„Schlechtester Bahnanbieter Großbritanniens“ darf in Baden-Württemberg ran

 

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19.07.2019 16:26
Baden-Württemberg hat den "schlechtesten Bahnanbieter Großbritanniens" - die Firma Go-Ahead - engagiert. Nun muss das Land Steuergeld zuschießen, um angesichts von Zugausfällen, Unpünktlichkeit und technischem sowie personellem Versagen noch das Schlimmste zu verhindern.
„Schlechtester Bahnanbieter Großbritanniens“ darf in Baden-Württemberg ran
Ein Zug des Zugbetreibers Go-Ahead steht am Stuttgarter Hauptbahnhof. (Foto: dpa)

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Seit Anfang Juni fahren im Regionalverkehr von Baden-Württemberg neben den roten Zügen der Deutschen Bahn auch die gelben Züge von Go-Ahead und Abellio, und zwar auf den Nahverkehrsstrecken des Stuttgarter Netzes - mit massiven Startproblemen, die zu zahlreichen Verspätungen und Zugausfällen geführt haben.

So funktionieren bei den Zügen von Go-Ahead etwa die sogenannten Schiebetritte, die den Einstieg erleichtern sollen, beim Ausfahren nicht richtig. Daher werden sie vorerst bis auf wenige Ausnahmen nicht ausgefahren.

Nun muss die Steuerungssoftware angepasst werden und dann erneut vom Eisenbahnbundesamt geprüft und freigegeben werden, was voraussichtlich noch bis zum Herbst dauern wird.

Bereinigung der Probleme bei Go-Ahead braucht Zeit

Zwar verlief lief der Start auch bei Abellio nicht ganz ohne Schwierigkeiten, vor allem weil die bestellten Züge nicht rechtzeitig geliefert wurden und man deshalb immer noch geliehenen Fahrzeugen einsetzen muss. Doch bei Go-Ahead sind die Probleme massiver.

Die gröbsten der Probleme will Go-Ahead "bis Ende des Sommers bereinigt haben", sagte Geschäftsleiter Hans-Peter Sienknecht Anfang Juli gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Manches brauche jedoch noch mehr Zeit.

"Einzelne Punkte, man mag das gar nicht sagen, werden sich eventuell bis in den Oktober hinziehen, bis sie endgültig abgearbeitet sind - zumindest was die Fehlerbereinigung im Zusammenhang mit sicherheitsrelevanten Themen angeht", so Sienknecht.

Laut Sienknecht gab es auch Schwierigkeiten mit dem Leitsystem, mit den Bremsen und der Leistung der Züge insgesamt. Auch beim Fahrkartenverkauf haperte es. Vor allem in den ersten Tagen hatten Fahrgäste mit massiven Ausfällen und Verspätungen zu kämpfen.

Vieles davon hätte nicht sein müssen, wenn die Züge nicht erst kurz vor knapp geliefert worden wären. "Wir hatten ursprünglich mal unterstellt, dass wir mit mindestens drei Monaten Vorlauf einen Probebetrieb durchführen können", so  Sienknecht. Letztlich seien dann aber nur noch einige wenige Fahrten möglich gewesen - und die nicht unter Realbedingungen.

Fehlerhafte Fahrzeuge, unerfahrene Mitarbeiter

Zudem hätten auch die Mitarbeiter, zum großen Teil Quereinsteiger, erst lernen müssen, mit den geballt auftretenden Problemen umzugehen. "Es ist einfach das Zusammenspiel: Auf der einen Seite fehleranfällige Fahrzeuge, auf der anderen Seite die Unerfahrenheit", sagte Sienknecht.

Man werde aber von Tag zu Tag besser. Bei Verspätungen bis zu drei Minuten liege die Quote inzwischen bei 70 Prozent. Ziel bleibe, über 90 Prozent zu kommen, aber das sei angesichts der hoch belasteten Infrastruktur schwierig sei.

"Für rund die Hälfte der Fälle können wir nicht einmal was", sagte Sienknecht und verwies auf Böschungsbrände, Störungen bei Stellwerken und Oberleitungen sowie auf überholende Fernverkehrszüge.

