Politik
Kommt deutsch-russisch-türkisches Bündnis?

Nato-Austritt der Türkei könnte Aufbau einer EU-Armee Vorschub leisten

Erdogan verfolgt eine unabhängige Außenpolitik. Wenn die Türkei aus der Nato austreten sollte, könnte sie Mitglied einer EU-Armee werden. Auch ein Beitritt Russlands ist nicht ausgeschlossen.
17.08.2019 07:57
Lesezeit: 3 min

Die Türkei verfolgt mit dem Kauf der russischen Luftabwehrsysteme der Klasse S-400 das Ziel, militärisch unabhängiger zu werden und damit in der zu Lage zu sein, eine eigenständigere Außenpolitik zu betreiben. Das schreibt der US-Informationsdienst Geopolitical Futures (GPF) und analysiert weiter, dass es der Türkei nicht darum gehe, sich Russland anzunähern.  

Zwar hat Ankara die Zusammenarbeit mit Moskau in den letzten Jahren intensiviert, was sich unter anderem an den folgenden Punkten zeigt:

Der Handel zwischen beiden Ländern hat in den letzten Jahren stark zugenommen.

Russland hat sich zum größten Erdgaslieferanten der Türkei entwickelt.

Die Regierung in Ankara hat die Präsenz Russlands in Syrien weitestehend legitimiert, indem sie sich wiederholt zu Friedensgesprächen mit Moskau getroffen hat.

Aber: Die Türkei will selbständig agieren können, ohne sich mit Moskau absprechen zu müssen. In militärischer Hinsicht macht der  S-400-Deal für die Türkei auch durchaus Sinn. Summa summarum muss man ihn daher als Teil einer umfassenderen Strategie der Türkei zur Diversifizierung ihres Waffenarsenals verstehen, nicht als Indikator für eine aufstrebende strategische Allianz zwischen Ankara und Moskau. Um es anders auszudrücken: Washingtons Annahme, die Türkei bahne den S-400-Deal lediglich zum Schein an, um eine bessere Verhandlungsposition beim Kauf von US-amerikanischen Patriot-Raketen zu erringen, war offenbar eine eklatante Fehleinschätzung.

Ganz wichtig: Der S-400-Deal kann gravierende Auswirkungen auf das Verhältnis der Türkei zur Nato haben. Zu dieser Einsicht kommt man, wenn man sich vor Augen hält, warum die Türkei im Jahr 1952 überhaupt der Nato beitrat: Nämlich, um durch die Zugehörigkeit zum westlichen Militärbündnis Schutz vor der Sowjetunion zu gewinnen. GPF schreibt: "Heute ist Russland jedoch ein Schatten seines früheren Selbst. In der Ukraine hat es sich festgefahren und steht vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Zustimmungsraten von Präsident Wladimir Putin sinken weiter. Es hat größere Probleme als die Türkei. Russland hat darauf geachtet, eine Konfrontation mit türkischen Streitkräften in Syrien zu vermeiden. Die relative Schwäche Russlands hat der Türkei somit mehr Handlungsspielraum gegeben, unabhängig von ihren anti-russischen Verbündeten.”

Man muss mit den einzelnen Punkten der Analyse von GPF sicherlich nicht übereinstimmen, mit dem Fazit aber schon:  Einen Grund, sich von Russland bedroht zu fühlen, hat die Türkei heute nicht. Und daher sieht Ankara sich in der Lage, sich außenpolitisch zu emanzipieren - auch von der Nato.

Die Türkei und das Projekt einer EU-Armee

Wäs wäre, wenn die Emanzipation drastische Ausmaße annähme? Wenn sich die Türkei dazu entschließen sollte, die Nato zu verlassen?

Es ist durchaus nicht abwegig, dass die Türkei der "Permanent Structured Cooperation" (Pesco), die von Frankreich und Deutschland letztes Jahr als EU-Militärallianz ins Leben gerufen wurde, beitreten. Wahrscheinlich wäre dies sogar der einzige Weg, um Pesco zu einer schlagkräftigen Militärallianz zu transformieren. Ob die Aufwertung von Pesco durch die Türkei positiv für die internationale Sicherheitspolitik wäre, ist derzeit schwer zu beurteilen. 

