Politik
Alle Lebensbereiche betroffen

Studie: Bürger, Politik und Wirtschaft sind nicht auf den demografischen Wandel vorbereitet

Die DZ Bank untersucht in einer Studie die Auswirkungen der Alterung der Gesellschaft. Diese werde das wirtschaftlich-soziale Gefüge des Landes ins Wanken bringen.
25.08.2019 17:44
Lesezeit: 3 min

Die DZ Bank, das Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken, schreibt in einer Medienmitteilung:

Der demografische Wandel wirkt sich gravierend auf den Arbeitsmarkt, das Sozialsystem und den Wohnungsmarkt in Deutschland aus – ohne, dass Regierung, Wirtschaft und Bürger ausreichende Vorsorge getroffen hätten. In einer heute vorgestellten Studie beleuchten die Experten des DZ BANK Research die Brisanz des Altersstrukturwandels. Im Fokus stehen Lösungsansätze wie eine verpflichtende Altersvorsorge und Initiativen für bedarfsgerechten Wohnungsbau sowie die Effekte der Automatisierung der Arbeit.

Die deutsche Bevölkerung altert – und schrumpft: Bis 2060 dürfte die Einwohnerzahl um rund 5 Mio. Personen auf 78,2 Mio. sinken. Kommen heute noch 31 Menschen im Rentenalter auf 100 Menschen im Erwerbstätigenalter, werden es 2060 über 50 sein. Den stärksten Schub erfährt der Altersstrukturwandel bereits in rund zehn Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen. Daraus ergeben sich enorme wirtschaftlich-gesellschaftliche Herausforderungen wie steigender Fachkräftemangel, ein sinkendes Rentenniveau sowie höherer Druck auf den bereits heute knappen Wohnraum in Ballungszentren.

„Bisherige Reformschritte, wie die Riester-Rente oder die Rente mit 67, greifen angesichts der rasant alternden Gesellschaft zu kurz. Stattdessen braucht Deutschland strukturelle Konzepte, um die Folgen der Überalterung abzufedern. Wir müssen die steigenden Lasten für Unternehmen und Bürger entschlossen anpacken, und dürfen sie nicht einfach auf die nachfolgenden Generationen schieben“, so Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ BANK.

Arbeitsmarkt: Löst die Digitalisierung den Fachkräftemangel?

Trotz des späteren Renteneintritts stehen künftig immer mehr Menschen im Rentenalter immer weniger Erwerbstätigen gegenüber. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell niedrig bei 5,0 Prozent, doch die Zahl offener Stellen beläuft sich im ersten Quartal auf fast 1,4 Millionen. Besonders mittelständische Unternehmen sorgen sich wegen fehlenden Personals. In unserer jüngsten Mittelstandsumfrage nannten über 80 Prozent der befragten Unternehmen den Fachkräftemangel als Problem. Hoher Bedarf herrscht besonders im Transportbereich, dem Baugewerbe oder der Pflege – wiederum Branchen, die für die Bewältigung der demografischen Herausforderungen essentiell sind.

Die Digitalisierung und Automatisierung wecken die Hoffnung, den Fachkräftemangel zu lindern, denn neue Technologien können Arbeit produktiver gestalten. Längst werden Fertigungsschritte in Fabriken durch Roboter getätigt, die künftig noch „intelligenter“ werden und mehr Tätigkeiten übernehmen sollen. Gerade in Berufen, in denen Personalmangel herrscht, dürfte sich die Entwicklung neuer Automatisierungstechnologien lohnen. Diese stoßen jedoch auch an Grenzen. „Personalmangel wird sich durch Technik allein nicht lösen lassen“, so Bielmeier. Vielmehr wird sich die Arbeitskräftenachfrage mit den neuen technischen Möglichkeiten verändern: Standardisierte Arbeiten können künftig automatisiert erfolgen. Die völlige Automatisierung von Berufen wird aber die Ausnahme bleiben. Vor allem in der Pflege und in sogenannten „MINT“-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) dürfte sich der bestehende Mangel sogar verschärfen.

Den DZ BANK-Ökonomen zufolge versuchen Unternehmen Fachkräfte zu werben und zu halten, indem sie ihnen höhere Flexibilität, familienfreundliche Bedingungen und Bildungsmöglichkeiten anbieten. Auch das von der Bundesregierung beschlossene Fachkräfteeinwanderungsgesetz sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, um das Angebot an Arbeitskräften auszuweiten.

Soziale Sicherung: Brauchen wir eine verpflichtende private Altersvorsorge?