Das Verkehrsministerium zeigte sich auf Anfrage "noch nicht zufrieden", aber durchaus verständnisvoll. Beide neuen Betreiber müssten auch erst einmal Erfahrungen sammeln. Speziell zu Go-Ahead gefragt, hieß es, das Unternehmen bemühe sich alles in allem sehr darum, schnell einen stabilen Betrieb sicherzustellen. Aber auch: "Die Anstrengungen dürfen hier nicht nachlassen."

Trotz allem dürfte der verpatzte Start Go-Ahead wohl teuer zu stehen kommen. Denn im Vertrag finden sich genau festgelegte Strafen für Unpünktlichkeit oder den Ausfall von Zügen. "Das ist schon schmerzhaft", sagt Sienknecht.

Warum Go-Ahead und Abellio statt Deutsche Bahn?

Go-Ahead ist ein britisches Konsortium, das in mehreren europäischen Ländern Busse und Bahnen betreibt und an dem die französische Staatsbahn SNCF beteiligt ist. Abellio ist eine Tochter der niederländischen Staatsbahn.

Dass im deutschen Personennahverkehr verstärkt Bahnbetreiber neben der Deutschen Bahn auftreten, is die Folge einer Entscheidung aus dem Jahr 1996. Die Bundesländer entscheiden seitdem über die Streckenverläufe und über die Zulassung von Unternehmen. Der Bund stellt dafür jährlich knapp zehn Milliarden Euro zur Verfügung.

Die Länder schreiben ihre Strecken dabei für einen begrenzten Zeitraum aus. So laufen etwa die Verträge Baden-Württembergs mit Go-Ahead und Abellio bis zum Jahr 2032. Einst war es die Regel, dass die Deutsche Bahn diese Aufträge erhielt. Inzwischen erhält meist das billigste Unternehmen den Zuschlag.

Schlechtester Bahnanbieter Großbritanniens

Im Fall des Stuttgarter Netzes hingegen war das Angebot der Bahn günstiger als Go-Ahead und Abellio. Dass die beiden ausländischen Unternehmen dennoch den Zuschlag erhielten, liegt an Formfehlern im Antrag der Bahn und offenbar auch an ihrem schlechten Verhältnis zum einstigen Stuttgart-21-Gegner und jetzigen grünen Verkehrsminister Winfried Hermann.

Die massiven Startschwierigkeiten des britischen Unternehmens Go-Ahead sind keine Überraschung. Im Vorfeld hat man davor gewarnt, dass seine Linie Govia Thameslink Railway (GTR) seit vielen Jahren als der "schlechteste Bahnanbieter" Großbritanniens gilt, wie das Rail Technology Magazine berichtete.

Um den Betrieb zu gewährleisten, schafft Baden-Württemberg neue Züge an, die es an Go-Ahead und Abellio vermietet. Denn das Land kann zu deutlich besseren Konditionen Kredite aufnehmen, als es den beiden börsennotierte Unternehmen.

Und da den beiden Unternehmen nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Lokführer fehlen, baut Baden-Württemberg nun an verschiedenen Standorten Personal-Pools auf. "Eine entsprechende europaweite Ausschreibung ist jetzt vom Verkehrsministerium veröffentlicht worden", heißt es in einer Presseerklärung des Ministeriums.

"Es ist eigentlich die Aufgabe der Verkehrsunternehmen, genügend Personal und eine Reserve bereitzustellen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen jedoch, dass es daran oft mangelt. Im Interesse der Fahrgäste gehen wir diesen bundesweit einmaligen und ungewöhnlichen Weg unternehmensübergreifend", sagte der grüne Minister Hermann.

Finanziert wird der "Standby-Pool der Triebfahrzeugführer", so die offizielle Berufsbezeichnung, vom Land Baden Württemberg. "Wenn Eisenbahnunternehmen auf diese Mitarbeiter zugreifen, müssen sie sich an den Kosten beteiligen", so die Presseerklärung.

Fazit: Baden-Württemberg unterstützt mit dem Geld der Bürger zwei börsennotierte Unternehmen mit Zügen und Personal, von denen eines als der "schlechteste Bahnanbieter" Großbritanniens gilt, damit sie der Deutschen Bahn Konkurrenz machen können, die ebenfalls vom Bürger mit jährliche Milliardenbeträgen mitfinanziert wird.


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