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu führt aus: "Pesco ist hinsichtlich der Zusammenarbeit bei der neuen Verteidigungsintegration recht flexibel, da nicht alle EU-Mitgliedstaaten teilnehmen müssen. Ebenso müssen nicht alle Pesco-Staaten an allen Projekten teilnehmen. Pesco hat das Potenzial, innovative technologische Programme von Rüstungsunternehmen in der EU voranzutreiben. Es fördert auch die Zusammenarbeit durch multilaterale Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Dies ist, was die Türkei für ihre Verteidigung sucht (...) Vielleicht ist es an der Zeit zu prüfen, ob PESCO in den Beziehungen zwischen der Türkei und der EU eine Rolle spielen könnte."

Tatsache ist: Eine militärische Verschmelzung zwischen Kontinentaleuropa, dem Bosporus und Anatolien würde zwangsläufig der EU den Status einer militärisch ausgesprochen starken Macht, vielleicht sogar einer Supermacht verleihen. Im Interesse des Pentagons wäre das nicht.

Wäre es unter Umständen sogar vorstellbar, dass Russland langfristig der EU-Armee beitreten könnte? Der englischsprachige Dienst von Reuters zitiert Putin: “Europa ist eine mächtige Wirtschaftsunion, und es ist ganz natürlich, dass es in Fragen der Verteidigung und Sicherheit unabhängig, autark und souverän sein möchte.” Glaubt man dem russischen Präsidenen, hat er nichts gegen eine EU-Armee einzuwenden. Dass Russland Teil von Europa ist, steht außer Frage. 

Möglicherweise tätigt Putin seine Aussagen nur, um der zunehmenden Vertiefung der Gräben zwischen Europäern und US-Amerikanern Vorschub zu leisten. Vielleicht bereitet er aber auch wirklich eine Annäherung zwischen seinem Land und den europäischen Mächten vor. So, wie sich die Dinge derzeit entwickeln, könnte es in den nächsten Jahren zu weitreichenden Verschiebungen innerhalb der europäischen Sicherheits-Architektur kommen.

 

 

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-IPO: Geleakter Prospekt enthüllt die Milliardenrisiken hinter Claude
03.10.2026

Anthropic gilt als einer der heißesten Kandidaten für den nächsten großen KI-Börsengang. Doch ein geleakter Prospekt zeigt, welchen...

DWN
Panorama
Panorama Notstromversorgung: Warum ein Generator im Ernstfall nicht reicht
03.10.2026

Ein Stromausfall von wenigen Minuten ist lästig. Dauert er mehrere Tage, kann er für Unternehmen existenzbedrohend werden. Erfahrungen...

DWN
Immobilien
Immobilien Hitzeschutz: So bewahren Sie auch ohne Klimaanlage einen kühlen Kopf 
03.10.2026

Deutschland hat einen der heißesten Sommer hinter sich - und es wird nicht der letzte gewesen sein. Um sich in Gegenwart und Zukunft gegen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
03.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI und Arbeitsmarkt: Der Effizienzboom könnte den Fachkräftemangel verschärfen
03.10.2026

Künstliche Intelligenz macht Unternehmen schneller und produktiver. Doch ausgerechnet junge Berufseinsteiger könnten dafür einen hohen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wann lag die Inflation im Euroraum zuletzt bei vier Prozent?
03.10.2026

Zehn Wendepunkte zeigen, wie schnell eine Krise die Inflation nach oben treiben kann und wie langsam sich die Preise anschließend wieder...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China-Schock trifft Europa: Millionen Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel
03.10.2026

In der kommenden Woche reisen führende EU-Vertreter nach Peking, um von der chinesischen Führung zu verlangen, das enorme...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Anleiherenditen setzen Aktien weiterhin unter Druck
02.10.2026

Zinsängste und Arbeitsmarktdaten bewegen die Börsen – was Anleger jetzt wissen müssen.