Bis zum Jahr 2025 steigt die Zahl der Personen über 67 Jahren um 7,5 Prozent. Doch die Herausforderungen treten erst danach auf – im Jahr 2035 wird die Gruppe der über 67-Jährigen um ganze 29,7 Prozent gewachsen sein. „Die jüngste Rentenreform, deren Ziele auf 2025 ausgerichtet sind, greift angesichts dieses sprunghaften Anstiegs mit dem Renteneintritt der Babyboomer zu kurz“, so Bielmeier. „Konzepte wie die Mütterrente oder die bedingungslose Grundrente schaffen nur Anspruch auf Rentenleistungen, klären aber nicht die Frage, wer zahlen soll und kann.“

Mit der wachsenden Altersvorsorgelücke bei vielen Bürgern ergeben sich den Research-Experten zufolge ähnlichen Probleme wie bei der Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland. Angesichts der sich zuspitzenden Lage erscheint daher eine Pflicht zur Vorsorge sinnvoll – ab bestimmten Einkommensgrenzen und bei maßvoll angesetzten Vorsorgeniveau. „Die Bürger dürfen nicht gezwungen werden, für eine Luxus-Rente zu sparen. Ziel sollte sein, einen würdigen Lebensstandard im Alter zu sichern“, erklärt DZ BANK-Ökonom Michael Stappel. Idealerweise beginnen die Bürger möglichst früh mit einer kapitalgedeckten Altersvorsorge und achten dabei auf eine ausgewogene Portfoliostruktur der Anlagemittel.

Wohnungsmarkt: Entspannt sich der Wohnungsmangel durch den Bevölkerungsrückgang?

Expertenschätzungen zufolge werden jährlich rund 400.000 neue Wohnungen in Deutschland benötigt. 2018 wurden jedoch nur 286.000 fertiggestellt. Man könnte annehmen, die sinkende Bevölkerungszahl – 2060 leben etwa 5 Mio. weniger Menschen in Deutschland als heute – sollte diese Wohnungsknappheit auf lange Sicht lindern. Laut dem DZ BANK-Research ist das Gegenteil wahrscheinlich: In einer alternden Gesellschaft verändern sich auch die Wohnbedürfnisse. Die Zahl der kleinen (Senioren-)Haushalte steigt ebenso wie der Pro-Kopf-Flächenbedarf. Zudem erhöht die Urbanisierung den Druck in Ballungsräumen.

„Die Mietpreisbremse oder der Mietendeckel lösen das Problem des fehlenden Wohnraums nicht, sondern schrecken eher Investoren ab und verursachen Investitions- und Sanierungsstau“, erläutert Stappel. Stattdessen gilt es, den Bau neuer Wohnungen anzukurbeln, indem Bauvorschriften entrümpelt, öffentlicher Baugrund zur Verfügung gestellt und Baugebiete nachverdichtet werden.

 

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Während der Markt panikartig verkauft, setzt das "kluge Geld" fieberhaft Bitcoin-Druckmaschinen ein?

Der Markt hat kürzlich eine scharfe Korrektur durchlaufen, wobei sich Panik wie eine Seuche ausbreitete, als Verkäufer ihre...

DWN
Politik
Politik Neuwahlen Ukraine: Selenskyj könnte Präsidentenwahl für 15. Mai ansetzen
11.02.2026

Die USA wollen ein schnelles Ende des Ukraine-Kriegs: Einem Bericht der Financial Times zufolge könnte Präsident Selenskyj die Flucht...

DWN
Politik
Politik Epstein Files: Von Adel bis Politik - das „Wer ist wer“ der Epstein-Akten
11.02.2026

Royals, Regierungsmitglieder und Diplomaten: Das Netzwerk des US-Multimillionärs und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein umspannte die Welt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Polizeieinsatz in Grünheide: Tesla gegen IG Metall
11.02.2026

Wenige Wochen vor der Betriebsratswahl kommt es im Werk von US-Elektroautobauer Tesla in Grünheide zu einem Eklat. Damit spitzt sich der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stahlhütte HKM soll bleiben - aber starker Stellenabbau
11.02.2026

Salzgitter will die Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) schon bald komplett übernehmen. Der größte Anteilseigner Thyssenkrupp Steel ist...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererklärung 2025: Wie Sie außergewöhnliche Belastungen richtig nutzen
11.02.2026

Die Steuererklärung bietet mehr Sparpotenzial, als viele vermuten. Wer außergewöhnliche Belastungen korrekt angibt, kann seine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft „Europa fällt zurück“: Bündnis richtet Appell vor EU-Gipfel
11.02.2026

Mit dem Erstarken Chinas und dem Kurs von Donald Trump wächst der Druck auf Europa. Vor einem EU-Gipfel warnen Unternehmen vor Bedrohungen...

DWN
Finanzen
Finanzen Wacker Neuson-Aktie: Margenziel verfehlt, moderates Wachstum erwartet
11.02.2026

Bei Wacker Neuson hat die gescheiterte Doosan Bobcat-Übernahme belastet. Im Schlussquartal drückten Kosten im Zusammenhang mit den dann...

DWN
Politik
Politik Nato-Mission: London will 1.000 Soldaten zusätzlich nach Norwegen verlegen
11.02.2026

Der Konflikt um Grönland führt zu mehr Aufmerksamkeit für die Verteidigung der Arktis. Nun kündigt Großbritannien eine weitere...