statt Brüssel rücken London und – überraschend – Peking in den Fokus amerikanischer Handelspolitik. Die EU hingegen kehrte zuletzt mit leeren Händen aus Washington zurück.

EU-Beamte boten den USA erneut eine vollständige Senkung der Industriezölle an – unter der Bedingung, dass auch Washington im Gegenzug auf seine Strafzölle verzichte. Darüber hinaus versprach die Kommission den verstärkten Import von US-Gas und Soja. Doch die USA blieben unbeeindruckt. Die jüngste Erkundungsmission brachte keinerlei Fortschritte – nicht einmal Klarheit über die Absichten der Trump-Regierung.

„Wir wollen verhältnismäßig bleiben“, heißt es aus Brüssel – doch die Zeichen deuten zunehmend auf Eskalation. Die EU hat bereits eine umfassende Zollliste vorbereitet, die als Notfallmaßnahme gelten soll, aber ein Handelskrieg scheint damit realistischer denn je.

Trump signalisiert Deals – aber nicht mit Brüssel

Während die EU mühsam um Gleichgewicht ringt, haben die USA ein Abkommen mit Großbritannien zur Senkung von Zöllen auf Stahl und Fahrzeuge unterzeichnet. Weitere Zollsenkungen lehnte Trump gegenüber dem britischen Premier Keir Starmer jedoch ab – ein symbolischer Deal, den ein EU-Diplomat als „Nichts-Burger“ bezeichnete. Doch politisch sendet er ein deutliches Signal: London wird als bilateraler Partner bevorzugt.

Gleichzeitig entspannt Washington die Beziehungen zu Peking. In sozialen Medien kündigte Trump an, die Strafzölle gegenüber China – derzeit bei bis zu 145 Prozent – reduzieren zu wollen. Parallel dazu traf sich Handelsbeauftragter Jamieson Greer in Genf mit chinesischen Vertretern.

Für Brüssel eine empfindliche Niederlage. Denn der Schulterschluss mit den USA gegen Chinas staatlich subventionierte Industrie war eines der wenigen verbliebenen strategischen Argumente der EU. Diese Grundlage bröckelt nun rapide.

Zollfront gegen die EU: 10 Prozent Basiszoll, 25 Prozent auf Schlüsselindustrien

Seit März erhebt Washington einen 10-prozentigen Basiszoll auf EU-Exporte im Wert von 300 Milliarden Euro. Besonders betroffen: irische Agrarprodukte wie Butter und Whiskey. Für Autos, Stahl und Aluminium gelten bereits Strafzölle von 25 Prozent. Ein Pauschalzoll von 20 Prozent wurde lediglich bis Juli aufgeschoben.

Friedrich Merz, Bundeskanzler und derzeit wichtigster europäischer Gesprächspartner Trumps, warnte in einem Telefonat am Donnerstag eindringlich vor einer weiteren Eskalation. Er betonte: Einzelverhandlungen mit EU-Mitgliedstaaten seien ausgeschlossen – Europa verhandle nur als Block.

Irland im Fadenkreuz: Luftfahrt, Whiskey und Chemieindustrie bedroht

Besonders betroffen von möglichen Gegenzöllen: Irland. Fluglinien wie Ryanair, die fast ausschließlich auf Boeing-Flugzeuge setzen, sind verwundbar. Auch Whiskey-Produzenten und Technologiefirmen wie die Kerry Group, CRH und Kingspan, mit großen Niederlassungen in den USA, geraten unter Druck.

Taoiseach Micheál Martin sprach offen von einer „nicht schmerzlosen Reaktion“ der EU. Er warnte, dass eine Eskalation mit Washington auch wichtige Exportgüter aus Irland massiv treffen könnte – darunter medizinische Geräte, Chemikalien und Technologie-Dienstleistungen.

Ein Sprecher von Ryanair wollte sich zu möglichen Auswirkungen nicht äußern: „Wir kommentieren keine Gerüchte oder Spekulationen.“

Fazit: Europa wird zur Nebenrolle im globalen Machtspiel

Der strategische Bedeutungsverlust der EU in der amerikanischen Handelspolitik ist unübersehbar. Während Trump Deals mit Peking und London forciert, bleibt Brüssel isoliert. Die EU setzt auf Verhältnismäßigkeit – doch ihr Handlungsspielraum schrumpft.

Die Kommission will nicht eskalieren, doch sie bereitet sich auf das Schlimmste vor. Zölle auf US-Medikamente und IT-Dienstleistungen sind nicht ausgeschlossen. „Wir halten uns alle Optionen offen“, so ein ranghoher Beamter.

Die EU droht in eine geopolitische Randposition zu geraten. Trump signalisiert, dass Partnerschaften mit flexiblen Nationalstaaten für ihn attraktiver sind als komplexe Verhandlungen mit der Brüsseler Bürokratie. Während China und Großbritannien handeln, wartet Europa – und verliert Einfluss.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Die Ökonomie der App-Stores: Welche Branchen das größte Wachstum im mobilen Sektor verzeichnen

Das rasante Wachstum mobiler Apps ist eines der prägenden Merkmale der heutigen digitalen Wirtschaft. Menschen kaufen darüber ein,...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmensmedien: Wer nur Inhalte postet, hat den Kampf um Kunden bereits verloren
26.07.2026

Unternehmen produzieren Podcasts, Videos und LinkedIn-Beiträge, doch das Publikum bleibt aus. Der Grund: Viele behandeln Inhalte wie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Geldpolitik wurde unter Greenspan zur Macht über die Märkte
26.07.2026

Alan Greenspan konnte mit einem Halbsatz Märkte beruhigen oder verunsichern. Fast zwei Jahrzehnte lang galt der Fed-Chef als Dirigent der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lohntransparenz: Nordea legt Gehälter offen und verändert die Machtverhältnisse
26.07.2026

Was geschieht, wenn Beschäftigte plötzlich erkennen können, ob ihr Gehalt am oberen oder unteren Ende der vorgesehenen Spanne liegt? Die...

DWN
Panorama
Panorama Hitzefalle Spielplatz: Wie Städte für mehr Schatten sorgen wollen
26.07.2026

Die Sommer werden heißer, und viele Spielplätze geraten an ihre Grenzen. Fehlender Schatten und aufgeheizte Flächen erschweren das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Britische Wirtschaft: Die Heimat des Kapitalismus steckt in der Wachstumsfalle
26.07.2026

Großbritannien wechselt seine Regierungschefs, doch die Wirtschaft bleibt stehen. Seit der Finanzkrise wächst die Heimat des Kapitalismus...

DWN
Politik
Politik Russische Atomtechnik in Deutschland: Was hinter der umstrittenen Kooperation in Lingen steckt
25.07.2026

Die Genehmigung für eine Brennelementefertigung mit russischer Technologie in Niedersachsen wirft weitreichende Fragen auf. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen KI und Geldpolitik: Warum die Fed vor einem Zinsdilemma steht
25.07.2026

Künstliche Intelligenz soll die Produktivität steigern und die Inflation bremsen. Doch ausgerechnet der milliardenschwere KI-Boom könnte...

DWN
Politik
Politik Milliardäre besteuern: Die Buchwert-Falle
25.07.2026

Berlin streitet über das Erbe und das Geld der Reichsten. Doch die vermeintliche Lösung des Fiskus entpuppt sich als Sprengsatz für die...